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Neue Ausstellung im Museum LudwigYayoi Kusamas Kunst von Punkten und Tentakeln fasziniert in der neuesten Retrospektive

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Yayoi Kusamas Infinity Room im Museum Ludwig

Yayoi Kusamas Infinity Room im Museum Ludwig

In seinem Jubiläumsjahr widmet das Museum Ludwig der japanischen Künstlerin eine überwältigende Retrospektive. Karten werden für Zeitfenster verkauft.

Punkte. Überall Punkte. Punkte, soweit das Auge reicht. Zwischendurch beginnt es, vor den Augen zu flirren, wenn man durch die neue Ausstellung im Museum Ludwig streift. Am vehementesten ist dieser Eindruck natürlich im Infinity Room: Die Wände und sogar die Decke des DC-Saals sind bespannt mit Stoff, auf denen sich in Schwarz und Ocker Tentakel schlängeln, aufblasbare Tentakel wiederum winden sich durch den Raum, die verspiegelten Außenseiten eines Kubus tragen zum Gefühl bei, das man in der Unendlichkeit steht.

Betritt man den Würfel, stößt man erneut auf Tentakel, die durch die Lichtsteuerung im Inneren fast lebendig wirken. Decke und Boden reflektieren die Installation, die verspiegelten Wände werfen ihre Bilder hundertfach hin und her. Willkommen in der Welt von Yayoi Kusama!

Die Retrospektive, die jetzt im Museum Ludwig zu sehen ist, führt durch das Leben einer Frau, deren Leben von Kunst und Krise geprägt ist und der es bis heute, mit bald 97 Jahren, gelingt, die persönlichen Krisen in eindringliche Kunst zu transformieren.

Kusama-Gemälde aus den letzten zehn Jahren.

Kusama-Gemälde aus den letzten zehn Jahren.

Schon als Kind geboren wurde sie am 22. März 1929 im japanischen Matsumoto wurde sie zum ersten Mal von Halluzinationen geplagt. Und gleich zu Beginn des chronologisch angelegten Parcours sind Zeichnungen zu sehen, die sie unter anderem als Zehnjährige angefertigt hat: das Gesicht einer jungen Frau, das über und über mit Punkten bedeckt ist.

Zuerst mag man an Masern denken, doch die Markierungen ziehen sich über die Kleidung, über den Hintergrund, scheinen vom Himmel auf die Jugendliche hinabzustürzen und sie zu bedecken. Auf der Rückseite des Blattes sieht man einen Raum, in dem auf einem Podest eine Vase mit Blumen steht sich wiederholende Muster liegen über der Szenerie. Schon in diesen frühen Werken zeigt Yayoi Kusama, welche Streiche ihr Gehirn ihr spielt. Diese „polka dots“ ziehen sich durch ihr Oeuvre bis zum heutigen Tag.

Zu dieser Welt gehören aber auch unbedingt Pflanzen, mit denen sie auf positive Weise von klein auf umgeben ist: Ihre Familie betreibt eine große Gärtnerei. Blumen und Ranken werden zu Motiven, deren regelmäßige Strukturen finden sich in vielen ihrer Gemälde in verfremdeter Form wieder.

Das Werk „I'm Here, But Nothing“

Alles in diesem Zimmer ist mit Punkten beklebt.

Etwa in einer bedrückenden Arbeit von 1950: Spiralen winden sich in einen rot-schwarzen Höllenschlund, in der Mitte fristen verdorrte Bäume ihr Dasein. Der Titel: eine Anhäufung von Leichen.

Die strengen patriarchalischen Strukturen des Nachkriegs-Japan, das schwierige Elternhaus (die Eltern kommen nicht miteinander klar, aber auch nicht mit der kranken Tochter) immer wieder versucht Kusama auszubrechen. Ein Jahr lässt sie sich in klassischer Zeichenkunst ausbilden, Ende der 1950er Jahre geht sie in die USA, lebt und arbeitet teils unter prekären Verhältnissen. Aber sie lebt auf.

Kurator Stephan Diederich nutzt dafür die Architektur der Sonderausstellungsfläche auf hervorragende Weise: Nachdem die in Japan entstandenen Frühwerke in zwei eher dunklen Räumen mit normaler Deckenhöhe zu sehen sind, werden die New Yorker Arbeiten wie auf einem Boulevard präsentiert: Die endlos hohen Decken gewähren Licht und Luft, die Kunstwerke können fast wie in Schaufenstern (jedoch nicht hinter Glas) betrachtet werden. Da sind das berühmte Boot, die Schuhe, die Kleiderpuppe, allesamt mit phallus-artigen Stoffelementen bedeckt. Oder der BH und das Kleid, mit Makkaroni beklebt. Oder die großartigen Infinity Nets, in denen man versinken möchte.

Werke aus Kusamas Zeit in New York.

Werke aus Kusamas Zeit in New York.

Inspiriert von ihrem Flug von Japan in die Staaten, als der Pazifik unter ihr lag, sind es Arbeiten, die demonstrieren, mit welcher vielleicht auch manischen Hingabe sie zu Werke geht: Die Leinwand ist mit einer dunklen Farbe grundiert, in die noch feuchte weiße Farbe darüber hat sie in mühseliger Kleinarbeit Kerben geritzt, weniger als fingernagel-groß. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie viele Stunden sie daran gesessen hat. Hier ist jemand von seinem Schaffen im positiven Sinn besessen.

Auf die Skulpturen und Installationen folgen von ihr entworfene Mode und Videoaufnahmen der Happenings, mit denen sie Ende der 1960er Jahre Furore machte: Bei Body-Painting-Sessions, zunächst in geschlossenen Räumen, später an öffentlichen Orten, bei denen ihre weiblichen und männlichen Aktmodelle mit Punkten bemalt werden. Das atmet die Luft des Summer of Love, der Hippiekultur und ihrer Freizügigkeit.

Angst vor Sexualität

Wie die Penis-Skulpturen ist es aber gleichzeitig Kusamas Art, sich mit ihren eigenen Problemen mit Sexualität zu stellen, ein weiteres Trauma, das sie aus ihrem Elternhaus in ihrem mentalen Rucksack trägt: Der Vater ging sehr viel fremd, die Mutter zwang ihre Tochter, ihn auszuspionieren.

Zu Beginn der 1970er Jahre geht sie zurück nach Japan, die Zusammenbrüche nehmen zu, 1977 beschließt sie, fortan in einer psychiatrischen Klinik zu leben. Sie schreibt verstärkt, veröffentlicht Romane, Kurzgeschichten und Gedichte düstere Werke, von denen Stephan Diederich sagt, dass es „einer gewissen Festigkeit“ bedürfe, um sie zu konsumieren.

Auch die Gemälde aus dieser Zeit sind bisweilen düster, kleinformatiger angepasst an die Tatsache, dass sie zunächst nur in ihrem Klinik-Zimmer arbeitet.

Rückkehr der Farben

Doch irgendwann kehrt die Farbe in ihr Leben zurück, überdimensionale Acryl-Gemälde zieren den letzten Raum. Die Punkte leuchten, ins Augen fallen die naiv anmutenden Sonnen, die lächelnde Gesichter haben. Nun gut, nicht alle, aber auch eine Sonne darf mal betrübt sein.

Gegen Ende, in einem Nebenraum, versteckt hinter zwei Vorhängen, befindet sich ein weiteres begehbares Kunstwerk: Ein in Schwarzlicht getauchtes Zimmer, das bewohnt und gleichzeitig verlassen wirkt, irgendwas zwischen Studentenbude und einer Airbnb-Unterkunft, von der man denkt, für drei Tage ist es okay. Das Bett ist gemacht, Gläser stehen herum, auf einem Tisch liegt ein Donna-Leon-Krimi, an anderer Stelle ein Kochbuch, daneben ein Uralt-Laptop. Auf alles sind verschiedenfarbige, fluoreszierende Punkte geklebt.

Und einmal mehr ist man umgeben von den Visionen, die Yoyoi Kusama ihr Leben lang geplagt haben, um zu begreifen, dass man sich, egal, wie schwer es fällt, nicht unterkriegen lassen darf.

Bis 2. August. Eintrittskarten werden für Zeitfenster verkauft, mehr Informationen unter www.museum-ludwig.de