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Literatur„Sommer 24“ heißt das neue Buch von Navid Kermani

4 min
Legt Rechenschaft über eigene Weltbilder und Vorurteile in seinem neuen Buch ab: Navid Kermani.

Legt Rechenschaft über eigene Weltbilder und Vorurteile in seinem neuen Buch ab: Navid Kermani.

Neues Buch: In „Sommer 24“ verwebt Navid Kermani Fiktion und eigene Erfahrungen im Diskurs zu den Fragen unserer Zeit

Es gibt keine müßigere Frage an einen Autor als die nach den autobiografischen Anteilen an seinem Text. Aber mit genau diesem Spalt zwischen Autobiografie und Fiktion spielt Navid Kermani in seinem neuen Buch „Sommer 24“. Nicht allein, dass sein Erzähler den gleichen Namen trägt, er bleibt auch absichtsvoll erkennbar als jener Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2015, der ein Jahr zuvor vor dem Bundestag zur Feier des Grundgesetzes sprach. Und wir erfahren sogar, wie beklommen er sich dabei gefühlt hat. Auf dem Buchcover steht aber winzig klein die Bezeichnung „Roman“, also kann alles erfunden sein.

Das spielt eine Rolle, da schon der Titel „Sommer 24“ auf das Zeitgeschehen verweist. Man zitterte noch vor der Möglichkeit, dass Donald Trump die Wahl zum Präsidenten der USA würde gewinnen können. Eine Freundin des Erzählers sagt auch schon einmal jene paramilitärischen Horden voraus, die dann später unter der Bezeichnung ICE Menschen töteten und verschleppen. Das Rad des Weltgeschehens hat sich weitergedreht, die Befürchtungen von vor zwei Jahren sind auch deshalb zu den Akten gelegt, weil die Gegenwart wesentlich fordernder ist.

Zu jeder Generation gehören vier weitere – so wie ein Mensch links und rechts jeweils zwei Menschen umarmen kann, Vater und Großvater, Sohn und Enkel, Mutter und Großmutter, Tochter und Enkelin.
Navid Kermani, Autor

Wenn alles schlimmer geworden ist, beschäftigt man sich nicht mehr mit den Ängsten von einst. Das weiß niemand besser als Navid Kermani, der als Berichterstatter aus Kiew oder dem äthiopischen Tigray die humanitären Katastrophen unserer Tage mit eigenen Augen gesehen hat. Staub hat sich auf seine Sujets gelegt, das nimmt Kermani aber offenbar in Kauf, um einer Zeit der Widersprüche mit Grundsätzlichem zu begegnen. Gleich die Eröffnung gelingt gut. Als er sich mit Rudolf, einem Galeristen aus München, treffen will, mit dem ihn eine an politischen Kontroversen reiche Freundschaft verbindet, eröffnet der ihm, dass er zum geplanten Zeitpunkt schon tot sein werde.

Von Krankheit gezeichnet, wird sich Rudolf das Leben nehmen, dennoch kommt es am Vorabend zu einem Treffen. Rudolf ist der Sohn von Holocaust-Überlebenden und wanderte in seinen Ansichten über Israel von ganz links nach ganz rechts. Ein Anlass für Kermani, über die Haltung Deutschlands zum Konflikt im Nahen Osten nachzudenken. Der Roman stellt sich als Monolog dar, in dem der Erzähler Navid mit all der Subjektivität, die einer Romanfigur gestattet ist, über Themen der Zeit reflektiert. Ein Essay als Roman sozusagen. An Rudolfs Lebensweg lässt sich jüdisches Schicksal in Deutschland betrachten. Wir lernen als Pendant aber auch den Jugendfreund Olaf kennen, einen Linken, der glühender Parteigänger der Palästinenser ist. Bei der Hochzeit von Olafs Tochter Klara erlebt Navid dann ein berauschendes Gefühl der Völkerverständigung zwischen den Religionen. So könnte es sein, das Europa, in dem jedem seine Würde zuteil wird. Es ist aber ein bürgerlich vermögendes Europa, das sich hier feiert, das muss dann auch der Erzähler einräumen.

Eigenartiges Schattenboxen mit einer dritten Gewalt

Elegant gleitet der Monolog dahin, dessen Sujets zwar nicht immer zwingend miteinander zu tun haben, der sich aber mit seinen intelligenten Einwürfen und Abschweifungen inspirierend liest. Hier legt jemand in Gedanken Rechenschaft über eigene Weltbilder und Vorurteile ab. Das zeigt sich dann auch in einem eigenartigen Schattenboxen mit einer dritten Gestalt, an der sich der Erzähler Navid obsessiv abarbeitet.

Julia, eine Kneipenbekanntschaft, hatte ihm vor über 20 Jahren von einer Vergewaltigung erzählt, die sie gerade erlitten hatte. Nun befindet sie sich in der Psychiatrie und beschuldigt ihn, sie mit missbraucht zu haben, indem er ihre Geschichte in einem seiner Bücher verschlüsselt kolportiert hatte.

Ein Vorwurf – sei er auch unbegründet und bloße Verleumdung –, der die öffentliche Existenz eines Mannes unwiderruflich beschädigt. Panik erfasst den Erzähler, da er sich als potenzielles männliches #MeToo-Opfer geriert. Sein Plauderton bekommt plötzlich etwas Drängendes. Wo beginnt der Missbrauch? Ein heikles Thema, zumal hier eine Stimme spricht, die sich zwischen den Generationen positioniert, erleichtert, den alten Chauvinismus hinter sich zu wissen, aber der moralischen Besserwisserei der Gegenwart noch skeptisch begegnend.

Das macht das Buch interessant, argumentativ wieder Boden unter die Füße zu bekommen, in einer Zeit, in der der Kompass der Humanität verloren zu gehen scheint. Mag sein, dass das ein bisschen altmodisch wirkt, aber interessant ist es in seinem Versuch, aufrichtige Antworten zu finden, in jeder Zeile.

Navid Kermani: Sommer 24. Carl Hanser Verlag, 160 S., 23 Euro.

Auf der lit.Cologne stellt Navid Kermani sein Buch am 14. März, 20 Uhr, in der Kulturkirche vor. Tickets sind ausverkauft.