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Premiere im DepotAustralische Regisseurin interpretiert „Orestie“ neu mit Tanzritual für Iphigenie

4 min
Szene aus „Die Orestie“ mit Julia Schubert, den Erinnyen, Steffen Siegmund, Anja Laïs und Sarah Sandeh.

Szene aus „Die Orestie“ mit Julia Schubert, den Erinnyen, Steffen Siegmund, Anja Laïs und Sarah Sandeh. 

Trotz starker Schauspiel-Leistungen bleibt Adena Jacobs‘ „Orestie“ unbefriedigend; das Tanzritual für Iphigenie fügt sich nicht harmonisch ein.

Programmheft lesen oder nicht lesen? Eine Frage, die man sich im Theater immer wieder stellt. Soll man sich sein eigenes Bild machen? Oder den Blick und Verständnis von erklärenden Texten lenken lassen? Bei der „Orestie“ in der Regie von Adena Jacobs, die jetzt im Depot 1 des Schauspiels Premiere feierte, ist Letzteres angebracht. Denn ansonsten fragt man sich: Was ist mit dem Ende des Stücks passiert?

König Agamemnon (Thomas Dannemann) hatte, um nach Troja segeln zu können, seine Tochter Iphigenie (im Video und als Stimme: Louisa Beck) den Göttern geopfert. Als er nach dem Ende des Krieges heimkehrt, im Schlepptau seine Gefangene Kassandra (Claude De Demo), wird er von seiner Frau Klytaimnestra (Anja Laїs) aus Rache ermordet. Diese wiederum wird von ihrem Sohn Orest (Steffen Siegmund) getötet   um den Vater zu rächen. Unterstützt wird er dabei von seiner Schwester Elektra (Sarah Sandeh).

Der Stoff, aus dem Tragödien sind

Der Vater tötet seine Tochter, die Mutter den Ehemann und der gemeinsame Sohn wiederum die Mutter das ist der Stoff, aus dem die alten Griechen ihre Dramen zimmerten. Aischylos suchte darüber hinaus nach einem Weg, der Blutrache ein Ende zu bereiten. Bei ihm wird Orest vor ein Gericht gestellt, aber weil gleich viele Stimmen für seine Schuld und seine Unschuld abgegeben werden, wird er freigesprochen. Definitiv kein befriedigendes Ergebnis, denn das, was wir heute Selbstjustiz nennen, ist niemals gerechtfertigt. Aber bei Aischylos bedeutete es, dass die Rachegöttinnen ihrer Aufgabe verlustig gingen.

Statt dem dreiteiligen Werk vielleicht einen vierten Akt hinzuzufügen, verzichtet die australische Regisseurin auf das Ende und lässt, laut Programmheft, „ein Ritual für Iphigenie“ aufführen, „ein Kreisen um die unerträgliche Leerstelle, die die Ermordung einer Teenagerin in einer Welt aus Krieg und patriachaler Gewalt hinterlassen hat“.

Großer Auftritt für junge Tänzerinnen

An dieser Stelle haben die zehn Studentinnen des Zentrums für Zeitgenössischen Tanz ihren großen Auftritt. Waren sie bis zu diesem Zeitpunkt meist Statistinnen, bestimmen sie nun das Geschehen auf der praktisch leer geräumten Bühne mit einer ausdrucksstarken Choreographie (von Melanie Lane).

Aber wie so oft bei Modernem Tanz: Der Interpretationsspielraum ist groß, die Assoziationssprünge der Regisseurin sind in dieser Produktion noch größer: Man sieht die jungen Frauen, um Klytaimnestra versammelt, von leeren Tellern „essen“ – oder in Bodysuits mit wilden blonden Stachel-Perücken wie Furien über Orest herfallen. Schließlich tanzen sie halbnackt (warum auch immer), sammeln die Knochen eines Skeletts ein und versammeln sich auf einem Felsen. Eine bewegende, toll getanzte Szene, eigentlich ein guter, wenn auch an Florentina Holzinger erinnernder Schlusspunkt eines bildreichen Abends.

Seltsam unbefriedigt

Doch lässt es seltsam unbefriedigt zurück. Der Tanzteil wirkt bei aller Sympathie für die Akteurinnen ein wenig so, als sei jemandem in letzter Minute eingefallen, dass man doch noch mal eine richtig große Aufgabe für sie brauche. Doch die Idee des „Rituals für Iphigenie“ ergibt sich weder aus der Choreographie noch schließt sie daran an, was man bis zu diesem Zeitpunkt zu sehen bekommen hat: ein Theater starker Stimmen, die einen faszinierenden Text zelebrieren. Ein Ensemble, das eine Geschichte erzählt. Schauspielerinnen und Schauspieler, die sich mit Haut und Haaren ihren Rollen widmen.

Großartiges Ensemble

Sarah Sandeh ist als Elektra die Verkörperung einer zornigen Teenagerin. Julia Schubert zeigt als „Chor“ eine große Wandlungsfähigkeit. Steffen Siegmund verleiht Orest (nicht zuletzt durch eine überraschende Körpersprache) trotz Furor und Wahn der Figur eine Verletzlichkeit.

Und Anja Laїs als Klytaimnestra? So oft hat man sie schon in großen tragischen, dramatischen Rollen gesehen, dieser Stimme zugehört, die manchmal leicht belegt, leicht schleppend klingt, hart und sanft sein kann und voller Verzweiflung. In dieser „Orestie“ ist sie ohne Frage eines der Argumente für den Kauf einer Eintrittskarte. Der Ruhepol in einem Abend, der nicht so recht weiß, wo er hin will.

Alles schon mal gesehen

Mal ist er statisch, mal exaltiert. Mal geschmackvoll, mal meint die Regisseurin, dass das Ensemble sich mit Blut beschmieren und mit Gedärmen behängen soll. Die Videoleinwand wird eklektisch genutzt: Mal gibt es Close-ups der Darstellenden, mal werden altmeisterliche Gemälde projiziert. Da schweben riesige Gesteinsbrocken vom Bühnenhimmel und erzeugen zusammen mit den Felsen, die bereits platziert sind, ein Moment des Archaischen. Gleichzeitig wird ein langes Podest genutzt wie ein Catwalk, der zu unmotiviertem Auf- und Abwandern animiert. Man hat das alles schon mal gesehen.

Der Premierenapplaus fällt reservierter aus, als man es sonst im Schauspiel gewohnt ist. Verständlich: Nichts, was man zu sehen bekommen hat, ist wirklich schlecht. Nur hat man griechische Tragödien schon besser gesehen mit größerer Wucht, mit überzeugenderen Ideen und Interpretationsansätzen. Und mit klareren Bezügen zu unserer ebenfalls verstörend-komplizierten Gegenwart.

135 Minuten (ohne Pause). Wieder am 10., 14. und 20.3.,, jeweils 19.30 Uhr, sowie am 15.3., 18 Uhr.Lorem ipsum