Abo

Lit.CologneRevolution als Teilchenbeschleuniger

3 min
Sir Christopher Munro Clark, gekleidet in einen dunklen Anzug und ein weißes Hemd, sitzt gestikulierend in einem Stuhl und spricht.

Sir Christopher Munro Clark sprach bei der lit.Cologne über sein Werk "Frühling der Revolution".

Historiker Christopher Clark sprach bei der lit.Cologne über sein neues Werk und den Völkerfrühling 1848 als „einzig wahrhafte europäische Revolution“.

Gegen Ende des Abends will es Joachim Frank genau wissen. „Können die Deutschen Revolution?“, fragt er Christopher Clark. Der Historiker hat gerade den 1000-Seiten-Band „Frühling der Revolution: Europa 1848/49 und der Kampf für eine neue Welt“ veröffentlicht, darin geht es auch um die Erhebungen im damaligen Deutschland – und die gelten gemeinhin als gründlich gescheitert. Doch die Antwort kommt ohne Zögern: „Natürlich können die Deutschen Revolution.“ Man dürfe allerdings nicht erwarten, dass es einer Gruppe gelingt, ihre Vorstellungen von einer neuen Ordnung ohne Abstriche durchzusetzen: „Das passiert in der Realität niemals.“

Wem das Thema „1848“ immer schon zu undurchsichtig war, stößt bei Clark, der Neuere Europäische Geschichte in Cambridge lehrt und 2013 mit seinem Buch „Die Schlafwandler“ bekannt wurde, auf Verständnis. In seinem Gespräch mit Journalist Joachim Frank im WDR-Funkhaus im Rahmen der lit.Cologne gesteht der Autor, als Schüler sei er auch eher skeptisch gewesen: „Komplex und gescheitert: das klingt nicht besonders attraktiv.“

Neue Einheiten nach der Zersplitterung

Wie Franke erklärt, ist es Christopher Clark in seiner neuen Veröffentlichung gelungen, eine große Zahl unterschiedlicher Erzählstränge miteinander zu verknüpfen, lesbar und mit Lust am Fabulieren. Der Autor selbst vergleicht „1848“ mit einem Teilchenbeschleuniger: „Menschen, Gruppierungen, und Ideen flogen hinein, prallten aufeinander, verschmolzen oder zersplitterten, und traten in Formen neuer Einheiten hervor, deren Spuren sich durch die kommenden Jahrzehnte ziehen.“

Man dürfe beim vielgestaltigen „Völkerfrühling“ von der „einzigen wahrhaft europäischen Revolution“ reden, die in Neapel und Palermo begann und sich dann von der Walachei und den ionischen Inseln bis Portugal und Schweden ausbreitete. Weil sich die europäischen Monarchien als unfähig erwiesen hatten, die Herausforderungen von Bevölkerungswachstum und Industrialisierung zu stemmen und die unteren Klassen vielfach ins Elend stürzten. Im Frühling 1848 hätten Menschen allerorten ihre Ängste abgelegt und der jeweiligen Obrigkeit die Stirn geboten, für Clark ein Moment wahrer europäischer Einigkeit.

Die Imperien schlugen zurück

Jedoch Allzu schnell traten die Gegensätze zwischen den „Radikalen“, die das allgemeine Wahlrecht forderten, also Demokratie, und den Liberalen hervor, die dieses Recht aus Furcht nur Wohlhabenden und Gebildeten zusprechen wollen, Frauen ohnehin nicht.

Diese Spaltungen spielten Konservativen und Konterrevolutionären in die Hände: Die Imperien schlugen zurück, und das blutig. In Berlin starben 300, der König durfte bleiben. Ähnlich war es anderswo, aber „zurückdrehen konnte man das auch nicht“, so Clark. Fast überall mussten die Monarchen Verfassungen zulassen, auch wenn die, wie in Preußen, dem Volk keinen großen Machtzuwachs gewährten. Aber ein erster Schritt war gemacht, der Parlamentarismus auf dem Weg, so Clark. Sogar hielt es Bismarck für ratsam, die Sozialversicherung einzuführen.

Wir müssen das Gespräch aufrechterhalten, auch wenn es große Mühe kostet. Wir dürfen uns vor dieser Mühe nicht drücken.
Christopher Clark

Christopher Clark ist zu klug, um direkte Vergleiche zu ziehen: Aber er hört in der gegenwärtigen Legitimationskrise demokratischer Regierungen durchaus eine „Resonanz“ mit den Verhältnissen von 1848. Auch aktuellen Probleme seien angesichts der unterschiedlichen Interessen von ökologisch, neoliberal und sozial engagierten Parteien und Gruppen nur schwer zu lösen: „Aber wir müssen das Gespräch aufrechterhalten, auch wenn es große Mühe kostet. Wir dürfen uns vor dieser Mühe nicht drücken.“