Dreimal musste der Termin wegen Stürzen des Kölner Sängers verschoben werden. Am Mittwochabend war es dann soweit.
Mit 100 Jahren auf der BühneLudwig Sebus kommen die Tränen bei Lesung seiner Biografie in der Volksbühne

Ludwig Sebus wurde im Rollstuhl auf die Bühne gefahren.
Copyright: Thomas Banneyer
Ludwig Sebus sitzt an einem kleinen Tisch im Foyer der Volksbühne am Rudolfplatz und signiert Bücher. Vor ihm knubbeln sich die Menschen. Für jeden hat der 100-Jährige freundliche Worte, lacht und genießt das Bad in der Menge. Nach zwei Stürzen, einer Operation und acht Wochen im Krankenhaus ist die kölsche Karnevalslegende wieder joot drop. „Für meinen Opa ist es ganz toll, dass er noch zu so vielen Leuten sprechen kann, die kommen und ihm zuhören“, sagt Enkelin Anne Rück, die ihren Großvater zu seiner Lesung begleitete, nach seinem Auftritt. „Es bewegt ihn.“
Nach zwei ausgefallenen Terminen erfolgte am Mittwochabend der dritte Anlauf. Bange Frage: Kütt er wirklich? Pünktlich um 19 Uhr wurde Sebus im Rollstuhl auf die Bühne gefahren, begrüßt von einem Publikum, das ihm zu Ehren aufsteht und nicht mit dem Klatschen aufhören will. „Bitte nehmen Sie doch wieder Platz.“ Ein Rollstuhl sei nicht so seins. „Aber mit 100 darf man sitzen.“ Applaus. Sebus lenkt ab, stimmt „Hoch soll sie leben“ an, gerichtet an die Frau seines Biografen Helmut Frangenberg. Das Publikum singt mit. „Hoch Hoch,“ ruft Sebus in Mikrofon. Dann lachte er: Das war ein „erster Höhepunkt. Wir können nach Hause gehen“. Aber das will nun wirklich niemand in der ausverkauften Volksbühne.

Ludwig Sebus nahm das Publikum mit auf eine Reise durch seine Kindheit.
Copyright: Thomas Banneyer
Zwei Stunden „Ludwig Sebus – Ein kölsches Jahrhundert“. Ein Mix aus Erinnerungen des 100-jährigen Krätzchensängers, Lesung aus der Biografie und ein paar der großen Hits Sebus, gespielt und gesungen vom Et Thekenterzett mit sangeskräftiger Unterstützung aus dem Saal. Auch Sebus singt, klatscht und schunkelt mit. Wenn Sebus aus seinem Leben erzählt, ist es ganz still im Saal. „An was der sich noch so erinnert mit 100“, staunt Udo Steinbach aus Overath im Publikum. „Er hat natürlich auch sehr viel erlebt.“
Alles zum Thema Kölner Ringe
- Hogwarts kommt nach Köln Harry-Potter-Shop öffnet am Samstag auf der Ehrenstraße
- Brandanschlag auf der Ehrenstraße 18-Jähriger muss sich nach Feuerattacke auf „LFDY“ vor Gericht verantworten
- Volksbank Köln Bonn spendet 5000 Euro Ein Herz nicht nur für die Altenhilfe
- Mit 100 Jahren auf der Bühne Ludwig Sebus kommen die Tränen bei Lesung seiner Biografie in der Volksbühne
- Unfall in Köln-Ossendorf 24-Jährige stirbt nach Sturz auf dem Radweg
- Theaterprojekt in Köln „Zeitlose Talente“ erzählt vom Leben queerer Menschen jenseits der 60
- Halbe Million in Aussicht Bethe-Stiftung unterstützt Kölner Zentrum für Suchthilfe
Die Kindheit im Köln der 20er, eine christliche Jugend, die Konflikte mit Nazis, Krieg, Gefangenschaft, die Rückkehr in die Heimat und der kometenhafte Aufstieg in der Kölner Karnevalsszene. Sebus erinnert sich bis ins kleinste Detail. An Pferd Lottchen von Milchmann Pitter, das er in den „Stall“ hinter Küche und vor Schlafzimmer in einem Souterrain der Roonstrasse bringen darf: Da ist er Acht.
Ludwig Sebus: Tränen bei der Erinnerung an Kriegszeiten
Sebus erzählt von Streichen der christlichen Jugend gegen Nazis, bis das zu gefährlich wurde. Berichtet, wie er sein eigenes Grab schaufeln sollte und vom Gefangenenchor auf der Krim. „Sie können mir glauben, ich habe nie wieder einen so klangvollen Körper mit Tenören und tiefen Bässen gehört.“ Aber das Heimweh. So ganz ohne Nachricht von der Familie aus Köln. Leben sie noch? „Ein ungeheurer Druck.“ Sebus stockt, die Stimme bricht, er weint.
Zurück im Jetzt und Hier: Sebus lobt die Demokratie, die Vielfalt der Stimmen. Enkelin Anne sagt, gerade in der heutigen Zeit, „weiss ich, dass es meinem Großvater ein großes Anliegen ist, für Frieden in der Welt einzutreten.“ Aber bevor es zu ernst wird, bricht wieder der Karnevalist durch: „Und jetzt singen wir noch einen.“ „Luur vun Düx noh Kölle“.
„Gibt es einen größeren Klassiker?“, fragt Silvia Daniela Schulte, die im Publikum sitzt und alle Lieder mitgesungen hat. Sebus sei für ihre Mutter (93), ein kölsches Mädchen, der absolute Favorit. „Ganz toll, so eine Ikone hier noch einmal zu sehen.“ „Ein Zeitzeuge“, so Zuschauerin Cornelia Vondey. „Es wird nicht mehr viel Gelegenheit geben, so einen besonderen Menschen zu sehen. Seine Unterschrift, das ist etwas für die Ewigkeit.“ Insbesondere für ihre Kinder, die nicht zur Lesung kommen konnten, sei die Sebus' Biografie wichtig, um einen solchen Zeitzeugen zumindest literarisch zu erleben, um von ihm zu lernen. Die Kölner Ikone hat an diesem Abend viele Weisheiten für sein Publikum parat. Eine von ihnen bringt die Einstellung des 100-Jährigen jedoch auf den Punkt: „Mutig zeigen, dass wir gerne in dieser Welt leben. Und dann singen wir noch einen.“
