- Was der SPD-Fraktion in Berlin gerade Arger bereitet, soll vielen Schülern in Deutschland bald erlaubt sein: der Verzicht auf den Mund-Nasen-Schutz.
- Ein Epidemiologe fordert jetzt: Weg mit der Maskenpflicht.
Berlin – Der Epidemiologe und Virologe Klaus Stöhr hat ein sofortiges Ende der Maskenpflicht für Minderjährige gefordert. „Es gibt unter Kindern und Jugendlichen kein Corona-Problem, das wir gegenwärtig mit den Masken lösen könnten“, sagte Stöhr im Gespräch mit unserer Redaktion. „Also in der jetzigen Situation: Weg mit den Masken an Schulen und im Unterricht! Fokus auf die Impfung der über 50-jährigen!“
Wegen der vielen Tests wisse man, „dass an den Schulen eigentlich gar nichts passiert, es werden nur einige wenige asymptomatische Fälle entdeckt“, erläuterte Stöhr seine Forderung. „Es gäbe ein Corona-Problem bei Kindern, wenn sie schwer krank würden, das passiert aber so gut wie nie.“ Long Covid spiele praktisch keine Rolle, wie eine neue Studie mit zigtausenden Teilnehmern aus Großbritannien belegt habe. „Es stecken auch nicht mehr Kinder Erwachsene an als andersherum, häufiger stecken Eltern ihre Kinder an.“
„Je früher infiziert, desto besser“
Der Fachmann, der lange das Pandemie-Programm der Weltgesundheitsorganisation leitete, hält den Corona-Schutz von Kindern sogar für kontraproduktiv: „Aus Sicht der Heranwachsenden bis zwölf Jahren, für die keine Impfempfehlung absehbar ist, wäre es näher an der Normalität, sie würden sich mit Corona natürlich infizieren, um eine natürliche Immunabwehr aufzubauen wie gegen zahllose andere Viren auch“, sagte Stöhr. „Und hier gilt: je früher im Leben, desto besser; jedenfalls bei den meisten Atemwegserkrankungen.“
Die Kinder in der gegenwärtigen Situation weiter mit Maske herumlaufen zu lassen, löse „keines der Problem in Vorbereitung der vorhersagbar heftigen Wintersaison“, fügte er hinzu. Sollte sich die Corona-Lage bei den Ab-50-Jährigen wieder zuspitzen, müsse man sicherlich über probate Maßnahmen nachdenken. „Aber auch nur und erst dann. Eine hohe Inzidenz unter Schülern ohne Krankheitslast allein darf dafür aber kein Kriterium sein.“
Klares Nein vom Lehrerverband
Der Deutsche Lehrerverband und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) lehnen dagegen die Lockerungen bei der Maskenpflicht an Schulen in mehreren Bundesländern ab. „Der Verzicht auf Testungen und die zu frühe Abschaffung der Maskenpflicht sowie die zu starke Reduzierung von Quarantänemaßnahmen erhöht die Gefahr, dass die Schule zur Black Box wird, was eine Kontrolle von Infektionen nicht mehr zulässt“, sagte der Präsident des Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Eng zusammen, kaum eine Maske: Dieses Bild brachte der SPD Ärger ein.
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Die GEW-Vorsitzende Maike Finnern betonte, eine Maskenpflicht bleibe als „Teil des Maßnahmenbündels abhängig vom Infektionsgeschehen sinnvoll“. Mehrere Länder hatten Lockerungen bei der Maskenpflicht an Schulen angekündigt oder bereits umgesetzt.
Sonderfall Grundschulen?
Der Grundschulverband befürwortet dagegen ein Ende der Tragepflicht der Masken für die Jüngsten. Aus pädagogischen Gründen sei man sehr dafür, sagte der Verbandsvorsitzende und ehemalige Grundschulleiter Edgar Bohn. „Das Kennenlernen unserer Erstklässler mit Maske ist schwierig. Wenn Kinder nur die Augen sehen, fehlen viele Ausdrucksmöglichkeiten.“ Es gehe auch um den Erwerb der wichtigen sozialpsychologischen Fähigkeit, aus der Mimik von Mitschülern Rückschlüsse darauf zu ziehen, wie es diesen gehe, sagte Bohn.
Lauterbach verteidigt fast maskenfreies SPD-Foto
Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat das umstrittene Gruppenfoto seiner Bundestagsfraktion verteidigt. Zuvor war Kritik laut geworden, weil eine Mehrheit der Politikerinnen und Politiker auf dem Foto keine Maske trugen. „Man kann in so einem Moment, wo ein Foto gemacht wird, aus meiner Sicht die Maske auch abnehmen“, sagte Lauterbach in der Bild-TV-Sendung „Viertel nach Acht“. Das halte er nicht für problematisch. „Die Kolleginnen und die Kollegen haben nichts falsch gemacht.“ Lauterbach selbst hatte auf dem Foto, das die SPD-Fraktion bereits am Mittwoch getwittert hatte, eine Maske auf. Dennoch bestand für die Beteiligten ihm zufolge kein Risiko. Am Vortag war in der Fraktion laut einem Sprecher kontrolliert worden, dass alle Mitglieder geimpft sind. Laut Reportern vor Ort hatten die Politikerinnen und Politiker, bevor und nachdem das Foto gemacht wurde, ihre Masken auf. (dpa)
Zudem gestalte sich der Erwerb der Schriftsprache mit Maske schwierig, „weil man dort auf Mund- und Zungenstellung achten muss und darauf, wie der Laut gebildet wird, der dann auch in einem Wort beim Lesen erkannt werden muss.“ Bohn betonte aber auch, dass die Infektionslage etwa durch Tests weiter beobachtet werden müsse. „Das Weglassen der Maskenpflicht muss mit der Absicherung passieren, dass bei sich verschlechternder Infektionslage schnell entsprechende Maßnahmen ergriffen werden. Wir trauen den Kultusministerien zu, dass sie dann schnell reagieren.“
Keine erneuten Schließungen
Aus Sicht von Lehrerverbandschef Meidinger sind die Schulen für die jetzt anstehende kältere Jahreszeit besser vorbereitet als vor einem Jahr. Meidinger geht „nach jetzigem Stand“ auch nicht von kompletten oder teilweisen Schulschließungen mit damit verbundenem Distanz- und Wechselunterricht aus. Zwar seien die Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen recht hoch. Es wachse durch die allgemeine Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission aber auch schnell die Impfquote bei Schülern über zwölf Jahren. (mit dpa)
