Julian Barnes feiert am 19. Januar seinen 80. Geburtstag. Er wird mit Robert Habeck die lit.Cologne eröffnen.
Julian BarnesAbschied(e) als letztes Buch zum 80. Geburtstag

Der britische Autor Julian Barnes
Copyright: Marzena Pogorzaly
Schon in jüngeren Jahren stellte Julian Barnes für sich selbst die Regel auf, jedes Buch so zu schreiben, als wäre es sein letztes. Damit wollte er sicherstellen, dass er jedes so gut machte, wie er nur konnte. Mit den Jahren aber ertönte dabei ein immer schärferer Unterton und beim ein oder anderen Werk ertappte er sich bei dem Gedanken: „Dieses wäre nicht schlecht, um den Abgang zu machen.“
Elegantes Alterswerk
Am 19. Januar wird Julian Barnes 80 Jahre alt und wenn er behauptet, sein aktuelles Buch mit dem sprechenden Titel „Abschied(e)“ sei nun wirklich sein letztes, ist das keinesfalls nur Koketterie. Es ist ein elegantes Alterswerk. Distinguiert. Very British. Typisch Julian Barnes. Er schreibt über die Liebe, das Leben und die Literatur. Und über den Tod.
Doch obwohl er schon einmal leise Abschied nimmt, neigt er nicht zu Melodramatik, sondern blickt mit einer zarten Selbstironie zurück. Die einzige Erkenntnis, die er einem mit auf den Weg gibt, ist die, dass er als Schriftsteller auch nicht klüger als alle anderen. Ganz ähnlich wie in seinem 2015 erschienenen Buch „Lebensstufen“, in dem er über den Tod seiner Ehefrau Pat geschrieben hat, umspielt er den Abschied und berichtet von seiner Krebsdiagnose. Einer chronischen Form der Leukämie.
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Die sei zwar unheilbar, aber beherrschbar, „das klingt doch wie … das Leben selbst, nicht wahr“. Einmal mehr überlässt sich der 1946 in Leicester geborene Barnes den Kaskaden der Erinnerung. Er schreibt, wie es wäre, wenn diese Erinnerungen sich durch das Bohren eines Loches in den Schädel freisetzen ließen, und darüber, dass wir immer behaupten, erst die Erinnerung stifte Identität. Aber ist dem wirklich so?
Große Franzosen zitiert
Wie in seinen bekanntesten Romanen „Flauberts Papagei“ (1984) und „Vom Ende einer Geschichte“ (2011) zitiert er dabei die großen Franzosen des 19. Jahrhunderts – Charles Baudelaire, Stéphane Mallarmée und Marcel Proust – letzteren vor allem, um ihm zu widersprechen. Es gibt herrliche Episoden in diesem Erinnerungsbuch, das kein Roman ist. Wenn Barnes etwa während der Covid-Epidemie fantasiert, sich einen Button mit der Aufschrift „Aber ich habe den Booker-Preis gewonnen“ ans Revers zu heften, um im Falle einer Triage verschont zu bleiben.
Weil er aber weiß, was er seinem Publikum schuldet, begnügt er sich nicht mit Reflexionen, sondern erzählt dazu noch eine Geschichte in der Geschichte, die für sich genommen ein zauberhafter kleiner Roman ist. Während seines Studiums in Oxford lernte er dort Stephen und Jean kennen und war nicht unerheblich daran beteiligt, dass die beiden ein Paar wurden.
Leben und Literatur verwechselt
Eineinhalb Jahre gingen sie zusammen. Bis sie an einem Punkt gelangt waren, wie beide behaupteten, „wo wir entweder heiraten oder uns trennen müssen“. Nun, sie trennten sich und verloren einander aus den Augen. Bis 40 Jahre später eben jener Stephen sich aus dem Ruhestand bei Barnes meldet und ihn darum bittet, ihm zu helfen, Jean wiederzusehen. Gesagt, getan.
Noch einmal spielt Barnes den Kuppler. Und diesmal heiraten die beiden wirklich. Um sich eineinhalb Jahre später erneut zu trennen. Was Jean in einem Brief an Barnes mit den Worten kommentiert: „Im wirklichen Leben, Mister Romanschreiber, ist die Liebe nicht so, wie du und Leute deines Schlages sie darstellen.“ Und in der Tat muss Barnes schuldbewusst eingestehen, Stephen und Jean wie Figuren in seinen Romanen behandelt zu haben, im Glauben, sie sanft zu einem glücklichen Ende zu lenken. „Ich hatte Leben und Literatur verwechselt.“
Leben als Boulevardstück
Obwohl er beiden versprochen hat, nicht über sie zu schreiben, und sogar einen Eid ablegte (als Atheist auf die Bibel), macht er es am Ende doch. Meisterhaft spielt Julian Barnes noch ein letztes Mal seine großen Themen durch und kommt zu der Erkenntnis: Das Leben ist eben keine Tragödie mit Happy End, „nein, es ist eine Farce mit tragischem Ende oder bestenfalls ein Boulevardstück mit traurigem Ende.
Oder, wie man früher sagte, es ist eine Komödie für die Denkenden und eine Tragödie für die, welche fühlen.“ Sein Buch ist ebenso virtuos wie unterhaltsam. Es wäre ein würdiger Abschluss. Aber wer weiß, ob man dem Schriftsteller trauen kann? Vielleicht kommt ja doch noch ein weiteres Buch. Schließlich hat Barnes vor zehn Jahren auch schon sein letztes Interview angekündigt, auf das dann noch jede Menge weitere folgten.
Julian Barnes: Abschied(e). Deutsch von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch, 252 S., 23 Euro.
Zusammen mit Robert Habeck eröffnet Julian Barnes die diesjährige lit.Cologne, die mit einer Reihe von Veranstaltungen das 75. Jubiläum des Verlages Kiepenheuer & Witsch würdigt. Die Veranstaltung am 7. März (16.30 Uhr, Flora) ist ausverkauft.
