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lit.Cologne-Eröffnung in KölnJulian Barnes zieht das Publikum mit Optimismus und Witz in den Bann

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07.03.2026, Nordrhein-Westfalen, Köln: Der britische Schriftsteller Julian Barnes sitzt bei einer Veranstaltung im Rahmen des Literaturfestivals lit.Cologne auf der Bühne. Foto: Thomas Banneyer/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Der britische Schriftsteller Julian Barnes sprach über sein neues Buch „Abschied(e)“.

Gelungener Auftakt der diesjährigen Ausgabe der lit.Cologne mit Julian Barnes und Robert Habeck.

„Ein bisschen wie in der Wahlkampfarena“ fühlte sich Robert Habeck nach eigenen Worten, als er da auf der Bühne der Flora saß. Neben ihm: Erfolgsautor Julian Barnes nebst Simultandolmetscherin Sarah King, Moderator Tobias Rüther, sowie Sprecher Frank Arnold, der auch schon die deutsche Fassung von Barnes’ jüngst erschienenem Werk als Hörbuch eingelesen hatte.

Hätte es sich bei dieser Konstellation nicht um die Eröffnungsveranstaltung der 26. lit.Cologne gehandelt, sondern tatsächlich um eine Wahlkampfveranstaltung, hätte Habeck, bei aller gezeigten Eloquenz, diesmal sicherlich den Kürzeren gezogen. Was ihm – so viel Spekulation sei erlaubt – aber vermutlich gar nicht viel ausgemacht hätte.

Unbestrittener Publikumsmagnet

Denn daran, wer an diesem Abend der Publikumsmagnet war, bestand von Anfang an kein Zweifel: Standing Ovations für den bestens aufgelegten Julian Barnes, dessen Erzählstimme nicht nur in seiner britischen Heimat seit nunmehr 45 Jahren aus der Literaturwelt nicht mehr wegzudenken ist und dessen Werk schon mit so ziemlich jedem international bedeutenden Literaturpreis bedacht wurde.

Dass die Eröffnung mit der Konstellation Habeck und Barnes stattfand, ist auch der Tatsache geschuldet, dass beide ihre Bücher bei Kiepenheuer & Witsch veröffentlichen. Der Kölner Verlag feiert in diesem Jahr sein 75-jähriges Bestehen und würdigt dies im Rahmen der lit.Cologne mit mehreren Sonderveranstaltungen.

Leukämie-Diagnose

Der Titel von Barnes’ jüngstem, autobiografischen Werk lautet nicht ohne Grund „Abschied(e)“. Der Autor, der Anfang des Jahres seinen 80. Geburtstag feierte, lebt mit einer Leukämie-Diagnose, einer Krankheit, die, wie es im Buch heißt „tödlich sein kann, aber nicht muss“. Das Buch kann also als Abschiedsgeschenk an die Leser verstanden werden, muss es aber nicht.

Nicht nur, dass Barnes sich an diesem Abend bestens aufgelegt, schlagfertig und optimistisch präsentierte, so als habe er vom Leben noch lange nicht genug. Zudem schrieb bisher jedes Buch so, als könnte es das letzte sein. Das sei schon bei seinem 1980, nach siebenjähriger Entstehungszeit, erschienenen Erstling „Metroland“ so gewesen, bestätigte er Rüther auf Nachfrage, bevor Arnold die entsprechende Passage aus „Abschied(e)“ las, die den Gedanken hinter der Selbstverpflichtung näher beleuchtete.

Angst, sich zu wiederholen

Nicht das Bewusstmachen der eigenen Endlichkeit habe den Ausschlag gegeben, sondern der Gedanke, stets das Beste zu geben und gar nicht erst Gefahr zu laufen, sich zu wiederholen. Letzteres nehme nach 45 Jahren immer mehr Gestalt an. Einmal habe er sich sogar bei Freunden rückversichern müssen, eine bestimmte Szene noch in keinem seiner bisherigen Bücher geschildert zu haben.

Eine Erfahrung, die auch Habeck schon gemacht hat. Allerdings weniger in seiner Eigenschaft als Roman- und Sachbuchautor, sondern eher im politischen Tagesgeschäft. „Da sitzt man in einer Wahlkampfveranstaltung, will eine Frage beantworten und stutzt plötzlich: Habe ich das in dieser Runde schon einmal gesagt, oder war das in dem Termin vor zwei Stunden?“

Plädoyer für Europa

À propos Politik: Daran kam man auch an diesem Abend nicht vorbei. Barnes, erklärter Brexit-Gegner, zeigte sich besorgt über die Zukunft Europas. Mit 40-jähriger Verzögerung sei aus George Orwells düsterer Dystopie „1984“ doch noch Realität geworden. Um gegen Russland, China und die USA zu bestehen, sei ein starkes, geeintes Europa so wichtig wie nie.

Ob er die Scorpions kenne, fragte Rüther Barnes am Ende des Abends, was dieser verneinte. Diese hätten vor nunmehr 16 Jahren ihr „letztes Album“ herausgebracht und befänden sich immer noch auf Abschiedstour. Ob er sich so etwas auch vorstellen könne? „Nein“, lachte Barnes, „Da käme ich mir ja vor wie ein Hochstapler.“