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„Wider den Judenhass“Friedman und Habeck eröffnen die lit.Cologne in Köln

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Köln: Michel Friedman (l) und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) sprechen beim Auftakt des Literaturfestival Lit.Cologne unter dem Titel "Wider den Judenhass· in der Flora.

Köln: Michel Friedman (l) und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) sprechen beim Auftakt des Literaturfestival Lit.Cologne unter dem Titel "Wider den Judenhass· in der Flora.

In der Flora eröffneten Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und Autor Michel Friedmann das 24. Literaturfestival in Köln.

"Nie wieder" lautet stets das öffentlich formulierte Mantra, wenn es um das Thema Antisemitismus geht. Es soll suggerieren, dass diese gesellschaftliche Krankheit irgendwann überwunden ist. Doch das Fieber ist längst zurück. Publizist und Autor Michel Friedman sprach auf der Eröffnungsveranstaltung der lit.Cologne 2024 am Dienstagabend in der Kölner Flora bildhaft von einem Anstieg des Fieberthermometers auf besorgniserregende 39 Grad.

„Judenhass: 7. Oktober 2023“ heißt das im Februar erschienene neue Buch von Michel Friedman. Der Titel stand Pate für den Abend im repräsentativen großen Saal der Flora. „Wider den Judenhass“ lautete das Thema des Gesprächsabends mit dem Publizisten und Autoren Michel Friedman und dem grünen Bundesminister Robert Habeck. Ein Thema, das die diesjährige lit.Cologne prägen wird. Geleitet wurde das Gespräch von der Autorin Nele Pollatschek, die selbst jüdische Vorfahren hat, von denen viele Opfer der Nazis wurden.

Hoffnung auf ein sicheres Leben in Deutschland

„Ich habe den Begriff ,Judenhass' bewusst gewählt und nicht Antisemitismus, weil ich mich bei diesem Thema nicht mit der Semantik griechisch-lateinischer Wortstämme aufhalten wollte“, gibt Friedman gleich am Anfang ein Statement seiner Einschätzung der Lage in Deutschland ab. Seine Absicht ist klar: Er will an diesem Abend Gründe und Abgründe des Judenhasses beim Namen nennen. Es folgen Aussagen wie „Hass hat ständig Hunger und wird nie satt!“.

Alles zum Thema Nahostkonflikt

Zu Beginn erzählt er über das Leben in Deutschland nach der Ankunft als Kind in den 1960er Jahren. „Wir hatten die Hoffnung, dass wir uns im neuen Deutschland sicher fühlen“, erinnert Friedman sich. Mittlerweile stelle er jedoch bitter fest: „Juden in Deutschland müssen wieder Angst um ihr Leben haben.“ Und dass es eine Partei wie die AfD gebe, deren hochrangige Vertreter sich über Strategien zu Deportationen von Menschen informieren, sei ein Skandal.

Habeck bekommt auch im Nachgang viel Applaus

Pollatschek erinnerte zu Beginn des Abends an das Massaker der Hamas an Hunderten jüdischen Zivilisten am 7. Oktober 2023. Bundeswirtschaftsminister Habeck hatte die Pro-Palästina-Demonstrationen gegen Israel in den Tagen nach dem 7. Oktober zum Anlass genommen, über die Sozialen Medien klare Stellung gegen den dort formulierten Antisemitismus zu beziehen. Pollatschek lobte Habeck dafür und fragte nach seinen Motiven, so vorzugehen. „Es war notwendig“, antwortete der Minister kurz und unmissverständlich. Dafür gibt viel Applaus von den zahlreich erschienenen Besuchern im Saal.

Es war ein Augenblick, mit dem Habeck auch Monate später noch einmal ein Zeichen seiner Empathie für Juden in Deutschland und das jüdische Volk insgesamt setzte. Ansonsten verlor sich der Spitzenpolitiker der Grünen mehrfach in unscharf formulierten Herleitungen und Thesen über den Antisemitismus in Deutschland und der Welt. In diesen Passagen des Gesprächs wünschte man sich einen tatsächlichen Experten zu diesem vielschichtigen Thema.

Friedman findet deutliche Worte

Friedmans Aussagen hingegen blieben nachhaltig im Gedächtnis – nicht zuletzt, weil er als Jude authentischer formulieren konnte: „Es gibt keine Lebensqualität, wenn man Angst um sein Leben haben muss!“, war ein weiterer Satz, mit dem er klar die Situation beschrieb, in der deutsche Juden aktuell leben. Bei den pro-palästinensischen Demonstrationen in deutschen Städten hätten sich die Teilnehmer nicht einmal die Mühe gemacht „Tod den Israelis“ zu rufen, führte er weiter aus. Nein, sie haben „Tod den Juden“ geschrien.

Wir müssen in die Köpfe bekommen, dass es niemandem hilft, Juden zu hassen. Nichts wird besser dadurch.
Michel Friedman

Als Pollatschek dann den Nahost-Konflikt weiter vertiefen will und Habeck damit konfrontiert, welche Rolle dieser für den Antisemitismus in Deutschland spiele, wirkt Friedman sichtlich verärgert: „Ich frage mich wirklich, warum wir beim Thema ,Judenhass in Deutschland' über den Nahost-Konflikt reden.“ Er sei genauso viel oder so wenig Nahost-Experte wie Habeck. Wer sich an den Titel seines neuen Buches erinnert, in dem auch der 7. Oktober 2023, der Tag des Massakers an den Juden, genannt wird, wundert sich allerdings über diesen Ausbruch.

Als Habeck – nicht einverstanden mit dem Ausschluss des Nahost-Themas – zu vermitteln versucht, gibt Friedman dann doch seine detaillierten Meinungen zur dortigen Lage preis: „Ich finde, die aktuelle israelische Regierung ist eine Katastrophe. Ich bin auch für die Zwei-Staaten-Lösung. Aber niemals kann Kritik an Israel Forderungen entschuldigen, die die Auslöschung des Staates Israel zum Ziel haben.“ Darüber sind sich alle auf dem Podium einig.

Friedman formuliert schließlich hoffnungsvolle Worte im endlos scheinenden Kampf gegen Antisemitismus: „Wir müssen in die Köpfe bekommen, dass es niemandem hilft, Juden zu hassen. Nichts wird besser dadurch.“

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