Die Werkschau der britischen Künstlerin Marianna Simnett im Max Ernst Museum in Brühl berührt.
Max Ernst MuseumMarianna Simnett über Grenzen zwischen Mensch und Tier

Mirianna Simnetts Bilder und Installationen sind im Max Ernst Museum in Brühl zu sehen.
Copyright: Courtesy the artist und Societé
Marianna Simnett scheut keine Grenzerfahrungen. Für den Film „Prayers for Roadkill“ (Gebete für überfahrene Tiere) lernte die britische Künstlerin, wie man Tiere präpariert. Mit Hilfe von Freunden sammelte sie Tierkadaver von der Straße auf, stopfte sie aus und ließ sie per Stop-Motion wie Schauspieler in einer Kinderzimmer-Kulisse agieren. Die farbenfrohe, fröhliche Welt wird indes konterkariert durch eine makabre Erzählung, in der die Tiere, etwa ein Waschbär, ein Fuchs, ein Eichhörnchen, eine Krähe und eine Bisamratte, ihren eigenen Tod in absurden Szenarien nachspielen.
Mischwesen
Im Max Ernst Museum ist jetzt eine Werkschau der 40-Jährigen zu sehen, in der Skulpturen, Videos und KI-Arbeiten der vergangen sieben Jahre versammelt sind. Mit „Headless“ (Kopflos) ist die Schau betitelt – nach einer eigens für die Ausstellung entstandenen Gemälde-Serie, mit denen sie sich auf Ernsts ersten Collageroman „La Femme 100 Tetes“ (Die hundertköpfige kopflose Frau) von 1929 bezieht.
Nicht anders als der Hausherr, wenngleich aus feministischer Perspektive, entfaltet Simnett einen gewaltvollen Kosmos, in dem die Grenzen zwischen Mensch und Tier, Vergangenheit und Gegenwart, Mythos und Realität verschwimmen. Sie verwandle Max Ernsts surrealistische Bildsprache in eine zeitgenössische Erzählung, befand Museumsdirektorin Madeleine Frey angesichts der Ölbilder, in denen sich „eine vielschichtige visuelle Welt“ eröffne. Simnett beweise, dass die surrealistische Denkweise auch in der Gegenwart von ungebrochener Relevanz sei.
Alles zum Thema Ausflug Köln
- Max Ernst Museum Marianna Simnett über Grenzen zwischen Mensch und Tier
- Bauvorhaben Bauen soll in NRW wieder einfacher werden
- Tim Bendzkos Weltpremiere Neues Album „Alles, nur nicht zurück“ im Kölner Gloria vorgestellt
- Feiern Sie mit den Stars! Gewinnen Sie 2x2 Tickets für „Die lachende Kölnarena“
- WRM-Baustelle Archäologen entdecken Reste des römischen Hafens in Köln
- Erfolgsgeschichte Der „Hinterhofsalon“ in Köln fördert seit 2009 Kunst und Kultur
- Sicherer im Schwimmbad KI soll im Ossendorfbad Ertrinken verhindern
Kontrollverlust
Schmerz, Verletzlichkeit, Sexualität und Kontrollverlust sind beherrschende Themen bei Simnett , die in ihrer Kunst „widersprüchliche Seinszustände“ ausdrücke, wie sie selbst sagt. Mensch, Tier oder Hybrid – es sind verstörende Bilder, welche die Britin den Besucher vorsetzt. Darauf lässt bereits die im Entree platzierte Groß-Skulptur „Hyena and Swan in the midst of Sexual“ (Hyäne und Schwan mitten im Geschlechtsakt) schließen. Mischwesen aller Art bekam man im vergangenen Jahr schon in der Ausstellung „Hypercreatures“ zu sehen.
Marianna Simnett geht in ihren KI-Videos mit radikalen Bildfindungen noch deutlich weiter. Hintergrund von „Blue Moon“ ist der griechische Mythos von Athene, der besagt, dass Athene eine Flöte aus Hirschknochen schnitzte. Als sie ihr Spiegelbild während des Spielens im Wasser erblickte, erschrak sie derart über die aufgeblasenen Wangen, dass sie das Instrument wegwarf. Simnett selbst inszeniert sich im Film mit künstlichen Wangenprothesen als Athene, deren Körper sich unaufhörlich in monströse Formen verwandelt. Auch in „Leda was a Swan“, der Geschichte von Zeus, der Leda in Gestalt eines Schwans vergewaltigt, greift sie einen Mythos auf, den sie durch den Einsatz von KI und Performance fundamental verändert.
Die melancholisch-sanften Flötentöne, von Simnett selbst eingespielt, stehen dabei im Gegensatz zu den Szenen, in denen beide Akteure zu einem Körper verschmelzen. Der vorsorgliche Warnhinweis auf gewalttätige Szenen ist beim 2022 entstandenen Video „The Severed Tail“ (Der abgeschnittene Schwanz) durchaus angebracht, denn nicht nur empfindliche Gemüter dürften sich von Bildern abgestoßen fühlen, in denen einem Ferkel der Schwanz kupiert wird. Das Tier verwandelt sich im Film dann in einen Menschen im Ferkelkostüm und begibt sich auf eine Reise durch die Unterwelt, in deren Verlauf es verschiedensten Qualen ausgesetzt wird.
Schwer auszuhalten
Schwer auszuhalten sind diese Sequenzen am Rande eines Tabubruchs. Um Traumata, Verletzlichkeit und Schmerz geht es auch in „The Bird Game“ (Das Vogelspiel), einem abgründigen, düsteren Märchen. Hauptperson ist eine sprechende Krähe, die Kinder in ein abgelegenes Herrenhaus lockt, wo aus anfänglichem Spaß tödlicher Ernst wird.
Mit einer Reihe von bronzenen Kronen, für die sie billige Plastiktierchen zu prunkvollen Schmuckstücken arrangierte, erweist Marianna Simnett dämonischen Göttinnen ihre Referenz. „Verführerinnen und Hexen bekommen auf diese Weise eine neue Erzählung“, so Kuratorin Sarah Louisa Henn. Um feministische Umdeutungen geht es der Künstlerin auch in den „Reliquaries“, einer eindringlichen Skulpturenserie.
„Gescholten“ ist eine Bronzebüste betitelt, die eine Schandmaske trägt. Das Folterinstrument, das die Zunge beschwert, diente dazu, Frauen zu bestrafen, die als laut oder aufsässig galten. Simnetts Werk zeigt die Betroffene mit offenem Mund und gespaltener Zunge als Zeichen des Aufbegehrens.
Bis 5. Juli, Di bis So, 11-18 Uhr. www.maxernstmuseum.lvr.de
