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Freiwilliges Ökologisches Jahr in KölnMit 18 Jahren das Weltklima simulieren

4 min
Damit die Versuche auch klappen, die jüngeren Schülerinnen und Schülern  Zusammenhänge in Sachen Klima verdeutlichen sollen, probiert Anneliese Auth sie vorher aus. Die junge Frau hat einen Versuch aufgebaut, der Erlenmeyerkolben und das Holzgerüst, die dafür nötig sind, kommen aus dem Klimakoffer.

Damit die Versuche auch klappen, die jüngeren Schülerinnen und Schülern  Zusammenhänge in Sachen Klima verdeutlichen sollen, probiert Anneliese Auth sie vorher aus. 

Nach dem abstrakten Pauken in der Schule trägt sie jetzt ganz praktisch zum globalen Klimaschutz bei. Annelies Auth macht ein FÖJ bei myclimate. Wir haben sie besucht.

Eigentlich wollte sie nur die Seite wechseln. Nicht nach dem Abi schon wieder lernen, sondern erst einmal die Lehrende sein. Wissen so vermitteln, wie sie es sich in der Schule gewünscht hätte. Doch schon nach vier Monaten im Freiwilligen Ökologischen Jahr bei der Organisation „myclimate Deutschland“, die Unternehmensberatung und Bildung im Bereich Klimaschutz anbietet, ist deutlich mehr daraus geworden. „Ich erfahre hier jeden Tag Neues, was mich wirklich interessiert und persönlich weiterbringt“, sagt Anneliese Auth. „In einem inspirierenden Team, das mir viele Freiheiten lässt.“

Seit zwei Monaten lernt die 18-Jährige in einem englischsprachigen Online-Kurs, wie ein Simulationsinstrument zur Klimaveränderung funktioniert, das auf zahlreichen globalen Klimakonferenzen Grundlage der Gespräche zwischen Staaten war. „Mit dem am Massachusetts Institute of Technology in Zusammenarbeit mit Climate Interactive   entwickelten Programm ‚EnRoads‘ arbeitet myclimate schon seit 2019“, sagt Auth. „Mit ihm können wir aufzeigen, wie sich das Weltklima bis 2100 verändern würde, wenn etwa Kohle von einem definierten Zeitpunkt an nicht mehr subventioniert oder Gas höher besteuert würde.“ Auf Landkarten wird anschaulich, welche konkreten Folgen der Anstieg des Meeresspiegels haben wird. Statistiken zeigen auf, mit wie vielen zusätzlichen Toten auf 100.000 Einwohner etwa in den USA oder in NRW durch Klimafolgen wie Überschwemmungen, Stürme oder Hitze zu rechnen ist.

Mit dem MIT-Tool gehen wir in Oberstufen und simulieren eine UN-Klimakonferenz, bei der Schüler und Schülerinnen bestimmte Staaten und deren Interessen vertreten.
Anneliese Auth

„Mit dem MIT-Tool gehen wir in Oberstufen und simulieren eine UN-Klimakonferenz, bei der Schüler und Schülerinnen bestimmte Staaten und deren Interessen vertreten“, schildert Auth. In den Projekten sollen sie eine Lösung erarbeiten, mit der der globale Temperaturanstieg begrenzt werden kann. Sie erleben, wie schwierig solche Verhandlungen sind und wie komplex das Thema ist. Und dass es zu schaffen ist, wenn jeder zu Kompromissen bereit ist. Noch ist Auth bei den Projekten zweite Kraft. „Aber wenn ich die Schulung abgeschlossen habe, leite ich die Kurse.“

40 Stunden in der Woche arbeitet die 18-Jährige in einem Team aus Geologen, Biologen, Pädagogen, Sozialwissenschaftlern, Umweltwissenschaftlern, Psychologen und Betriebswirtschaftlern. Fünf einwöchige Schulungen des LVR zum Themenfeld sind Teil des FÖJ (siehe Infokasten). Büroarbeiten gehören ebenso zum Arbeitstag wie das Laminieren von Unterrichtsmaterialien. Oder die Versuche des „Klimakoffers“ auszuprobieren, damit sie bei der Vorführung in Projekten für jüngere Schüler auch klappen.

Kooperationen mit Dortmunder BVB, Mainz 05 und den Stuttgarter Kickers

Völlig verblüfft war die Kölnerin darüber, wie gering in manchen Kursen das Wissen über Klimaveränderungen war. Sehr beeindruckt hat sie eine große Aktion des Fußballvereins Mainz 05. Der hatte 150 Oberstufenschüler in seinen Presseraum eingeladen, um am Projekt zur Klimasimulation teilzunehmen. „Und danach gab‘s noch eine Stadionbesichtigung“, erinnert sich die 18-Jährige. Für 2026 vereinbart sind Klimabildungsprogramme mit dem Dortmunder BVB und den Stuttgarter Kickers.

Wir setzen niemanden unter Druck, wir informieren nur darüber, wie etwa Kleidung produziert wird, die nur ein Jahr lang hält und wo sie danach landet. Viele unserer Projektteilnehmenden wussten das gar nicht.
Anneliese Auth

Im Team fühlt sie sich komplett ernst genommen, auf ihr Feedback zu Unterrichtsplanung wird Wert gelegt. „Ich bin halt noch nah dran und weiß, wann man in der Schule anfängt, abzuschalten“, sagt sie schmunzelnd. Mit dem Ansatz von myclimate kann sie sich identifizieren. „Wir zeigen auf, wie Klimaveränderungen sich auf unser Leben in Köln konkret auswirken. Und was künftige Versuche, Klimafolgeschäden zu begrenzen, kosten werden. Wir setzen niemanden unter Druck, wir informieren nur darüber, wie etwa Kleidung produziert wird, die nur ein Jahr lang hält und wo sie danach landet. Viele unserer Projektteilnehmenden wussten das gar nicht“, so die Erfahrung von Anneliese Auth.

Die Arbeit im Team mit Naturwissenschaftlern, die „fast alle so Mitte 30 sind“, empfindet Auth als großen Gewinn. „Hier sind alle unglaublich motiviert.“ Was sie beruflich machen will, ist noch offen, Lehramt oder Wissenschaft könnte sie sich vorstellen. „Ich sehe in unserem Team, dass es nicht nur den einen geraden Weg gibt.“ Ein Kollege habe sich früher beruflich für Klimaschutz in Mexiko engagiert, nach Jahren bei myclimate geht er jetzt zu einem neuen Arbeitgeber. „Es ist inspirierend zu sehen, dass man viele verschiedene Leben leben kann“, sagt Auth. Für die Zeit nach ihrem Freiwilligenjahr hat sie allerdings schon einen Plan. Ein Jahr lang Reisen. Und arbeiten, wo sie gerade ist.