Siri Hustvedt verarbeitet in „Ghost Stories“ den Verlust ihres Mannes Paul Auster und ihre lebenslange Verbindung. Auf der lit.Cologne stellt sie dieses persönliche Buch vor.
Leben und SchreibenSiri Hustvedt verarbeitet den Verlust von Paul Auster in ihrem neuen Buch

Siri Hustvedt (r.) auf der lit.Cologne. mit Maria Schrader.
Copyright: Hieronymus Rönneper
"The best is yet to come“ – Das Beste kommt noch, stand in dem Brief, den Paul Auster seiner Frau Siri Hustvedt 2019 zum Geburtstag schrieb. Doch es sollte nicht mehr besser werden. Nacheinander verstarben zunächst Hustvedts Mutter, Austers Sohn aus erster Ehe sowie dessen wenige Monate alte Tochter. Danach kam Corona, und Anfang 2023 schließlich die Diagnose, nach der nichts mehr so war wie zuvor: Bei Auster wurde eine aggressive Form von Lungenkrebs festgestellt, an dem er am 30. April 2024 verstarb.
Dennoch, berichtete Hustvedt im Gespräch mit Gert Scobel, empfinde sie nach wie vor beim Lesen dieser Zeilen nicht Trauer, sondern Zuversicht.
Ich vermisse Paul sehr, aber am allermeisten vermisse ich Paul und Siri.
Die 1955 als Tochter norwegischer Einwanderer in Minnesota geborene und seit vielen Jahren in Brooklyn/New York lebende Schriftstellerin bescherte der lit.Cologne im Theater im Tanzbrunnen zum Abschluss noch einmal ein spektakuläres Highlight. Im Gepäck: ihr neues Buch „Ghost Stories“ (Rowohlt, 400 S., 25 Euro). Darin verarbeitet sie den Tod ihres Mannes und blickt zurück auf ihr gemeinsames Leben. Ein für sie logischer Schritt: „Schon wenige Tage, nachdem Paul gegangen war, saß ich an meinem Schreibtisch und wusste, dass es nur eine Sache gab, über die ich schreiben konnte: über ihn und mich.“
Ein nachvollziehbarer Schritt, wenn man weiß, wie symbiotisch die insgesamt 44 Jahre dauernde Beziehung der beiden war. Wann immer einer von ihnen in einem Schreibprozess steckte, war es ein Ritual, sich abends in der Bibliothek ihres Hauses zu treffen und das Geschriebene vorzulesen. Auch das Lektorieren ihrer Bücher übernahmen sie gegenseitig – mit großem Erfolg, wenn man sich die Listen ihrer Publikationen und Auszeichnungen vergegenwärtigt. Dazu passt auch, wenn sie sagt: „Ich vermisse Paul sehr, aber am allermeisten vermisse ich Paul und Siri.“ In all den Jahren, sagt sie, seien sie nie voneinander gelangweilt gewesen.
Nie hätte ich geahnt, wie sehr ich Pauls Anwesenheit körperlich spüren würde.
Der Titel des Buches, der für die deutsche Ausgabe im Original übernommen wurde, geht auf einen Wunsch Austers zurück, den dieser wenige Tage vor seinem Tod äußerte: Er wolle ein Geist werden und als solcher weiter mit seiner Familie leben, zu der neben Hustvedt auch die gemeinsame Tochter, die Musikerin Sophie Auster mit ihrem Mann und ihrem Anfang 2024 geborenen Sohn gehören. „Nie hätte ich geahnt, wie sehr ich Pauls Anwesenheit körperlich spüren würde“, gestand Hustvedt Scobel.
Das Publikum im Tanzbrunnen erlebte eine Frau, die die Trauer um ihren Lebensmenschen auch nach zwei Jahren nicht verbergen kann. Gleichzeitig wurde immer wieder offensichtlich, was Auster über so viele Jahre an ihr fasziniert haben musste: eine scheinbar angeborene Liebenswürdigkeit und Wertschätzung allen Menschen in ihrem Umfeld gegenüber. So betrat sie die Bühne Hand in Hand mit Maria Schrader, die die deutschen Passagen aus dem Buch vorlas und die sie sich ausdrücklich für diesen Abend gewünscht hatte. Die beiden hatten bereits in der Vergangenheit gemeinsame Auftritte. Nachdem sie eine von Scobels Fragen besonders ausführlich beantwortet hatte, entschuldigte sie sich spontan bei Dolmetscherin Sarah King: „Poor thing, I’m sorry!“ – Sie Arme, das tut mir leid!“
Hate speech does not tolerate an answer.
Auch um ein weiteres tragisches Kapitel kam man an diesem Abend nicht herum: Donald Trumps Amerika-Politik. Auster hoffte bis zum Schluss, auch das thematisiert Hustvedt im Buch, dass dem Land eine zweite Amtszeit unter dessen Herrschaft erspart bliebe. Dass sein Wunsch nicht in Erfüllung gehen sollte, musste er zum Glück nicht mehr miterleben.
Und Hustvedt? Setzte eine undurchdringliche Miene auf und verpackte ihre Meinung in einem Aphorismus. „Hate speech does not tolerate an answer.“ – Hassrede duldet keine Antwort. Damit ist eigentlich alles gesagt.
