Abo

lit.CologneMännerfreundschaften in der Literatur

3 min
Schauspieler Albrecht Schuch

Schauspieler Albrecht Schuch las zusammen mit Tobias Rüther bei der lit.Cologne.

„Supertypen“ auf einem aufschlussreichen und kurzweiligen Abend über Männerfreundschaften in der Literatur

Fangen wir mal damit an, was Männerfreundschaft natürlich nicht ist: Gemeinsam über die letzte Heimschlappe des FC fachsimpeln, sich im Squash-Duell verausgaben und danach beim Kölsch den Stress mit der Ex beklagen. Das wäre zu trivial und schon gar nicht literarisch angemessen, immerhin geht es auf der lit.Cologne ja weitestgehend um Bücher. Nein, Männerfreundschaft ist ein zartes Pflänzchen, voller Poesie und tiefer Gedanken.

Literaturpaket zusammengestellt

Mit dieser irgendwie rührenden, aber auch ein bisschen reizarmen Bilanz endet der Abend „Supertypen“ über „das Beste, was es gibt auf der Welt“. Dabei hatte die Anmoderation im Programm schon Lust auf ein bisschen verbale Peepshow gemacht. Was machen Männer eigentlich, wenn sie allein zu zweit sind? Die Welt erobern? Reden? Aber worüber? Und was ist, wenn es mal Streit gibt? Und wie ist das mit den Frauen? Doch so einfach ist es nicht, akademischen Anspruch mit fetziger PR zu verkaufen. Da ist ein Hauch von klammheimlicher Enttäuschung wohl programmiert. Mit viel Akribie hatte Literaturkritiker Tobias Rüther ein Literaturpaket zusammengestellt, das viele Facetten von Beziehungen aufgriff. Er ist ein Experte, hat selbst ein schönes Buch über Männerfreundschaften geschrieben.

Und die Beispiele machten durchaus Spaß, zumal sie gelesen wurden von den wunderbaren Schauspielern Ulrich Matthes und Albrecht Schuch. Da ging es gern um das Thema Coming of Age, die Jugendfreundschaften, die oft die Basis für eine lebenslange Beziehung bilden. Da wird der Leser auf Wolfgang Herrndorfs wunderbar maulfaulen „Tschick“ gelenkt, der mit seinem Freund Mike unter dem Sternenhimmel über den Kosmos und die Welt simmeliert, bis die beiden zu der alles erhellenden philosophischen Erkenntnis kommen: „Wahnsinn“.

Becketts Streithansel als Freunde

Ein Blick in die berühmte Novelle „Die Leiche“ von Stephen King fehlt auch nicht, jenes Jugendabenteuer, das die Vorlage zu dem hinreißenden Film „Stand by me“ gab. Auch Christoph Kramers Buch „Das Leben fing im Sommer an“ erzählt die Geschichte von Fünfzehnjährigen an der Schwelle des Erwachsenwerdens. Sehr bewegend auch die auf Postkarten und in Tagebüchern dokumentierte Männerfreundschaft zwischen dem Schauspieler Manfred Krug und dem Autor Jurek Becker bis zu dessen Tod. Verblüffend die Idee, Wladimir und Estragon, die beiden Streithansel aus Becketts Theaterstück „Warten auf Godot“, als verkappte beste Freunde zu präsentieren.

Kurze Erwähnungen von Songtexten wie „Ein Freund, ein guter Freund“ von den Comedian Harmonists oder eine Zeile aus „No surrender“ von Bruce Springsteen sollen die Sache etwas aufpeppen, das lässt man aber lieber, wenn man sich in dieser Materie nicht so gut auskennt. Bei Springsteen denkt der Musikfan sicher eher an den berühmten Song „Blood Brothers“. Überhaupt wird im Verlauf des Abends klar, wie viel Potenzial in diesem Thema steckt und wie viel naturgemäß fehlt. Fehlen muss. Was herausfordert und zu eigenen Ideen inspiriert. Was wäre, wenn man keine Szene aus „Moby Dick“ von Melville vorgelesen hätte, sondern Ernest Hemingways rivalisierende Freundschaft zu seinem Schriftstellerkollegen F. Scott Fitzgerald thematisiert hätte?

Beschwingt aus dem Proseminar

Wenn Kafka und Max Brod um die Ecke gekommen wären, Ernie und Bert oder die Geschichte des „Highway Patrolman“ im gleichnamigen Countrysong erzählt würde, dessen Bruder und Freund zum Gewalttäter wird? Was ist mit den Western, da geht es doch auch um berühmte Männerfreundschaften und Feindschaften? Winnetou und Old Shatterhand? Und und und. So geht man am Ende trotzdem irgendwie beschwingt aus dem Proseminar, befeuert vom Ehrgeiz, selbst im Erinnerungsschatz zu buddeln. Und mit den Freunden wird es beim nächsten Treffen bestimmt auch ein Thema.