André Dekker wurde vom Außenseiter zum „Kölner“ und entwickelte eine Vision, wie Schönheit das Trauma der Katastrophe heilen kann.
Einsturz des Kölner StadtarchivsSchönheit als Antwort auf die Katastrophe

Andre Dekker schafft aus den Erinnerungen der Kölner ein Buch über das Kunstprojekt am Waidmarkt.
Copyright: Thomas Banneyer
Als am 3. März 2009 das Historische Archiv der Stadt Köln am Waidmarkt einstürzte, gingen die Bilder der Katastrophe um die Welt. Auch Andre Dekker verfolgte in Rotterdam das Geschehen. Als er die Fotos der Einsturzstelle sah, konnte er es wie so viele kaum glauben, dass sich ein gewaltiges Loch aufgetan hatte. „Wo ist denn das Gebäude?“, fragte er sich im ersten Moment. „Das hat mich gepackt“, erinnert sich Dekker. „Und tut es bis heute.“
17 Jahre ist die Katastrophe her, bei der zwei Menschen zu Tode kamen und etwa 30 Kilometer Archivgut verschüttet wurden. Dekker ist zurzeit zu Besuch in Köln und wird auch die heutige Gedenkveranstaltung (siehe Kasten) besuchen. Nachdem der Künstler aus den Niederlanden in den Jahren nach dem Einsturz immer mal wieder zu Gast in der Domstadt gewesen war und sich bewusst die Unfallstelle angesehen hatte, erreichte ihn vor zwei Jahren die Einladung zu künstlerischen Intervention am Waidmarkt. Dekker ist Teil des 1997 in Rotterdam gegründeten Künstlerkollektivs Observatorium, das bekannt dafür ist, „an Orten und in Prozessen der urbanen Transformation mit Kunstwerken neue Bedeutungen und Nutzungen zu etablieren“. Dies hat die Gruppe beispielsweise auch bei der Haldenkunst im Ruhrgebiet umgesetzt. Ihre Entwurfsphilosophie wird in dem Buch mit dem Titel „Public Art for Public Life“ (Öffentliche Kunst für öffentliches Leben) beschrieben. „Und der trifft es ganz gut“, sagt Dekker.
Wie beeinflusste das Unglück das Lebensgefühl der Kölner?
Der 69-Jährige und seine Kollegen haben sich in den vergangenen Jahren intensiv mit der Frage beschäftigt, wie der Einsturz des Stadtarchivs und dessen Folgen das Lebensgefühl der Kölner nach der ersten Schockstarre bis heute beeinflussen. Der Auftrag der Stadt lautete, eine Vision für den neuen Waidmarkt zu schaffen. „Ziel war es, den ganzen Ort atmosphärisch zu verändern“, sagt Dekker. Es sollte nicht einfach eine Skulptur geschaffen werden, vielmehr sollte es ein Ort der Begegnung werden, an dem die Menschen zu Wort kommen. Und so nahm sich Dekker die Zeit, erst einmal ganz lange zuzuhören. So viele Beteiligte, so viele Betroffene, so viele Schüler der zwei angrenzenden Gymnasien, so viele Bücher. „Ich musste das erst einmal verstehen.“ Sein Motto: „Entwerfen durch zuhören.“ In der Zeit wohnte er im Gastatelier am Alteburger Wall oder war privat untergebracht. „Ich bin Kölner geworden“, sagt er über sein Jahr in der Domstadt.
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Und dann entstand die Idee: „Wir bauen einen Gedenkpavillon, der als Archiv genutzt werden kann, quasi ein Archiv auf Zeit.“ Dekkers Kollege Geert van de Camp baute den Holzpavillon, der im vergangenen Jahr von Anfang Mai bis Ende Juni Besuchern des Waidmarkts die Möglichkeit gab, ihre Erinnerungen, Gedanken, Wünsche schriftlich oder als Zeichnung festzuhalten. Entstanden ist daraus eine Art Dokumentensammlung mit vielen Erinnerungsstücken. Dieses Logbuch bildet nun die Grundlage für ein Buch, das Dekker im Sommer veröffentlichen will.
Es soll vom Auftrag der Stadt erzählen, ein Kunstwerk am Waidmarkt zu schaffen, das dem Gedenken und Erinnern des Archiv-Einsturzes gewidmet ist. Dekker sieht dies als „Wagnis der Stadt, an einem traumatisch besetzten Ort, Künstler und Bürger der Stadt zeigen zu lassen, wie es sein könnte“, und damit auch die Freiheit der Künstler zu respektieren. „Es war die Zuversicht der Stadt, dass da etwas entsteht, was bei der Verarbeitung des Traumas helfen kann.“ Es wird außerdem ein Buch über ein Kunstwerk als Vorschlag eines neuen städtischen Raumes sein. „Mit dem Pavillon wurde für viele Kölner erstmals sichtbar, dass dort etwas passiert“, sagt Dekker. Und dieses Kunstprojekt soll in dem Buch fortleben.
Entstanden ist aus dem Austausch mit all den Menschen die Vision eines Waidmarkts mit viel Grün und Aufenthaltsqualität. „Eine ganz große Geste mit freundlicher Atmosphäre“, beschreibt es Dekker. Eine Art „Waidgarten“, mit einer tiefergelegten, ebenfalls begrünten Turnhalle für die Gymnasien. Ein Denkmal brauche es nach Dekkers Auffassung nicht, der ganze Raum sei eine Gedenkstätte. Er sieht sich inzwischen als „informierten Außenseiter“, der Einblick in die Kölner Seele nehmen durfte. „Das Trauma ist da.“ Nach wie vor gebe es eine große Betroffenheit, aber auch die Gleichgültigkeit sei gewachsen.
Sein Resümee: „Der Archiveinsturz hat das Lebensgefühl der Kölnerinnen und Kölner in alle Richtungen ausgedehnt: Die Katastrophe hat sie wütender, trotziger, kämpferischer, argwöhnischer, gleichgültiger, gelassener oder utopistischer gemacht.“ Dabei sieht Dekker einen deutlichen Unterschied in den Kölner Veedeln: Während die Südstädter die Unglücksstelle tagtäglich im Alltag sähen, wüssten manche andere hingegen noch nicht einmal, dass da immer noch Baustelle ist.
Schönheit als Antwort auf die Katastrophe
Die Umsetzung der Vision für den Waidmarkt in den nächsten Jahren würde er gerne aus der Distanz unterstützen. Dabei empfiehlt er einen Dreiklang aus Architektur, Landschaftsarchitektur und Kunst. Für die Zukunft hofft er, dass sich die Menschen am Waidmarkt fragen werden, warum es dort so schön ist. „Und dann wird die Antwort lauten: Weil diese unfassbare Katastrophe passiert ist, und die Verantwortlichen haben das mit Schönheit beantwortet“, sagt Dekker. Aber bis es soweit ist, wird es noch ein langer Weg sein.

