Abo

„Gen Z regelt“Warum eine ganze Generation an Halloween protestieren will

7 min
08.05.2026 Köln. Das Bündnis „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ ruft zu bundesweiten Demonstrationen gegen das Wehrdienstmodernisierungsgesetz auf. Kundgebung auf dem Heumarkt. Foto: Alexander Schwaiger

Das Bündnis „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ demonstrierte im Mai in Köln.

Am 31. Oktober wollen 5000 junge Menschen in Köln demonstrieren. Drei junge Kölnerinnen und Kölner erzählen, was sie antreibt.

„Gen Z regelt“ – der Name der neuen Protestbewegung klingt fast wie ein Versprechen. Entstanden ist sie aus einem Hashtag, der sich innerhalb weniger Tage von einem digitalen Funken zu einer bundesweiten Mobilisierung Tausender junger Menschen entwickelt hat. Was und wie „geregelt“ werden soll, ist allerdings bislang nur in Grundzügen formuliert. Gleichzeitig gibt es Diskussionen über die Ausrichtung der Proteste – und der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz beschäftigt sich mit der Bewegung.

Am 31. Oktober, an Halloween, wollen Jugendliche und junge Erwachsene in zahlreichen deutschen Städten gleichzeitig ab 14 Uhr auf die Straße  gehen. Die Veranstalter rechnen mit 5000 Teilnehmenden allein auf dem Kölner Heumarkt.

Wer ist „Gen Z regelt“?

Die Initiative orientiert sich an Jugendprotesten im europäischen Ausland. In Frankreich kommt es seit Wochen zu teils gewaltsamen Schülerprotesten, auch in Belgien, Italien, Portugal, Spanien und Albanien gingen junge Menschen auf die Straße. In Paris gab es dabei mehr als 1000 Festnahmen. In ihrem Positionspapier beruft sich die deutsche Bewegung „Gen Z regelt“ ausdrücklich auf die Proteste im Ausland. Gefordert werden unter anderem mehr Geld für Bildung, Suchthilfe und Psychotherapie statt Kürzungen, ein bezahlbares Leben, ein Nein zur Wehrpflicht sowie konsequenter Klimaschutz.

Doch wer steckt hinter der neuen Bewegung? Eine eigene Webseite und ein Logo gibt es bereits: ein orangefarbenes Eichhörnchen auf schwarzem Untergrund. Als Verantwortlicher im Impressum wird Mitinitiator Akram Selo genannt, der aus Süddeutschland stammen soll. „Wir distanzieren uns klar von jeglicher Art von Gewalt“, sagte Selo gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Ziel sei eine friedliche Demonstration.

Webseite liefert „Tipps“ für den Polizeikessel

Auf der Webseite findet sich allerdings auch eine „Checkliste für Demos und Aktionen“, die über gewöhnliche organisatorische Hinweise hinausgeht. Darin wird unter anderem empfohlen, sich mit Fake-Namen anzusprechen und ein Erste-Hilfe-Set mitzunehmen. Auch das Verhalten in einem Polizeikessel wird erklärt, ebenso wie das Ausspülen von Tränengas oder Pfefferspray aus den Augen. Ob die Initiatoren sich damit lediglich auf mögliche Polizeieinsätze vorbereiten wollen oder selbst mit Auseinandersetzungen rechnen, bleibt offen.

Diskussionen in einer Telegram-Gruppe für Köln

Die sogenannte Generation Z umfasst grob definiert die Jahrgänge von 1995 bis 2010. Wie unterschiedlich die Vorstellungen innerhalb der Bewegung sind, zeigt ein Blick in die Kölner Telegram-Gruppe. Mehr als 1900 Menschen (Stand: 23. Oktober) haben sich dort in den letzten zwei Wochen zusammengeschlossen, um sich über die geplante Demonstration auszutauschen. Neben organisatorischen Fragen wurde auch darüber diskutiert, wie weit der Protest gehen darf. Die Moderatoren deaktivierten die Kommentarfunktion in der vergangenen Woche. Der Chatverlauf liegt unserer Redaktion in Teilen vor.

Einige Mitglieder sprechen sich ausdrücklich für eine „friedliche Veranstaltung“ aus. Sie verlangen „Aufmerksamkeit und keine Gewalt“. Andere äußern Zweifel daran, ob friedlicher Protest ausreicht, um Veränderungen zu erreichen. „Ich verstehe ja, dass man Angst hat zu handeln, aber wenn wir Gen Z nicht handeln, dann wird es keiner tun“, schreibt ein Mitglied. Ein anderes fordert, dass die Generation „endlich mal gehört“ werde.

Unterschiedliche politische und gesellschaftliche Anliegen

Ein nach eigenen Angaben 21-jähriges Mitglied schreibt über seine Erfahrungen mit Diskriminierung: „Ich möchte nicht, dass meine Kinder mit dem Mindset aufwachsen, wieso die schief angeguckt werden oder keinen Job bekommen aufgrund von Nachnamen oder Aussehen.“ Ein anderer schreibt: „Wollt ihr in einem Deutschland leben, wo wir drei Euro pro Liter tanken, oder wo wir in einen Krieg ziehen müssen, den wir gar nicht kämpfen wollen?“

Die Diskussionen zeigen, wie unterschiedlich die Erwartungen an die Bewegung sind. Eine gemeinsame politische Linie ist bislang nur schwer zu erkennen. Die Initiatoren von „Gen Z regelt“ betonen, sich bewusst nicht parteipolitisch verorten zu wollen: „Egal ob links, rechts oder dazwischen – an diesem Tag stellen wir politische Differenzen zurück“, heißt es in ihrem Aufruf.

Reul: „Proteste sind legitim, Randale werden wir stoppen“

Unterdessen beschäftigt sich auch der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz mit der Protestbewegung. Wie berichtet, liegen Erkenntnisse über Mobilisierungsversuche aus dem linksextremistischen Spektrum und dem auslandsbezogenen Extremismus vor. Dabei geht es unter anderem um Aufrufe zur Teilnahme sowie um Verbindungen zwischen linksextremistischer Symbolik und Gewalthandlungen. Innenminister Herbert Reul (CDU) stellte dazu am Mittwoch klar: „Wir werden nicht akzeptieren, dass ein marodierender Mob unsere Städte zerstört. Proteste sind legitim, Randale werden wir stoppen.“

Was stört Schüler und Studenten in Köln?

Doch was bewegt junge Menschen überhaupt dazu, auf die Straße zu gehen? Dass Jugendliche politische Veränderungen einfordern, ist nicht neu. Bewegungen wie Fridays for Future oder die Schulstreiks gegen die Wehrpflicht haben gezeigt, dass sich junge Menschen für bestimmte Themen mobilisieren lassen.

Zwei aktive Mitglieder der Kölner Ortsgruppe von „Gen Z regelt“ sind ein 21-jähriger Student der Universität zu Köln, der seinen Namen nicht nennen möchte, sowie der 19-jährige Nawid, Schüler des Montessori-Gymnasiums. Die Idee zur Initiative sei über Tiktok und Gespräche im Freundeskreis entstanden, erzählt der Student: „Im Fernsehen heißt es ständig, wir seien faul und hätten keine Lust zu arbeiten. Die Realität sieht anders aus: Es gibt zu wenige Stellen, und selbst Leute, die längst mit dem Studium fertig sind, brauchen weiter einen Nebenjob. Wir wollen, dass über uns nicht mehr nur geredet wird, sondern dass man uns zuhört.“ Auch Navid sagt: „Uns fehlt einfach die Perspektive. Wir können so viel arbeiten, wie wir wollen, und trotzdem werden sich die meisten von uns kein Haus leisten können, geschweige denn eine Rente bekommen, die zum Leben reicht.“

Uns fehlt einfach die Perspektive. Wir können so viel arbeiten, wie wir wollen, und trotzdem werden sich die meisten von uns kein Haus leisten können, geschweige denn eine Rente bekommen, die zum Leben reicht
Nawid (19), Schüler am Montessori-Gymnasium

Der Oberstufenschüler sieht die Probleme vor allem im eigenen Schulalltag: „Es wird eigentlich überall an uns und den Schulen gespart.“ Das Montessori-Gymnasium etwa sollte saniert werden – „doch aufgrund der Kölner Sparpolitik kriegen wir nun deutlich weniger Fachräume als ursprünglich zugesagt wurde“, sagt er. Künftig könnten Fächer wie Chemie deshalb nicht mehr im passenden Fachraum unterrichtet werden.

Auch um bezahlbaren Wohnraum kämpfe die Generation, sagt der Student: „Ich zahle seit drei Jahren 500 Euro für zwölf Quadratmeter, weil ich nichts Besseres finde.“ Weil er neben dem Studium arbeiten müsse, bleibe kaum Zeit für anderes übrig – „nicht mal für einen Kinobesuch oder ein gemeinsames Essen mit Freunden“, denn es gebe kaum kostenlose Freizeitangebote für Schüler und Studierende. Dem Vorwurf, die Generation Z sei faul, widerspricht Nawid: „Viele Oberstufenschülerinnen und -schüler haben mehr als 37 Stunden pro Woche Unterricht. Da bleibt nicht viel Zeit für andere Dinge.“

Viele Ältere sammeln Pfandflaschen, weil die Rente nicht reicht. Das bricht mir das Herz, und es ist unfair
Student (21) der Universität Köln

Die Probleme treffen längst nicht nur die Jungen, sondern alle, von der Generation Alpha bis zu den Boomern, so der Student: „Viele Ältere sammeln Pfandflaschen, weil die Rente nicht reicht. Das bricht mir das Herz, und es ist unfair.“ Dass sie in der Kölner Politik ernst genommen werden, glauben beide jedoch nicht. Nawid war nach eigenen Angaben bereits im Austausch mit Ratspolitikern: „Sie verstehen mein Anliegen, können oder wollen aber nicht wirklich etwas dagegen tun.“

Marie Hacker, Bezirksschülervertreterin in Köln

Warum eine angemeldete Demo statt blockierter Schulen wie in Frankreich? „Frankreich beobachten wir, aber wir nehmen es uns nicht zum Vorbild“, sagt der Student. „Wir haben unsere eigenen Probleme und gehen sie auf unsere Weise an.“ Erreicht werde die Zielgruppe vor allem über Tiktok, Instagram und Reddit – und über eine klare Botschaft: „Wir wollen keine Gewalt und keinen Krieg. Das Geld soll in Bildung, Infrastruktur und Wirtschaft fließen statt in Kriege.“

Auch die Kölner Schülerin Marie Hacker wird an den Protesten am 31. Oktober teilnehmen. „Auch bei uns gibt es viel Wut und Frustration, unter anderem beim Thema Bildung“, sagt die 17‑Jährige. Seit fast vier Jahren engagiert sich Hacker im Vorstand der Bezirksschülervertretung Köln (BSV Köln) und seit diesem Jahr auch als Mitglied im Landesvorstand der Landesschülervertretung NRW.

In Köln liegt die Priorität nicht auf den Jugendlichen. Das ist schon extrem frustrierend.
Marie Hacker (17), Vorstand im BSV Köln

Die Ursachen für die Unzufriedenheit sieht die 17‑Jährige, die die 12. Klasse des Deutzer Gymnasiums Schaurtestraße besucht, unter anderem in Lehrermangel, Unterrichtsausfall, schlecht ausgebauten Schulen sowie Stress und Leistungsdruck, der sich auf die mentale Gesundheit von Schülerinnen und Schülern auswirke. „Das betrifft uns unmittelbar und wir wollen das so nicht akzeptieren“, sagt Marie Hacker.

Auch zur städtischen Politik äußert sich Hacker deutlich. „In Köln liegt die Priorität nicht auf den Jugendlichen“, sagt Hacker, vor allem jetzt, wo im Jugendbereich an vielen Stellen gekürzt werden soll. „Das ist schon extrem frustrierend.“

Dass gewaltbereite Teilnehmer den Zusammenschluss nun nutzen könnten, um an Halloween für Krawall zu sorgen, findet auch Hacker bedenklich. „Der größte Teil der Kölner Schülerinnen und Schüler will einen friedlichen Protest“, so die 17-Jährige.