Durch den Regen ging es im Kwartier Latäng weniger exzessiv zu als sonst. Der befürchtete Andrang auf den Chlodwigplatz blieb aus.
Weiberfastnacht in KölnKein großer Ansturm auf die Zülpicher Straße – ziviles Feiern in der Südstadt

Wo sich sonst die Jecken drängen, war am Vormittag noch viel Platz.
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„Gölle Aloof.“ Ein spektakulär gescheiterter Versuch der kulturellen Aneignung. Sepp will er genannt werden. 19 Jahre jung. Aus Niederbayern. Erstmals auf der „Zülpi“. Ob Sepp sein richtiger Name ist, kann nicht mehr final geklärt werden. Vielleicht will er den richtigen nur nicht in der Zeitung wiederfinden. Vielleicht ist er sich bei grob geschätzten 1,6 Promille aber auch seiner selbst nicht mehr ganz gewiss. Freunde, die in Köln studieren, haben ihn schon oft gelockt, er müsse unbedingt mal auf der Zülpicher Straße Karneval mitfeiern.

Diese Jecken trotzen dem Regen am Vormittag.
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Da steht er nun, der „Sepp“. Im Regen. „Ich hatte es mir hier eigentlich voller vorgestellt“, schaut der Niederbayer ein wenig enttäuscht in das weite Rund. Tatsächlich ist es in diesem Jahr bei weitem nicht so voll wie in den vergangenen. Stetiger Regen, der dank Windböen auch gerne mal von der Seite kommt, hat den Zustrom auf Kölns berühmt-berüchtigter Feiermeile gedrosselt. Fast schon eine Sensation: Die Zugänge zu der Feiermeile müssen in diesem Jahr zu keinem Zeitpunkt wegen Überfüllung geschlossen werden. Selbst um 11.11 Uhr – zum traditionellen Countdown – gibt es noch große Freiflächen zwischen Eisenbahnbrücke und der Kirche Herz Jesu.
Was die, die dennoch gekommen sind, nicht davon abhält, so zu feiern, wie es auf der „Zülpi“ zur traurigen Tradition geworden ist: exzessiv. Der Countdown ist runtergezählt, der Startschuss für den Straßenkarneval mit einem Tusch einer Kapelle vor der Kneipe „Oma Kleinmann“ gefallen, da fällt wenige Meter weiter eine junge Frau um. Zu früh, zu viel, zu schnell Alkohol gekippt. Ihr Pech: Wo sie bei schönem Wetter von einer dicht gedrängten Menschenmasse aufgefangen worden wäre, schlägt sie in diesem Jahr hart auf dem Asphalt auf. Ihr Glück: Weil nicht so viel los ist, genießt sie sogleich die volle Aufmerksamkeit der zahlreich anwesenden Sicherheitskräfte.

Eine Kapelle spielte vor der Kneipe „Oma Kleinmann“ und einer großen Pfütze.
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Polizisten und Mitarbeiter des Ordnungsamtes stellen sich sogleich als Schutzwall um die Gefallene auf, Sanitäter kümmern sich. Sozusagen ein „Fallbeispiel “: Mögen die Feierwütigen auf der „Zülpi“ auch durchnässt vom morgendlichen Dauerregen sein, es hält sie nicht davon ab, sich zudem mit reichlich Hochprozentigem von innen zu befeuchten. Die übliche „Zülpi“-Mischung ist wieder allgegenwärtig: PET-Flaschen, aufgefüllt mit Saft und Wodka, meist im Verhältnis von 50:50.

Der Sanitätsdienst transportiert eine Person von der Zülpicher Straße ab.
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Der Boden der Feiermeile ist übersät mit kleinen Schnapsfläschchen. In einer Menge, die staunen lässt bei dem eher geringen Menschenauflauf. Über allem liegen Nebelschwaden von Cannabis. Für einige Mägen ist das bereits am Vormittag zu viel „des Guten“. Es kommt wieder zu den unschönen Szenen, die der Zülpicher Straße ihre zweifelhafte Berühmtheit eingebracht haben. Junge Menschen, die sich übergeben müssen. Und auch die Wildpinkler sind wieder zu beobachten, obwohl es vor den mobilen Toiletten nicht zu langen Warteschlangen kommt.

Getrunken wurde auf der Zülpicher Straße auch im Regen.
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Soweit also alles wie immer. Außer, dass Markisen und Vordächer selten so beliebt waren auf der Feiermeile wie in diesem Jahr. Alles, was Schutz vor dem permanenten Regen in den Vormittagsstunden bietet, ist heiß begehrt. Zeitweise entsteht ein „Dach“ aus Regenschirmen. Die Cleveren unter den Feiernden hatten Regencapes mitgebracht. Doch die Allermeisten ließen sich einfach nassregnen und betäubten das Kältegefühl mit Alkohol. Bis zum Redaktionsschluss dieser Zeitung kam es aber nicht zu nennenswerten Polizeieinsätzen auf Kölns verrufenster Karnevalsmeile – dem Regen sei Dank.
Ziviles Feiern in der Südstadt an Weiberfastnacht
Die Südstadt wirkt im Vergleich zur Zülpicher Straße geradezu zivil. Der Altersdurchschnitt ist deutlich höher, viele Studierende sind unterwegs, vereinzelt auch Familien mit Kindern. „Hier wird viel mehr gefeiert als in den vergangenen Jahren“, erzählt eine 73-jährige Anwohnerin. Seit über 30 Jahren wohnt sie hier. Die Feierei sieht sie gelassen: „Es ist doch schön, dass die jungen Menschen so viel Spaß haben.“

Konfettiregen auf dem Severinskirchplatz
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Rund um die Severinstorburg feiern die meisten Jecken, die Straßen drumherum sind vergleichsweise leer – was wohl auch am ernüchternden Wetter liegt. Daniel, der in der Südstadt wohnt, findet dazu klare Worte: „Mer sin do nit aus Zucker!“, ruft er, als Bushaltestelle „mit viel Promille“ verkleidet. „Auf der Zülpicher Straße sind viel zu viele Kinder unterwegs, und die Leute sind zu aggressiv“, ergänzt seine Freundin Sarah, etwas nüchterner als Daniel. In der Südstadt fühlen sie sich wohler.
Mit den Studierenden zieht die Südstadt auch die Internationalen an – darunter auch Ming, die aus China kommt und in Köln studiert. „In der Uni haben einige gesagt, dass die Südstadt ein guter Ort sei, um Karneval zu feiern“, erzählt Ming. Sie erlebt ihr erstes Fastelovend, und ist in Rut-Wiess schon in ganz kölscher Manier unterwegs. Bei der Kostümauswahl haben ihr ihre Kommilitonen geholfen. „Solche Feste haben wir in China nicht. Die Kultur in Köln ist wirklich schön.“
