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Was uns Europa bedeutetKölner erzählen, was sie mit der Europäischen Union verbinden

6 min
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Am Sonntag ist es soweit, die Europawahl steht an.

Wie geht es weiter in Europa? Vor der Wahl zum EU-Parlament am Sonntag, 26. Mai, haben nationalistische Tendenzen in einigen EU-Ländern und das Brexit-Chaos in Großbritannien bei vielen Menschen Zweifel am Sinn und Zweck der Staatengemeinschaft genährt. Doch während mancher lauthals über die vermeintlich unnütze Bürokratie aus Brüssel wettert und die Rückkehr zum Nationalstaat fordert, werden andere nicht müde, auf die zahlreichen Vorzüge hinzuweisen, die das vereinte Europa den Menschen gebracht hat – wie die gemeinsame Währung Euro, die Reisefreiheit oder EU-weit einheitliche Standards und Rechte. Wir haben mit Menschen in Köln gesprochen, denen Europa am Herzen liegt, und sie nach ihrer persönlichen Meinung gefragt.

„Ich sehe mich zuerst als Europäer“

Die Erfolge der Europäischen Union werden nicht deutlich genug gemacht, findet Lehrer David Heumann.

David Heumann (35) ist Lehrer für Englisch und Sozialwissenschaften an der Europaschule in Zollstock. „Europa ist für mich sozusagen Heimat. Ich sehe mich zuerst als Europäer, dann als Deutscher und als Kölner. Ich habe im Ausland studiert und Praktika gemacht und genieße es, mich frei zwischen verschiedenen Ländern bewegen zu können. Das sehen auch viele meiner Schüler so, die im Rahmen von Austauschprogrammen schon erste Kontakte ins Ausland geknüpft haben.

Leider hat man es versäumt, die Erfolge der europäischen Union deutlicher herauszustellen. Trotz der Reisefreiheit im Schengen-Raum und den vielen Möglichkeiten des Austauschs und des Miteinanders kam eine europäische Identität bisher nicht wirklich auf. Das macht es für Nationalisten und Rechtspopulisten leichter, Europa anzugreifen und zu diffamieren.

Da werden den Menschen für alle möglichen Probleme irgendwelche einfachen Lösungen präsentiert, mit denen vermeintlich alles besser werden soll. Das sind hanebüchene Ideen, wir sprechen im Unterricht viel darüber. Als Europaschule sind wir der europäischen Idee natürlich eng verbunden. Wir führen sogar eine eigene »EU-Wahl« an der Schule durch.“

„Europa steht für Arbeitnehmerrechte“

Als Erstwählerin freut sich Paulina Gora besonders auf die Wahl am Sonntag. „Jede Stimme zählt.“

Paulina Gora (19) macht bei der Deutz AG eine Ausbildung zur Fachinformatikerin, sie engagiert sich in der Gewerkschaft IG Metall. „Ich bin der Meinung, dass Europa den Menschen viele Vorteile bringt – wie zum Beispiel die Reisefreiheit. Ich fahre gerne nach Holland oder Italien. Dass das heute ganz unkompliziert ohne Visum und Grenzkontrollen funktioniert, ist nicht selbstverständlich, sondern eine Errungenschaft, auf die wir stolz sein können.

Das vereinte Europa steht für Freiheit, Sicherheit, europaweite Standards und gleiche Rechte. Davon profitieren nicht nur Firmen, die Standorte in mehreren Ländern unterhalten, sondern auch Arbeitnehmer. Die EU eröffnet Möglichkeiten, im Ausland zu arbeiten, Praktika zu machen oder zu studieren. Auch Bestimmungen zum Schutz von Arbeitnehmern wurden in der EU einheitlich geregelt.

Dass ich am 26. Mai zum ersten Mal wählen darf, freut mich sehr. Es ist toll, dass ich eine Stimme habe. Meine Freunde habe ich auch animiert, wählen zu gehen. Denn jede Stimme zählt. Junge Leute sollten sich mehr für Politik interessieren. Natürlich ist die EU nicht perfekt, es gibt vieles zu verbessern. Es muss mehr gegen Jugendarbeitslosigkeit getan werden.“

„Es gibt zu wenig Wertschätzung“

Europa bietet viele Freiheiten, das sei keineswegs selbstverständlich, werde aber gerne vergessen, meint Elena Jordan.

Schülerin Elena Jordan (19) aus Weiden ärgert es, wenn mit Europa vor allem negative Dinge wie Bürokratie oder Regelungswut verbunden werden. „Meine Generation kennt ja nichts anders als das vereinte Europa – wir sind in einer Zeit aufgewachsen, in der sich jeder frei bewegen kann. Wir lernen unterschiedliche Kulturen kennen und profitieren vom gegenseitigen Austausch.

Doch heutzutage wird oft vergessen, dass diese Freiheit nicht selbstverständlich ist. Vieles war früher viel schwieriger, als es noch kein geeintes Europa gab. Wir haben seit mehr als 70 Jahren Frieden und Wohlstand in Europa, aber es gibt viel zu wenig Wertschätzung dafür. Bei vielen ist eher eine latente Skepsis gegenüber Europa zu spüren. Das wird dann leider von Politikern des rechten Spektrums ausgenutzt. In Frankreich reden manche schon vom Frexit – als ob der Brexit nicht schon schlimm genug wäre! Europa ist eine Grundidee, die bisher sehr gut funktioniert hat. Hier bekommen junge Menschen viele Chancen, sich zu entwickeln.

Ich finde es gut, dass man sich gegenseitig unterstützt, dass stärkere Länder den schwächeren helfen. Da kann Europa anderen als Vorbild dienen. Zur Wahl zu gehen, ist für mich selbstverständlich. Dass viele junge Leute darauf keine Lust haben, kann ich nicht nachvollziehen. Mit der Stimmabgabe beteilige ich mich am Wohl meines Landes und meiner Familie.“

„Ein erfolgreiches Friedensprojekt“

„Die EU ist nicht perfekt“, betont Luca Hannich, „aber gemeinsam können wir sie besser machen.“

Luca Hannich (21) aus Mülheim studiert BWL, der Erstwähler engagiert sich für die Kampagne „Diesmal wählt Köln“, die für eine hohe Wahlbeteiligung wirbt. „Das vereinte Europa bedeutet für mich zuallererst Frieden. Auch wenn der Krieg für meine Generation sehr weit weg ist, sollten wir nicht vergessen, dass Europa ein sehr erfolgreiches Friedensprojekt ist.

Und bei aller berechtigter Kritik, etwa an mangelnder Transparenz, sollten wir den Blick für die vielen Vorteile der EU nicht verlieren. Dass sich 28 Länder auf Reisefreiheit und so viele Gemeinsamkeiten geeinigt haben, ist eigentlich unglaublich. Schade, dass die Briten da nicht mehr mitmachen wollen. Die Europäische Union ist nicht perfekt, aber sie ist das Beste, was wir haben. Und gemeinsam können wir sie besser machen. Das gilt es vor dem aufkeimenden Nationalismus zu schützen. Das vereinte Europa ist für mich der richtige Weg, große Herausforderungen der Zukunft wie den Klimawandel zu meistern.“

„Unglaublich positive Entwicklung“

Nicht alles leichtfertig aufs Spiel setzen, mahnt Sabine Suchan.

Sabine Suchan (55) unterrichtet an der Europaschule Zollstock Deutsch, Philosophie und Geschichte. „Europa bedeutet für mich vor allem Freizügigkeit und das Erleben anderer Kulturen. Ich kenne noch die Zeit, als man mit vier verschiedenen Währungen im Geldbeutel durch ein Europa voller Grenzen reiste. Eine gemeinsame Währung zu haben, ist ein Luxus. Die Entwicklung der letzten 30 Jahre habe ich als unglaublich positiv empfunden.

Man kann überall hinreisen, überall studieren. Wenn ich heute nach Holland fahre, fühlt sich das gar nicht wie Ausland an. Vielleicht hat es meine Generation versäumt, die Begeisterung für Europa richtig zu vermitteln, und zu viel Technokratie geschaffen. Doch die Vorzüge Europas müssen unbedingt erhalten bleiben. Es bedrückt mich zu sehen, wie leichtfertig manche alles aufs Spiel setzen wollen.“

„Aha-Erlebnis in Sachen Europa“

Herausforderungen gemeinsam begegnen, sagt Wai Long Van.

Wai Long Van (26) aus Brück holt gerade sein Abitur nach, er ist Vorstandsvorsitzender beim Kölner Kreisverband der „Jungen europäischen Föderalisten“ (JEF). „Wir sind ein überparteilicher Jugendverband mit über 30 000 Mitgliedern in mehr als 30 Ländern. Als Forum für junge und engagierte Europäer setzen wir uns für einen geeinten Kontinent ein. Vor dem Hintergrund der europäischen Vergangenheit vertreten wir die Ansicht, dass man den Herausforderungen der Zukunft in Europa nur gemeinsam begegnen kann.

Früher habe ich mich gar nicht so sehr für Europa interessiert. Aber als ich begann, wieder die Schulbank zu drücken, hatte ich ein Aha-Erlebnis. Mir wurde klar, dass die meisten Gesetze in Brüssel gemacht werden. Deshalb ist es wichtig, dass dort vernünftige Politik gemacht wird. Das kann jeder mit seiner Stimme unterstützen.“