Ein Gespräch mit der Autorin Helga Schubert (86, „Ein einziger Tag“) über Lebensabschnitte, Meinungsfreiheit und späte Genugtuung
Gelassenheit und ReflexionAutorin Helga Schubert spricht über den Umgang mit Lebensveränderungen

Helga Schubert stellte in Köln ihr neues Buch vor.
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Hellwach und zugewandt, blitzgescheit und meinungsstark, das aber auf eine fast zurückhaltende Weise: Diese Attribute kommen einem in den Kopf, wenn man die Autorin Helga Schubert trifft. Vor ihrer Lesung im Kölner Literaturhaus sprach die 86-Jährige mit Axel Hill.
Herzlichen Glückwunsch nachträglich - in der vergangenen Woche hatten Sie Geburtstag.
Danke schön. Ich dachte, Sie wollten mir zu etwas anderem gratulieren.
Zu was?
Seit Anfang Januar steht mein Buch „Luft zum Leben“ auf Platz zwei der Bestenliste des ORF, und das bedeutet, das Ausland hat es bemerkt.
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Also auch dazu: Herzlichen Glückwunsch. Aber Österreich hat Sie zuvor schon wahrgenommen: 2020 haben Sie in Klagenfurt den Bachmann-Preis gewonnen. Die knapp 20 Jahre davor nennt Wikipedia ganz lapidar eine „Publikationspause“.
Aber ich habe immer geschrieben. 2003 war mein Buch „Die Welt da drinnen“ erschienen, das auf den Akten von Menschen basiert, die in der Schweriner Nervenklinik im Rahmen der NS-Euthanasie ermordet worden sind. Der Verlag sagte, es sei ein Zwischending zwischen Belletristik und Dokumentation, eine Form, die aus Amerika kommt ...
...ein sogenanntes Memoir ...
...und die Buchhändler wüssten nicht, wo sie das hinstellen sollen. Das hat mich ziemlich irritiert. Als mein Mann (der Psychologe und Maler Johannes Helm, Anm. d. R.) und ich wegen seiner Erkrankung ganz nach Mecklenburg zogen, habe ich mich ganz auf seine Bilder konzentriert. Wir hatten eine Galerie und 130 Ausstellungen veranstaltet. Und ich habe jedes Mal eine Geschichte geschrieben.
Als dann der Bachmann-Preis kam, konnte ich auf all diese Erzählungen zurückgreifen. Das Buch „Vom Aufstehen“ erschien dann in 21 Auflagen im Hardcover. Und ich habe gehört, dass „Die Welt da drinnen“ an der Universität Rostock im Fach Medizingeschichte auf der Liste der vorgeschlagenen Literatur steht.
Eine späte Genugtuung!
So habe ich immer gelebt: Wenn eine starke Verunsicherung kommt, rapple ich mich auf und versuche es auf eine andere Weise. Und dann geht es immer irgendwie gut aus.
Noch einen Popularitätsschub erhielten Sie durch das Buch „Der heutige Tag“, in dem Sie das Leben mit ihrem pflegebedürftigen Mann beschreiben. Im vergangenen Sommer ist er gestorben.
Am 22. August. Zu Hause, bei mir, im Schlaf.
Wie gehen Sie jetzt mit diesem neuen Lebensabschnitt um?
Ich habe das getan, was man in der Psychologie „mentalisieren“ nennt: Das, was einen droht zu überschwemmen, nicht verdrängen, sondern reinlassen. Und dann einen Schritt zurücktreten, sich distanzieren. Ich habe am selben Tag wieder geschrieben und später meiner Lektorin per WhatsApp erste Texte geschickt. Auf der Basis von 15 Seiten hat mir der Verlag dann einen Vertrag angeboten.
Wie wird das Buch heißen?
„Die Woche danach“ und soll im Herbst erscheinen.
Sie haben lange gleichzeitig als Psychologin gearbeitet und geschrieben. Wie haben Sie es geschafft, nach all den Geschichten Ihrer Patienten den Kopf freizubekommen für eigene?
Das hat mir beides gegenseitig geholfen. Ich bin ja ständig mit dem Erleben, dem Wahrnehmen, dem Verarbeiten beschäftigt. Manchmal schreibe ich auch gar nicht in den Computer, es ist in meinem Kopf wie ein Laufband. Und wenn ich mich dann hinsetze, dann ist es, wie unter Diktat zu schreiben. Das hat mir auch bei der Trauer um meinen Mann geholfen.
Im Buch „Luft zum Atmen“ gibt es eine Passage über den Umgang mit am totalitären System Beteiligten: „Gibt es die Wandlung vom Saulus zum Paulus? Man lebt sicher glücklicher und mehr in der Gegenwart, wenn man diese Wandlung für möglich hält.“ Hat sich das für Sie in den vergangenen Jahren bewahrheitet?
Ich habe wenig Erfahrung mit Menschen, die unanständig waren in der DDR, weil mein Mann und ich schon seit den 70er Jahren zurückgezogen gelebt hatten. Und wir hatten einen Freundeskreis, der heute noch besteht und von denen musste sich niemand wandeln. Es steht auch in meiner Stasi-Akte, dass es trotz jahrelanger Bemühungen nicht möglich war, in meinem privaten Umkreis einen informellen Mitarbeiter zu platzieren. Ich bin sehr vorsichtig im persönlichen Bereich. Mit dem Verrat eines Menschen musste ich nicht umgehen, weil ich mich dann schon vorher zurückgezogen hatte.
Sie kennen aus eigener Erfahrung, wie es ist, zensiert zu werden. Können Sie Menschen verstehen, die sagen, dass es heute keine Meinungsfreiheit mehr gibt?
Nein. Diese Argumentation halte ich für feige. Es ist eine andere Art, in der man jetzt mutig sein muss und seine Meinung deutlich sagt. Aber es ist überhaupt nicht zu vergleichen mit der fehlenden Meinungs- und Informationsfreiheit in einer Diktatur. Und eine Meinung hat man immer, die kann einem keiner verbieten.
Das Problem ist doch, dass so viele mittlerweile auf Ihren Meinungen beharren.
Das können sie doch.
Aber man muss doch einen Konsens finden, um als Gesellschaft zusammenzuleben.
Nein. Aber man muss den anderen achten.
Im Hinblick auf AfD-Wähler denke ich, dass der Plan der anderen Parteien, „sie zurückzuholen“, fast nicht mehr möglich ist, weil sie nicht mehr für Argumente offen sind.
So einen Menschen darf man auf keinen Fall aufgeben. Ich bin in Mecklenburg umgeben von 47 Prozent AfD-Wählern. Ich frage nie jemanden, was wählen Sie? Auch nicht die Pflegerinnen, die zu uns nach Hause kamen und am Frühstückstisch gesessen haben. Aber aus Äußerungen entnehme ich überraschende Argumente, auf die ich eingehe. Und wenn es dann heißt, die AfD hat doch ein ganz gutes Programm, sage ich nicht, dass ich das für verblödet halte, sondern frage: Was halten Sie denn für positiv an dem Programm? Ich kann natürlich die Segel streichen, aber das sind meine Mitbürger. Und ich halte sie für rückholbar, für die großen demokratischen Parteien der Mitte.
Ich habe manchmal das Gefühl, sie sind nicht mehr erreichbar.
Ich habe mir angewöhnt, nie in der Mehrzahl zu denken, es geht immer um den einzelnen Menschen. Das Wesentliche ist, die Gesellschaft offenzuhalten, sich gut zu informieren. Und Zeitungen zu abonnieren.
Helga Schubert, Luft zum Leben, dtv, 24 Euro

