Wolfgang Niedecken schaut an seinem 75. Geburtstag auf bisherige Lebensstationen zurück – und erzählt, was er sich für die Zukunft wünscht.
Wolfgang Niedecken„Herrgott, lass' es Hirn regnen“

Wolfgang Niedecken mit Hündin Numa vor der Lanxess-Arena
Copyright: Thomas Brill
Herzlichen Glückwunsch zum 75. Geburtstag und zu 50 Jahre BAP – was macht das mit Ihnen?
Das sind schon große Zahlen. Also wenn ich mir das so in aller Konsequenz überlege, dass ich seit fünf Jahrzehnten mehr oder weniger von meinem Hobby lebe und dass das gut gegangen ist – das hätte ja auch mal schiefgehen können irgendwo zwischendurch. Das war eine wunderschöne Zeit bisher und hoffentlich dauert das noch ein paar Jahre an. Das hängt natürlich vor allen Dingen von meiner Kondition und Konzentrationsfähigkeit ab. Also wenn ich merke, dass das weniger wird, dann sollte man sowas wie eine Exit-Strategie haben.
Am Anfang von BAP 1976 stand ja der Spaß am gemeinsamen Jammen. Hätten Sie sich vorstellen können, dass diese Karriere aus „einen Kasten Bier leerproben“ entstehen würde?
Nein, auf keinen Fall. Das haben wir noch nicht mal in der Zeit geglaubt, als wir schon vier Alben draußen hatten und schon zweimal auf Platz 1 der Album-Charts waren. Selbst da hätte ich nicht für möglich gehalten, dass das länger als zehn Jahre dauern würde. Erst als wir 1982 auf der Loreley gespielt haben. Da war in der gleichen Woche unser viertes Album erschienen und hatte unser drittes Album von Platz 1 verdrängt. Das war dann schon so ein Ding, bei dem du denkst: „Wow, das hat ja noch nie einer geschafft!“ Und irgendwann habe ich dann gemerkt: Okay, das ist anscheinend mein Leben, hab’ Schwein gehabt, dann arbeiten wir mal weiter. Und das war auch immer schön, neue Songs zu schreiben, mit der Band zu spielen, auf Tour zu gehen. Wenn man sich als Künstler verwirklichen kann, ist das schon was Tolles. Und vor allen Dingen, wenn man es selbstbestimmt macht. Es gibt ja auch Künstler, denen der Manager sagt, wo es lang geht, was für ein Image sie zu erfüllen haben. Mir hat noch nie einer was vorschreiben können. Ich bin komplett selbstbestimmt und deswegen mache ich auch nichts, was mir keinen Spaß macht. Also künstlerisch. Ansonsten muss ich natürlich auch schon mal den Müll runterbringen.
In Ihrer Karriere gab es ja nicht nur die Musik, sondern auch die Malerei, vielfältiges soziales und politisches Engagement. Und auch zuletzt immer mal wieder Neues wie die Teilnahme an der VOX-Sendung „Sing meinen Song – das Tauschkonzert“ 2016. Im vergangenen Jahr ging es sogar nach Wacken. War das ein Wagnis?
Man muss immer überlegen, ob etwas zu einem passt oder nicht. Also bei Wacken haben wir erstmal gesagt, das ist ja albern, das werden die nicht gut finden. Doch der Hübi (Anmerkung der Redaktion: Wacken-Mitbegründer Holger Hübner) meinte: „Doch, doch, die sind alle mit euch aufgewachsen.“ Und da hatte er recht. Da standen dann locker 40, 50.000 Leute vor der Bühne. Und wir haben angefangen – und die Hände waren sofort oben. Irgendwann kamen die ersten FC-Fahnen hoch und dann kamen rot-weiße Schals. Wir hatten genau eine Stunde Zeit und danach habe ich gefragt, ob wir noch eine Zugabe machen könnten: „Okay, wir spielen noch ,Jraaduss’.“ Und das war der Hammer, diese uralte Ballade als Abschiedslied zu singen. Alle haben mitgesungen. Die sind tatsächlich mit uns aufgewachsen. Das war so herrlich. Ich habe Rocker heulen gesehen. Es war sensationell.
Dann hat sich das Publikum über die Jahre gar nicht so verändert? Einmal Rockmusik, immer Rockmusik?
Die sind halt auch erwachsener geworden. Aber das mit dieser Rockmusik ist ja etwas Einmaliges. Ab 1956 kann man von Rock ‚n‘ Roll sprechen. Mit Elvis, Chuck Berry, Little Richard und Bill Haley – da fing das Rock ‚n‘ Roll-Zeitalter an. Viele andere Musikstile haben, wenn es hochkommt, irgendwann mal eine Dekade ausgehalten. Aber die Rockmusik ist irre. Natürlich ist das durch verschiedene Aggregatzustände gegangen. Irgendwann habe ich mal gedacht: Was ist denn mit den jungen Leuten? Kriegen die das eigentlich noch mit? Oder ist mittlerweile der Mainstream im Radio bestimmend? Das ist ja ein ziemlicher Einheitsbrei. Als Charlie Watts, der Trommler von den Stones, 2021 an einer Krankheit starb, an der leider viele Menschen sterben, an Krebs, da wurde mir klar: Jetzt sterben die nicht mit 28 an Heroin oder sonstigen Drogen, sondern sterben an ganz normalen Krankheiten, an denen auch Normalbürger sterben. Da habe ich gedacht: Jetzt geht dieses Zeitalter zu Ende. Aber trotzdem gibt es immer noch fantastische neue Rockbands. Die finden zwar nicht im Radio statt, aber es gibt sie. Insofern stimmt dann doch wieder, was Neil Young gesungen hat: „Hey hey, my my, Rock ‚n‘ Roll will never die.“
Was nun kommt ist die „Zielgerade“. Sie haben gesagt, Sie wollen nicht mehr zu weit im Voraus planen, aber die Zielgerade könne unter günstigen Umständen auch recht lang ausfallen. Gibt es schon konkrete Pläne für nach der Jubiläumstour?
Wenn man zu viele Schritte auf einmal machen will, dann gerät man womöglich ins Stolpern. Ich möchte schön alles peu à peu machen. Ich habe Ideen für die nächsten Sachen, die wir machen könnten. Aber jetzt machen wir erstmal dieses Ding hier, und das ist viel Arbeit. Hat Karl Valentin schon gesagt: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ Eins nach dem anderen. Mal gucken, wie lange ich das noch kann. Ich habe eine hochmotivierte Band, das sind alles fantastische Musiker, und ich hoffe, dass der Zustand noch lange anhält und ich noch viele Ideen verwirklichen kann.
Gibt es da auch noch die Chance auf neue BAP-Musik?
Ja, irgendwann werde ich auch wieder neue Songs schreiben, aber das steht jetzt gerade nicht zur Debatte. Du kannst ja kein Jubiläumskonzert mit neuen Songs bestreiten.
Das Jubiläumskonzert findet am 10. Juli im Rheinenergie-Stadion statt. Was bedeutet Ihnen das, dort zu spielen, wo sonst der FC kickt?
Wir haben ja 1982 vor den Stones schon zweimal dort gespielt und 17 Jahre später nochmal, das war großartig aber jetzt mit BAP alleine, das wird schon was ganz Besonderes. Dort, wo ich als kleiner Junge schon in der Südkurve stand. Es gab immer mal wieder die Idee, im Stadion zu spielen. Aber dann habe ich immer gesagt: BAP ist die Band der Leute. Denn, was die meisten nicht wissen, wenn man in dieser Größenordnung spielt, dann gibt es die Gebietsschutz-Regel. Die bedeutet, dass man in einem bestimmten Radius, in der Regel 100 Kilometer drum herum, bei der entsprechenden Tournee nicht mehr spielen darf. Dann stelle man sich mal vor, wir könnten nicht mehr in Aachen spielen, nicht mehr in Koblenz, nicht mehr in Bonn. Das hat mich immer davon abgehalten, denn ich will ja für die Leute spielen. Aber jetzt mit dem Jubiläumskonzert passt es, und ich freue mich da total drauf. Am Anfang, als publiziert wurde, dass wir im Stadion spielen, habe ich gedacht, hoffentlich haben wir uns da nicht vergriffen. Nicht dass das keine Sau interessiert! Aber das war dann so was von schnell ausverkauft.
Für das Konzert am 18. Dezember in der Lanxess-Arena gibt es auch nur noch Restkarten. Aber für zu Hause ist nun das Album „Paar Daach spääder – 50 Jahre BAP Live“ erschienen. Wie haben Sie diese 50 Live-Songs bei solch einer Auswahl ausgesucht?
Das geht ja bei mir normalerweise immer so, dass ich mir zunächst die Rückseiten der Alben angucke, welche Songs es überhaupt gibt. Und wenn ich bei einem Song denke, den könnte man spielen, dann schaue ich, auf welchem Live-Album der in welcher Version drauf ist. Dann vergleiche ich und überlege, an welcher Fassung wir uns beim Proben orientieren könnten . Das ist natürlich ein Luxusproblem bei so viel Auswahl. Sich auf 50 Songs zu beschränken, fällt schon schwer, aber es macht auch unglaublich viel Spaß. Genau genommen sind diese 50 Stücke die engere Auswahl für das Repertoire unserer Jubiläumstour. Wir werden im Mai zum Proben zusammenkommen. Die Band kommt ja aus allen Himmelsrichtungen, zwei aus Hamburg, zwei aus Berlin, die Bläser kommen aus dem Süddeutschen, und dann arrangieren wir die Sachen. Am Ende gibt es noch mal die Probe vor der Warmup-Tour. Die ist dann auch noch mal wichtig, weil wie der Fußballer sagt: „Entscheidend ist auf dem Platz.“
Ihren Geburtstag feiern Sie heute Abend mit Fans in der Philharmonie „Aus gegebenem Anlass“ mit Mike Herting. Aber wie läuft denn die private Feier im Hause Niedecken?
Heute wird ein Großkampftag für mich. Das geht immer gleich, wer auch immer bei uns in der Familie Geburtstag hat, muss durch das sogenannte „Geburtstagsbrett“. Das findet an unserem großen Esstisch statt. Meine Frau schmückt den dann mit Geschenken, Girlanden, Kerzen, Kuchen und Blumen. Das wird so zelebriert wie bei anderen Leuten die Bescherung am 24. Dezember. Das ist großartig. Unsere Kinder sind das auch gewohnt und die kommen dann alle zusammen, inklusive der Enkel, und freuen sich drauf, wenn die Oma das Geburtstagsbrett anrichtet.
Zum Geburtstag darf man sich ja alles wünschen. Wenn Sie so zurückblicken auf die letzten Jahrzehnte – persönlich, aber auch gesellschaftlich. Was wünschen Sie sich?
Für mich selber wünsche ich mir, dass ich gesund bleibe. Dass ich die Möglichkeit habe, noch möglichst viel anzurichten. Und politisch, ach: Herrgott, lass’ es Hirn regnen!
