Marien-Hospital in KölnWie die Mitarbeiter unter Corona-Bedingungen arbeiten

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Test Marienhospital

In der Notaufnahme nehmen Medizinpädagogin Stephanie Herrlich (M.) und Dr. Andreas Schlesinger bei Verdacht auch Abstriche von Patienten.

Köln – Der Besprechungsraum ist tabu. Der morgendliche Austausch über die Covid-19-Patienten findet jetzt auf dem Flur vor der Isolierstation B 3 statt. Um 8.30 Uhr versammelt sich hier gut ein Dutzend Menschen mit FFP2-Masken. „So können wir die Abstände einhalten“, erklärt Dr. Andreas Schlesinger, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin. Sicherheit ist oberstes Gebot in der Pandemie. Zugeschaltet über das Videochat-Programm Teams verfolge ich online, wie Pflegemitarbeitende, Ärzte, Krankenhaushygienikerin, Sozialdienstmitarbeiterin und Pflegedirektor sich über die aktuellen Covid-Patienten auf der Station austauschen. 24 sind es an diesem Tag, zwei von ihnen liegen auf der Intensivstation.

„Sättigung“ ist ein Begriff, der häufig fällt. Gemeint ist der Sauerstoffgehalt im Blut. Ist er zu niedrig, muss Sauerstoff zugeführt werden. Vielen Covid-Patienten fehlt die nötige Sättigung. „Oft nutzen wir High-Flow-Therapie“, erklärt Lungenspezialist Schlesinger. Bei dieser Methode erhalten die Patienten über die Nase hochdosierten Sauerstoff. „So versuchen wir auch, das Intubieren zu vermeiden“, führt Schlesinger aus. Beim Intubieren sind die Patienten im künstlichen Koma. Über einen Schlauch in der Luftröhre sind sie an eine Beatmungsmaschine angeschlossen.

„Wir hatten auch Patienten, die sich gegen eine Intubation ausgesprochen haben. Wir legen großen Wert darauf, den Patientenwillen zu respektieren“, erzählt der 51-jährige Chefarzt, der auch Palliativmediziner ist. Das Besondere am St. Marien-Hospital: Viele Patienten hier sind betagt, denn das Krankenhaus hat auch einen altersmedizinischen Schwerpunkt. Zudem ist das St. Marien-Hospital zertifiziertes Lungenkrebszentrum. Fünf Atemtherapeuten sind angestellt.

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Mehrere Wochen Entwöhnung nach der Beatmung

Steven Taubner (33) leitet das Team der Atemtherapeuten. „Wir unterstützen beim Maskenmanagement, beim Sekretmanagement und beim Weaning, der Entwöhnung von einem Beatmungsgerät“, erklärt Taubner. Der Entwöhnungsprozess nach einer längeren künstlichen Beatmung kann mehrere Wochen dauern. „Ich mag es, dass ich die Patienten über einen längeren Zeitraum begleite“, sagt Taubner geradezu enthusiastisch.

Von Burnout scheint er weit entfernt. „Meine Arbeit macht mir Spaß“, sagt er. Obwohl die Herausforderungen durch Covid-19 groß sind, ist im Krankenhaus eine ruhige Routine eingekehrt. „Wir haben eine stabile Personallage“, freut sich Chefarzt Schlesinger. Mitarbeitende, die wollten, sind inzwischen geimpft. Bei einigen war die Impfung derzeit nicht angeraten. Sie hatten bereits Covid-19.

Marienhospital Arzt

Dr. med. Andreas Schlesinger

„Wo ich es mir geholt habe, weiß ich nicht“, sagt Thomas Ott (47). Er ist Krankenpfleger auf der Station B 3, der Corona-Isolierstation. Um möglichst wenig Mitarbeiter mit den infektiösen Patienten in Kontakt zu bringen, haben die Pflegekräfte zusätzliche Aufgaben übernommen. So servieren sie inzwischen Essen, räumen ab, machen Grundpflege. „In der Schutzausrüstung kommt man dabei ordentlich ins Schwitzen“, gibt Ott zu. Weil viele Patienten betagt sind, klingeln die Rufknöpfe auf der Corona-Station besonders oft. Trotzdem sei die Stimmung im Team gut. „Wir machen uns nichts vor, dass es noch eine Weile so weitergeht“, sagt Ott und fügt hinzu: „Die Situation jetzt in der zweiten Welle ist überhaupt nicht vergleichbar mit dem Frühjahr. Wir haben viel mehr zu tun.“

Angehörigen-Telefon Tag und Nacht erreichbar

Viel zu tun gibt es auch auf der Intensivstation. Doch die Voraussetzungen dort sind gut. Die Intensivstation mit bis zu 28 Plätzen ist komplett neu. Es gibt fast nur Einzelzimmer, die meisten haben eine Schleuse und bauliche Vorrichtungen sorgen dafür, dass Luft aus den Zimmern nicht entweichen kann. „Wir hatten optimale Voraussetzungen“, sagt Danilo Wirth (44). Der Intensivpfleger ist seit gut 15 Jahren im Job, seit zwei Jahren leitet er das rund 50-köpfige Pflegeteam auf der Intensivstation.

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„Menschenwürde hat hier Vorrang. Wir lassen Ethik nicht außen vor“, betont er. Grundsätzlich können Angehörige Tag und Nacht auf einem Angehörigen-Telefon anrufen und sich nach ihren Liebsten erkundigen. Jeweils eine Pflegekraft trägt während der Schicht das Telefon und gibt Auskunft. Direkte Gespräche sind meist nicht möglich. Aber man kann den Patienten über das Smartphone sehen. „Im Sterbeprozess versuchen wir, die Angehörigen kommen zu lassen. Das finde ich auch sehr wichtig“, sagt Wirth. Nicht von ungefähr kommt das Zertifikat „Angehörigen-freundliche Intensivstation“.

Marienhospital Eingang Raum

Stephanie Herrlich (Medizinpädagogin Ambulanz) und Dr. med. Andreas Schlesinger (Chefarzt Klinik für Innere Medizin)

In den 15 Jahren als Intensivpfleger hat Wirth „einiges gesehen“. Dennoch ist Covid anders als alles bisher Erlebte. „Covid ist so unberechenbar. Es sind viele Organe betroffen.“ Wie oft sich die Pflegerinnen und Pfleger in jeder Schicht umziehen, kann Stationsleiter Wirth nicht beziffern. Nur eins ist klar: „Oft, sehr oft“ werden Kittel, Handschuhe, FFP2-Maske, Gesichtsschild, Haube und Schuhüberzieher gewechselt. „Jedes Mal bevor wir ein Zimmer betreten und nachdem wir es verlassen haben.“ Jede Menge Schulungen habe es dazu gegeben. „Das An- und Ausziehen ist die Kunst“, sagt der Pflegeprofi. Über die vielen Monate mit Covid-Patienten ist zum Respekt vor der heimtückischen Infektion die Routine hinzugekommen. Immer aufmerksam zu sein, von Null auf Hundert zu reagieren – für das Personal einer Intensivstation gehört das zum Job.

Marien-Hospital

1864 wurde das St. Marien-Hospital im Kunibertsviertel gegründet. Damit ist es eines der ältesten Krankenhäuser Kölns. Das Haus verfügt über 226 Betten und ist eine Einrichtung der Stiftung der Cellitinnen zur hl. Maria. Schwerpunkte der Klinik: Innere Medizin, Pneumologie, Lungenklinik, Geriatrie, Geriatrische Rehabilitation und neurologische und fachübergreifende Frührehabilitation. In der modernen Intensivstation im Neubau können bis zu 28 Patienten versorgt werden. (dha)

„Alle hier im Team machen ihren Job wirklich gerne und sind hochmotiviert. Wir haben innerhalb der Pandemie sogar neue Mitarbeiter gewonnen.“ Dennoch zehrt die Pandemie an den Kräften. Schließlich haben alle Mitarbeitenden ein Privatleben mit eigenen Herausforderungen – Homeschooling, gefährdete Eltern, fehlende Sozialkontakte.

„Die Stimmung im Team ist ganz wichtig“, betont Wirth. Seine Kollegen wüssten, dass sie jederzeit zu ihm kommen könnten. Dann gibt es auch schon mal zwei Tage frei, um wieder Kraft zu schöpfen. „Der Zuspruch von Angehörigen trägt uns sehr“, unterstreicht Wirth. Er bekommt viele Dankesbriefe – auch von Menschen, deren Angehörige Covid nicht überlebt haben. Praktische Zeichen von Wertschätzung geben dem Personal zudem Auftrieb. So gab es Turnschuhe von einer Versicherung, ein Hotel um die Ecke stellt die Tiefgarage zum Parken zur Verfügung und die Stadt lässt das Krankenhauspersonal kostenlos die Parkplätze am nahe gelegenen Rheinufer nutzen. „Das motiviert“, sagt Wirth. Ebenso motivieren die Erfolgsgeschichten. Auch die gibt es immer wieder.

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