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Kölner Militärseelsorger„Der Krieg hat die Gefühlslage umgestülpt“

4 min
Militärseelsorger Monsignore Rainer Schnettker

Militärseelsorger Monsignore Rainer Schnettker ist sei 30 Jahren in der Seelsorge tätig.

Der Ukraine-Krieg hat vieles verändert, sagt Monsignore Rainer Schnettker. Er leitet das Katholische Militärdekanat Köln.

Sich in Gefahr begeben, dieses Szenario ist für die Soldatinnen und Soldaten schon lange keine reine Theorie mehr. Dafür haben alleine die Auslandseinsätze gesorgt: Irak, Mali und nicht zuletzt Afghanistan. Und dennoch, die Ukraine-Krieg hat vieles verändert, weiß Monsignore Rainer Schnettker. Er leitet das Katholische Militärdekanat Köln. An der Truppe, ihren Sorgen und ihren Hoffnungen ist er nah dran. Nah genug, um einschätzen zu können, was der Überfall Russlands auf die Ukraine für die Soldatinnen und Soldaten bedeutet: „Nicht weniger als ein Umstülpen der Gefühlslage“, sagt er. Der Krieg vor der Haustür: „Das verändert einiges“, so Schnettker.

„Die Auslandseinsätze waren weit weg, und damit auch die Bedrohung für die Heimat.“ Jetzt gehe es weit mehr um das eigene Land, das eigene Haus. Es sei nicht zwar so, dass diese Bedrohungslage die Zahlen der Seelsorge hätten hochschnellen lassen. „Aber natürlich kommt verstärkt die Frage auf, wo führt das hin“, berichtet der Geistliche. Schnettker ist seit rund 30 Jahren Militärseelsorger. Aus Erfahrung weiß er: „Je konkreter die Bedrohung ist, desto intensiver werden die Fragen.“ Erst recht, wenn die jungen Soldatinnen und Soldaten vor einem wichtigen Lebensabschnitt stünden: Die Hochzeit besser noch aufschieben? Ist es jetzt die richtige Zeit, eine Familie zu gründen?

Soldaten kommen wieder zu ihrem Ursprung zurück

„Dabei ist die Besorgnis nicht überbordend“, berichtet Schnettker aus dem Seelenleben der Bundeswehr. Jedenfalls nicht so groß, wie man von außen vermuten könnte. Das habe nicht zuletzt damit zu tun, dass die Soldatinnen und Soldaten gerade jetzt in ein festes Gefüge von Vorbereitungen und Planungen eingebunden seien. „Der Soldat tritt wieder in seinen Kern-Ursprung zurück“, sagt der Militärpfarrer. „Das Land beschützen, das Bündnis verteidigen – dafür sind wir da“, beschreibt Schnettker die Stimmungslage in der Truppe. Das habe aus seiner Sicht auch zu einer größeren Akzeptanz in der Bevölkerung geführt. „Jetzt ist klar, dafür gibt es die Bundeswehr.“ Anders sei die Gefühlslage allerdings oftmals bei den Angehörigen der Soldatinnen und Soldaten. Da spürt der Militärseelsorger sehr wohl eine sehr große Besorgnis. Wie wirkt sich das alles auf die Arbeit der Militärseelsorge aus?

„Unsere Gottesdienste sind deshalb nicht voller“, sagt Schnettker in aller Deutlichkeit. Wie in der Gesellschaft, so auch in der Truppe: Die Rolle der Kirche unterliege einem starken Wandel. Wobei es eigentlich andersherum lauten müsste: Wie in der Bundeswehr, so in der Gesellschaft. „Die Veränderungen zeichnen sich bei uns früher ab“, sagt der Militärpfarrer. Ganz einfach deshalb, weil der Altersdurchschnitt der Truppe zumeist deutlich niedriger liege als in den Gemeinden. So kommt der Trend zur Säkularisierung der Gesellschaft bei der Bundeswehr einfach früher an. Und mit dieser Erfahrung in der Hinterhand sagt Schnettker ganz klar: „Wir leben schon länger in einer Zeitenwende.“

Wir leben schon länger in einer Zeitenwende.“
Rainer Schnettker, Militärseelsorger

Sokrates, Philosoph in der Antike, meinte schon zu wissen: „Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität.“ Der Blick der älteren Generationen auf die Nachkommenden hat sich seit dem kaum verändert. Bis heute nicht. Die jetzigen Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr scheinen vor besonders großen Herausforderungen zu stehen. Schaffen sie das? „Viele haben beispielsweise in Afghanistan oder im Irak ganz andere Realitäten als unsere in Deutschland gesehen. Sie wissen, wie es in der Welt aussieht. Ich traue diesen jungen Menschen viel zu“, sagt der Leiter des katholischen Militärdekanates Köln.


Stichwort Militärseelsorge

4 Militärdekanate gibt es in Deutschland. Neben Kiel, Berlin und München gehört Köln dazu. Als Leitender Militärdekan ist Rainer Schnettker damit für die Länder NRW, Rheinlandpfalz, Hessen und das Saarland zuständig. In seinem Dekanatsbereich dienen rund 42 000 Soldaten. Dafür steht ihm ein Team von elf Seelsorgern zur Verfügung.

25 Prozent der Soldatinnen und Soldaten in der Bundeswehr gehören der katholischen und weitere rund 25 Prozent der evangelischen Konfession an. 10 Prozent der Soldatinnen und Soldaten zählen zum Islam, dem Judentum oder weiteren Religionen. Die weiteren 40 Prozent im Dienst sind offiziell kein Mitglied einer Religionsgemeinschaft. (ngo)