Abo

Exklusiv

Exklusiver Vorab-Blick
Kurator Stephan Diederich eröffnet Einblicke in Kusama-Ausstellung im Museum Ludwig

4 min
Museum Ludwig Köln, ML - Yayoi Kusama , 14. März – 2. August 2026

Yayoi Kusamas bunte Blumen zieren die Dachterrasse des Museum Ludwig.

Die Kusama-Retrospektive im Museum Ludwig zeigt chronologisch Werke der japanischen Künstlerin, inklusive eindrucksvollem Infinity Room.

Die Ventilatoren rauschen im Dauermodus. Tag und Nacht. Dort, im Herzstück der nächsten Ausstellung im Museum Ludwig, in einem der berühmten Infinity Rooms der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama, der das Haus in Zusammenarbeit mit der Fondation Beyeler bei Basel und dem Stedelijk Museum in Amsterdam eine große Retrospektive widmet. Vor der Eröffnung am 14. März durfte die Rundschau mit Kurator Stephan Diederich einen exklusiven Blick in die Schau werfen, von der jetzt schon klar ist, dass sie ein Blockbuster wird.

Das Konzept ist streng chronologisch von frühen Arbeiten, die in den 1950er Jahren in Japan entstanden, über Werke aus Kusamas Zeit in New York bis hin zu aktuellen Kreationen der mittlerweile 96-Jährigen. „Der größte Wunsch, den ich an die Wirkung der Ausstellung habe, ist dass Kusamas Geist sie durchweht und sich nicht irgendwie Kuratoren ihrer Werke bemächtigen“, erklärt Stephan Diederich seinen Ansatz.

Vom Geist der Künstlerin

durchwehtUnd mit diesem Geist hat Yayoi Kusama, die seit frühester Kindheit an psychischen Problemen litt, zeit ihres Lebens Stärke bewiesen und beweist diese nach wie vor. „So fragil, so labil sie teilweise war, so zielgerichtet und selbstbewusst war sie trotzdem. Sie wusste auch mit der Öffentlichkeit umzugehen.“ So ließ sie sich mit ihrer Installation „Aggregation: One Thousand Boats Show“ 1963 nackt ablichten. Das Werk besteht aus einem Ruderboot, das mit unzähligen phallusartigen Stoffgebilden überzogen ist. Abbildungen des Bootes zieren hundertfach die Wandbespannungen. Mit diesen „Penis-Skultpturen“ verarbeitet Kusama ihre eigenen Probleme mit Sexualität.

In der Gestaltung des Parcours war Diederich „eigentlich ganz frei“, auch wenn natürlich Mitarbeitende von Yayoi Kusamas Studio in Tokio in Köln waren. „Das war und ist ein sehr schönes kollegiales Miteinander.“ Nicht zuletzt, weil die besondere Architektur des Museum Ludwig es ermöglicht, bekannte Kunstwerke in nie dagewesener Weise zu zeigen wie etwa den Infinity Room.

Wände mit Stoff bespannt

Dessen Wände sind bespannt mit synthetischem Stoff, über und über bedruckt mit sich durcheinanderwirbelnden, schlangen-ähnlichen Formen in Schwarz und Ocker. Dasselbe Muster findet sich auf dem Fußboden. Und an den Innenseiten der berühmten, viertel-runden Shed-Dächern, die von außen betrachten dem Ludwig seine wellenförmige Struktur verleihen. „Gott sei Dank haben wir mit der Künstlerin und dem Studio beschlossen, wirklich aufs Ganze zu gehen und die Decke mit einzubeziehen“, freut sich Diederich.

Durch den Raum winden sich auch bis zu zwölf Meter hohe Tentakel, die dasselbe Muster aufweisen und von Ventilatoren in Form gebracht werden. Die Reizüberflutung wird gesteigert durch einen begehbaren, innen wie außen mit Spiegeln versehenen Kubus. Er reflektiert Punkte und Gebilde ins scheinbar Unendliche, in seinem Innern finden sich weitere, diesmal pulsierende Gebilde. „Das ist so, als wäre man in einem lebenden Organismus und verdichtet das Außenerlebnis.“

Angenehmer Nebeneffekt

Diese Form des Kunstwerks im Kunstwerk habe Kusama nicht so oft gemacht. Und für das Kölner Publikum hat es einen angenehmen Nebeneffekt: Während man wartet, um in den Spiegelwürfel zu gelangen (nur rund eine Handvoll von Besuchern dürfen gleichzeitig hinein), „steht man praktisch schon in der Installation, bevor man ins Herzstück vordringt“.

Diese Kombination sei nur für diese Ausstellungstournee kreiert worden. Und in Köln gibt es einen Bonus: Über den Balkon des Raumes kann man die Installation auch von oben betrachten. „Es gibt sicherlich keine größere Kusama-Expertise als bei den Mitarbeitenden des Studios, aber selbst sie bekamen leuchtende Augen, als sie das hier sahen.“

Stoffe müssen später vernichtet werden

Für den Aufbau reiste unter anderem der Ballonmeister des Studios von Tokio an den Rhein, im Gepäck die aufblasbaren Tentakel. Die Wandbespannungen wurde hier vor Ort produziert und müssen nach dem Ausstellungsende vernichtet werden. Im Museumsshop würden sie sicher reißenden Absatz finden, doch hier hat das Copyright ein stärkeres Gewicht als die Nachhaltigkeit.

Die kommt aber anderer Stelle zum Zug: In einem möblierten Raum werden die Einrichtungsgegenstände und Wände über und über mit Punkten beklebt. So bekommt man eine vage Idee davon, wie Yayoi Kusama durch ihre Halluzinationen die Welt wahrnimmt. Dazu, was in dem Raum aufgestellt und beklebt wird, gibt es keine Vorgaben von ihr. „Es soll ein ortstypisches, ganz normales Zimmer sein“, erzählt Stephan Diederich. „Teilweise haben wir die Sachen bei Emmaus gekauft, es gab ein paar Sachen, die wir hier hatten, einiges haben wir selber von zu Hause mitgebracht.“

Neben den hochkomplexen Gemälden, den technisch aufwendigen Infinity Rooms wirkt dieser Raum schlicht, „aber er sagt natürlich unheimlich viel über ihre Befindlichkeiten“.