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Vier Jahre Ukraine-Krieg„Es geht ums Überleben“

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Der "Kältewagen" zur Ukraine aus dem Düsseldorfer Karnevalszug wird an diesem Dienstag in Köln zu sehen sein.

An diesem Dienstag ist es vier Jahre her, dass Russland die Ukraine angegriffen hat. Linda Mai, Vorsitzende der Hilfsorganisation Blau-Gelbes Kreuz in Köln, beschreibt im Interview ihre Gefühle.

Was bedeutet der Jahrestag des russischen Krieges gegen die Ukraine für Sie?

Ich spüre eine tiefe Trauer angesichts dieser Verletzung der Menschenrechte. Zugleich freue ich mich über die viele Hilfe, die geleistet wird: Politische, wirtschaftliche, militärische Unterstützung, aber auch humanitäre. Da bin ich von Dankbarkeit erfüllt. Es ist wichtig, dass wir solidarisch mit den Menschen bleiben, dass es Spenden gibt, damit wir als Blau-Gelbes Kreuz unsere Arbeit fortsetzen können.

Wird man nach so langer Zeit nicht müde oder verzweifelt?

Wenn sogar die Ukrainerinnen und Ukrainer nicht verzweifelt sind, dann sind wir es hier sowieso nicht. Und wenn wir heute müde sind, dann schlafen wir uns aus – und sind morgen genau da, wo wir mit unserer Arbeit aufgehört haben.

Sie sind selbst häufig in der Ukraine vor Ort. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Ich bin mindestens einmal im Monat in der Ukraine, häufig auch im Osten. Ende Januar waren wir auf einer Fahrt, da zeigte das Thermometer bitterkalte Minus 24 Grad. Wir waren im Konvoi mit humanitären Hilfsgütern unterwegs. In einem Kinderkrankenhaus in der Nähe von Kiew hatten wir uns verabredet, um dort zu schauen, was gebraucht wird. Als wir dort ankamen, konnten wir die Anspannung des Teams noch spüren: Kurz zuvor musste die Klinik wegen der russischen Angriffe auf die Energie-Infrastruktur mit nur einem einzigen Stromgenerator betrieben werden – und es war völlig unklar, wie lange der noch durchhält. Neuneinhalb Stunden hatte das Krankenhaus mit zwei Intensivstationen, einer Frühchenstation und einem Kinderhospiz keinen Strom und nur eine Steckdose des Generators. Das war dramatisch. Da wären beinahe Kinder gestorben, weil Beatmungsgerät oder Infusionspumpen nicht mehr funktioniert hätten.

Hat der Stromgenerator durchgehalten?

Ja, aber es war äußerst knapp. Eine Mutter hat uns erzählt, dass der Akku des Beatmungsgeräts für ihr schwerkrankes Kind nur noch fünf Minuten Betriebszeit hatte. Innerhalb dieser Zeit musste das Gerät an den einzigen noch vorhandenen Stromanschluss angeschlossen werden, sonst wäre das Kind gestorben. Die Ärzte haben es zwei Etagen nach unten getragen, die Aufzüge funktionierten ja auch nicht. In letzter Minute konnte das Kind dann gerettet werden.

Linda Mai, Vorsitzende des Blau-Gelben Kreuzes und Honorarkonsulin der Ukraine in Köln.

Sie waren auch in Kölns Partnerstadt Dnipro?

Ja, wobei man eigentlich versucht, die großen Städte zu meiden, weil die Bombardements dort dramatisch zunehmen. Wir hatten auch Probleme, unsere Autos zu starten bei Minus 24 Grad. In Dnipro habe ich unglaubliche Menschen erlebt, die dieser Kälte trotzen. Das Krankenhaus dort ist eine wahre Überlebensfabrik. Dauernd werden Schwerverletzte eingeliefert, mittlerweile sind die meisten Zivilisten. Das Personal ist stark belastet, aber es arbeitet unermüdlich. Man kann nicht müde sein, wenn dich dein Feind versucht zu töten.

Wie haben Sie die Menschen dort erlebt?

Kälte und Stromausfälle sind schlimm. Ich habe kürzlich mit einer Frau telefoniert, die drei Kinder hat. Sie sagte, dass es an einem Tag abends nur eine Stunde lang Strom geben wird. In der Zeit muss sie gekocht und gewaschen haben. So trotzt sie der Situation mit ihrer Familie jeden Tag. Und die Ukrainerinnen und Ukrainer unterstützen sich gegenseitig, treffen sich abends beim Feuer. Die Menschen bringen mit, was sie haben, und teilen es: Essen oder warmen Tee.

Haben Sie bei Ihren Reisen in die Ukraine manchmal Angst?

Eigentlich nicht so unmittelbar. Einmal hatten wir eine Situation, in der Drohnen auf uns zukamen. Es ist ein komisches Gefühl, wenn man sieht, dass die auf einen zu fliegen. Die wollen dich töten, die wollen dich ja nicht begrüßen.

An diesem Dienstag gibt es auf dem Kölner Roncalliplatz um 19 Uhr eine Kundgebung zum Jahrestag des Kriegsbeginns. Mit dabei sind unter anderem die Vize-Ministerpräsidentin von NRW, Mona Neubaur (Grüne) und der Chef der Staatskanzlei, Nathanael Liminski (CDU). Wie wichtig ist Ihnen diese politische Unterstützung?

Sehr wichtig, und NRW hilft in der Region Dnipro großartig, zum Beispiel mit Stromgeneratoren, genauso wie die Stadt Köln. Das sind ganz tolle Menschen. Seit vier Jahren erleben wir eine fantastische Unterstützung, dafür bin ich bin sehr dankbar. Gut getan hat auch der Rückenwind aus dem Karneval, der den Krieg thematisiert hat. Der Satire- und der Kältewagen von Jacques Tilly aus Düsseldorf sind übrigens vom Kabarettisten Jürgen Becker selbst nach Köln gefahren worden und werden bei unserer Demonstration am Dienstag zu sehen sein. Für uns war es auch wichtig, als wir im Karnevalszug mitgegangen sind, wie toll man uns applaudiert hat und neben Kölle Alaaf auch Ukraine Alaaf gerufen hat.

Haben Sie denn Hoffnung, dass es irgendwann für die Menschen in der Ukraine wieder Frieden und ein lebenswertes Leben geben kann?

Nur hoffen reicht nicht. Die europäischen Länder müssen sich einsetzen, und das tun sie auch. Deutschland hilft wirklich viel. Russland wird nicht einfach aufhören, die Ukraine zu besetzen. Es muss unter Druck gesetzt werden, damit es keinen Grund hat, weiterzukämpfen.

Was wird in der Ukraine im Moment am dringendsten gebraucht?

Power Stations sind ganz wichtig, weil nicht jeder einen Stromgenerator bedienen kann. Aber für Krankenhäuser werden unbedingt solche Generatoren gebraucht, genauso wie Medizin und Medizinprodukte, Notfallrucksäcke oder Baby-Inkubatoren. Das kaufen wir alles von den Spenden, die wir bekommen: Jeder Euro zählt. Es geht für viele Menschen und vor allem auch Kinder ums Überleben.

www.bgk-verein.de