Schülerinnen und Schüler des Johannes-Sturmius-Gymnasiums Schleiden und Unterstützer haben Lebens- und Leidensgeschichten von 40 Menschen recherchiert.
#WeRememberEifelAusstellung in Schleiden-Vogelsang zeigt Biografien von NS-Opfern

Schülerinnen und Schüler des Schleidener Johannes-Sturmius-Gymnasiums, hier mit ihren Geschichtslehrerinnen Angelika Schmitz und Heike Schumacher (v.l.) sowie Vogelsang-IP-Geschäftsführer Thomas Kreyes (r.), haben in Zusammenarbeit mit zahlreichen Unterstützern die Biografien von bislang 40 Opfern des Nationalsozialismus recherchiert.
Copyright: Thorsten Wirtz
Dass man nicht unbedingt einen großen Raum zur Verfügung haben muss, um eine große Ausstellung realisieren zu können, beweist Vogelsang IP jetzt im „Raum der Stille und des Gedenkens“ auf der Empore des Besucherzentrums: Dort werden nun die digital aufgearbeiteten Biografien von insgesamt 40 Opfern des Nationalsozialismus präsentiert.
Alles hatte damit begonnen, dass das Schleidener Johannes-Sturmius-Gymnasium (JSG) vor rund zwei Jahren mit dem Projektkurs „Stolpern – erinnern – nach vorne schauen“ einen Preis beim Service-Lern-Programm „sozialgenial“ gewonnen hatte. Daraus war die Idee entstanden, Informationstafeln mit Biografien von Menschen aus der Region zu erstellen.
Opfer aus Gemünd, Mechernich, Euskirchen und anderen Orten
Die jetzt eröffnete Ausstellung nutzt jedoch eine andere Form der Präsentation: Statt auf herkömmlichen Info-Tafeln sind die Biografien der NS-Opfer aus Schleiden, Gemünd, Hellenthal, Monschau, Mechernich, Euskirchen und anderen Orten in der Region mit dem eigenen Smartphone – oder über zwei Medien-Terminals am Eingang des Ausstellungsraums – abrufbar.
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Ein einfacher Holz-Bilderrahmen mit einem Porträt ist der einzige Blickfang in der bewusst sehr einfach gestalteten Ausstellung.
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Ein einfacher (digitaler) Holz-Bilderrahmen mit einem Porträt der jeweiligen Person dient im kleinen Ausstellungsraum als Blickfang für die Besucher. „Wir sehen zunächst die Bilder von Menschen, wie eine alte Fotografie wirkend – doch diese Bilder verschwinden“, beschreibt der Historiker Dr. Marc Meyer, Leiter der Abteilung Wissenschaft und Bildung von Vogelsang IP, den Grundgedanken der bewusst ganz schlicht gehaltenen Präsentation: „Es bleiben nur ein Ort und ein Name.“
Unter dem Bilderrahmen befindet sich ein QR-Code, über den man zu weiteren Details der Lebens- und Leidensgeschichte gelangt. „Das Sounddesign im Ausstellungsraum zeigt, angedeutet durch Naturgeräusche und die Geräusche eines fahrenden Zuges, das Einbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in das Leben und die Heimat dieser Menschen“, so Meyer in seiner Einführung zum Ausstellungskonzept.
Schüler gestaltet Graphic Novel über das Schicksal von Richard Kaufmann
Einer dieser Menschen ist Richard Kaufmann, der 1902 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Gemünd geboren wurde. Von ihm wird ein Kinderfoto gezeigt, das ihn als kleinen Jungen im für die Zeit typischen Matrosenanzug zeigt. Richard Kaufmann emigrierte nach der Machtergreifung der Nazis nach Amsterdam, wo er seine – zuvor ebenfalls aus Deutschland geflohene – Frau kennenlernte und Vater wurde. Alle drei wurden jedoch nach Auschwitz deportiert und dort von den Nazis ermordet.

Die Familie Kaufmann wurde in Auschwitz ermordet. Hlynur Jakob Limbeck hat eine Graphic Novel über das Leben von Richard Kaufmann erstellt.
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Dr. Marc Meyer, Leiter der Abteilung Wissenschaft und Bildung von Vogelsang IP, übernahm die inhaltliche Einführung bei der Ausstellungseröffnung.
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Das Schicksal Kaufmanns hat den ebenfalls aus Gemünd stammenden JSG-Schüler Hlynur Jakob Limbeck (16) zu einer Graphic Novel inspiriert, die er anlässlich der Ausstellungseröffnung präsentierte und die auch digital für die Ausstellungsbesucher abrufbar ist. „Ich habe mich dabei bewusst für farbige Bilder entschieden, weil durch die Farbauswahl mehr Emotionen dargestellt werden können“, so der Schüler.
Unter der Leitung der beiden JSG-Geschichtslehrerinnen Angelika Schmitz und Heike Schumacher waren auch noch weitere Schüler an der Biografie-Recherche von NS-Opfern aus der Region beteiligt. Die Ergebnisse, die Sumita Thapar, Emely Janzen, Leo Meinerzhagen, Florian Mixa, Mia Bongard, Christian Baran, Celin Theivasuthan, Lena Schurz sowie Lea, Kelly, Konrad, Patrick und Luna zusammengetragen hatten, wurden von vielen weiteren historisch interessierten Einzelpersonen und Initiativen aus der Region ergänzt.
Recherchen über die NS-Täter sind ungleich schwieriger
Zu den bislang 40 präsentierten Biografien sollen im Lauf der Zeit weitere hinzukommen, kündigte Vogelsang-IP-Historiker Marc Meyer an. „Zur Erinnerungsarbeit gehört aber auch das Benennen der Täter“, so Meyer weiter: „Die Recherchen zu diesen Aspekten gestalten sich jedoch häufig viel schwieriger. Eine ernstzunehmende Erinnerungsarbeit muss sich aber auch diesen Fragen stellen, denn sie beginnt dort, wo es wehtut.“
Thomas Böll, Vorsitzender der Gesellschafterversammlung der Vogelsang IP gGmbH, freute sich anlässlich der Ausstellungseröffnung darüber, dass „so viele junge Menschen“ daran mitgewirkt haben. „Die Ausstellung #WeRememberEifel stellt eine dauerhafte Würdigung für Menschen aus der Region dar, die Opfer des NS-Regimes geworden sind“, so Böll weiter. Man dürfe nicht vergessen, dass „die Nationalsozialisten“ ganz gewöhnliche Deutsche gewesen seien.
Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart geschlagen
Einer „erinnerungspolitischen 180-Grad-Wende“, wie sie der rechtsextreme AfD-Politiker Björn Höcke bereits vor einigen Jahren gefordert hatte, erteilte Böll eine klare Absage: „Wir alle müssen zusammen daran arbeiten, dass genau dies nicht geschieht“, so der Geschäftsführer der SPD-Fraktion in der Landschaftsversammlung Rheinland.
Ein Zitat des Verfassungsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde stellte die stellvertretende Landrätin Annegret Lewak (SPD) ihrem Grußwort voran: „Die Demokratie lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen kann“, so die Zülpicherin. Mit großen Bedenken schaue sie derzeit in die Vereinigten Staaten, so Lewak weiter: „Deshalb ist es so wichtig, eine Brücke von #WeRememberEifel zu #NieWiederIstJetzt zu schlagen.“
Ausstellung #WeRememberEifel ist täglich geöffnet
Die Ausstellung mit dem Titel #WeRememberEifel ist den Lebensgeschichten von Menschen gewidmet, die in der Region um den Internationalen Platz Vogelsang zu Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden.
Sie umfasst 40 Biografien von Menschen aus Orten wie Aachen, Gemünd, Euskirchen, Prüm und darüber hinaus, die aus unterschiedlichsten Gründen durch das NS-Regime verfolgt wurden. Die Informationen zu den Biografien haben Schulprojektkurse, Geschichtsvereine, Initiativen der Erinnerungskultur und Privatpersonen zur Verfügung gestellt.
Bei der Konzeption und Realisierung des Ausstellungsdesigns waren verschiedene Agenturen beteiligt. Vogelsang-IP-Geschäftsführer Thomas Kreyes bedankte sich bei Björn Klimek, Martin Blum und Michael Zschiesche für die Zusammenarbeit.
Das Besucherzentrum von Vogelsang IP ist täglich in der Zeit zwischen von 10 und 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt zum Raum der Stille ist frei; es fallen jedoch gegebenenfalls Parkgebühren an. Weitere Infos unter Tel. 024 44/915790.
