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Politische Veränderungen im OstenJana Hensel analysiert den Vertrauensverlust in die Demokratie

4 min
„Es war einmal ein Land“ ist das neue Buch von Jana Hensel.

„Es war einmal ein Land“ ist das neue Buch von Jana Hensel.  

Hensel beschreibt, wie sozialstaatliche Versäumnisse und Krisen Ostdeutschland verwundbar und radikalisierten, was die AfD zu nutzen wusste.

Es war ein Schock für Jana Hensel, als sie nach der Bundestagswahl 2025 auf die ostdeutschen Ergebnisse schaute und die tiefblaue Karte sah. „Gut 35 Jahre nachdem Hunderttausende Menschen auf die Straße gegangen sind, um, nein, nicht nur für Bananen und Westautos zu demonstrieren, sondern vor allem für Meinungsfreiheit, freie Wahlen und Reisefreiheit, geht die Ära der Demokratie hier fürs Erste zu Ende.“ Wie konnte es nur so weit kommen?

Um dieser Frage nachzuspüren, schrieb sie das Buch, das sie „nie schreiben wollte“, wie sie gleich am Anfang klarstellt. „Ein Buch über das Ende eines Traums“. „Es war einmal ein Land“ heißt es, und versucht zu erklären, „warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet“. Zugegeben: Wirklich Neues fördert sie dabei nicht zu Tage. Die Debattenbücher von Dirk Oschmann und Katja Hoyer legten den Finger bereits in die Wunde.

Umbruch selbst erlebt

Die Lektüre aber lohnt sich trotzdem. Weil die 1976 in Borna geborene Jana Hensel, die als 13-Jährige an der Hand ihrer Mutter selbst bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig mitmarschierte, die Entwicklung der vergangenen Jahre gut zusammenfasst, sich journalistisch aufs Fragen und Beschreiben beschränkt und eigene Vorbehalte hintenanstellt.

Stigmatisierung hilft nicht weiter. Vielmehr leitet sie mit Blick auf die Wahlergebnisse demographisch die Entwicklung ab und führt mit Zahlen vor, wie die Ostdeutschen bis 2013 bei jeder Bundestagswahl linker als die Westdeutschen abstimmen und erst ab 2017 dann rechter wählten.

Gründe für den Vertrauensverlust

Den Grund für den Vertrauensverlust in die Demokratie macht Jana Hensel am Versagen der Bundesregierungen fest. Während der westdeutsche Sozialstaat es nach der Wende noch schaffte, den tiefen Fall vieler Ostbürger aufzufangen, war das nach den Hartz-Reformen unter Gerhard Schröder und dem Absenken der Sozialstandards nicht mehr der Fall.

Auch Merkel als Kanzlerin änderte daran nichts. Es war der Beginn des empathielosen Blickes, der die, die auf Unterstützung angewiesen sind, als „Sozialschmarotzer“ denunziert. Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Corona und der russische Angriffskrieg lassen Deutschland aus dem Krisenmodus bis heute nicht herauskommen. Der Osten sei dadurch nahezu unsichtbar geworden, schreibt Jana Hensel. Obwohl er unter Krisen am meisten leidet. „Auf alle äußeren Ereignisse reagiert der Osten schneller und heftiger. Steigende Preise und Lebenshaltungskosten werden bei kleineren Einkommen sofort spürbar.“

Kipppunkt: Flüchtlingskrise

In Anbetracht dieser Entwicklungen sei es nicht erstaunlich, sondern fast schon beeindruckend, schreibt Hensel, „wie lange die Ostdeutschen an der Demokratie festhalten. Wie stark sie ihr trotz aller Rückschläge vertrauen.“

Mit der Flüchtlingskrise 2015 dann aber sei der Kipppunkt erreicht gewesen, Wut und Ohnmacht hätten ein Ventil gefunden. Dass die AfD diesen Resonanzraum zu nutzen wusste, tat ein Übriges zur Radikalisierung.

Jana Hensel fühlt den Puls der Zeit. Das alles seien nicht ihre Wahrheiten, distanziert sie sich. Die ostdeutsche Gesellschaft habe leidvoll erfahren müssen, dass sie zu klein sei, um die selbst betreffende Realität gegen Interessen der westdeutsch denkenden und agierenden Politiker zu verändern.

Gespräche mit allen Lagern

Für ihr Buch hat Jana Hensel mit Tino Chrupalla, Maximilian Krah, Benedikt Kaiser, Alexander Teske, Manuela Schwesig und Katja Wolf gesprochen. Vertretern des rechten und linken Lagers. Allesamt „Zonenkinder“ wie sie selbst, die mit den Jahren erwachsen geworden sind und ihre eigenen Brüche im Leben erfahren mussten wie so viele Menschen in den Neuen Bundesländern. Mit dem Blick von Innen entsteht so ein vielstimmiges Meinungsbild der ostdeutschen Befindlichkeiten.

Mit viel Hoffnung schaut Jana Hensel nicht in die Zukunft. Wurde doch kein Kanzler mit weniger ostdeutschen Stimmen gewählt als Friedrich Merz. Die anstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern im September 2026 lassen schlimmes befürchten. Osten und Westen driften voneinander weg und Deutschland droht auseinanderzufallen.

Von einem aber ist Jana Hensel fest überzeugt: „Mit einer Regierungsübernahme der AfD stünde jenen Ostdeutschen, die sie wählen, lediglich die nächste Enttäuschungserfahrung bevor.“

Jana Hensel: Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet. Aufbau, 264 S., 22 Euro