OnkologeKrebs im fortgeschrittenen Alter – welche Therapien sinnvoll sind

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Besonders im Alter erkranken viele Menschen an Krebs. Dann stellt sich die Frage: Welche Maßnahmen sind noch angemessen?

  • In Deutschland erkranken jedes Jahr eine halbe Million Menschen neu an Krebs, ein Großteil der Betroffenen ist über 60.
  • Nach der Diagnose stellt sich die Frage, welche Therapien im fortgeschrittenen Alter noch vertretbar sind, denn die gesundheitlichen Risiken sind enorm.
  • Dr. Valentin Goede, Onkologe und Geriater, erklärt im Interview, welche Herangehensweisen es gibt und was Betroffene wissen müssen.

Köln – Jährlich erkranken in Deutschland rund 500.000 Menschen neu an Krebs, davon 17.000 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 15 bis 39 Jahren, so das „Ärzteblatt“. Der überwiegende Teil an neuen Krebserkrankungen trifft jedoch die Älteren, vor allem die Alten. Der Grund: Während eines langen Lebens häufen sich genetische Schäden, die der Organismus nicht mehr reparieren kann, da zum Beispiel das Immunsystem, das defekte und bösartige Zellen erkennen und vernichten könnte, zeitgleich mit dem Menschen altersschwach wird.

Krebstherapie – welche Maßnahmen sind im Alter noch sinnvoll?

Hinzu kommt, dass das Alter begleitet wird von Mehrfach-Erkrankungen wie Herz-Kreislaufschwäche, Diabetes, Atemwegserkrankungen, Nierenschwäche, Muskelabbau, Depression, Demenz und vielen Medikamenten. Welche Krebstherapie oder -operation also ist vertretbar im fortgeschrittenen Alter angesichts der bestehenden gesundheitlichen Risiken? Sind sie erfolgversprechend oder leiten sie eine Rest-Lebenszeit unter Qualen ein?

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Dr. Valentin Goede ist Facharzt für Geriatrie, Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie am St. Marien-Hospital in Köln.

Privatdozent Dr. Valentin Goede, Onkologe und Geriater, therapiert am St. Marien-Hospital in Köln betagte Krebspatienten – jedoch erst nach Operation, begonnener Chemo-, Strahlen- oder medikamentöser Therapie. 24 Betten hält die Klinik dafür bereit. Dort werden geriatrische Probleme behandelt, die oft bei Krebstherapien betagter Patienten entstehen oder sich verstärken. Mit diesem Spezialgebiet und seiner Station steht Goede derzeit auf ziemlich einsamem Posten. „Wir sind damit bundesweit nach wie vor einmalig.“

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Goede würde gern auf dieses Alleinstellungsmerkmal verzichten und lieber gleich von Beginn an mit in den „Tumorboards“ sitzen, also den Gremien aus Chirurgen, Onkologen, Strahlentherapeuten, die gemeinsam beraten, wie Tumore auch bei alten Patienten behandelt werden sollen. In diesen Expertenrunden ist das bösartige Geschwür zentrales Thema. Detaillierte Infos zu Risiken durch das Alter, Mehrfacherkrankungen und bereits bestehende Einschränkungen stehen oft nicht zur Verfügung. „Die Geriatrie rangiert heute immer noch am Ende des Behandlungsstrangs, sie gehört aber mit an den Anfang“, so Goede.

Große Herausforderung: Abwägung von Patientenwille und Maßnahme

Andere Länder sind fortschrittlicher, in Deutschland tut man sich noch schwer. Zum einen, weil in der Bundesrepublik die Geriatrie überwiegend stationär verankert ist und weil zum anderen das Abrechnungssystem es bisher nicht möglich macht, geriatrische Medizin in die onkologische Versorgung mit einzubeziehen. Krankenversicherungen geben keine Altersgrenze vor bei Krebsbehandlungen und erstatten Kosten auch für teure Therapien, die bei betagten Tumorpatienten angewendet werden. „Wie man es anders und besser machen könnte, darüber streitet die Wissenschaft noch. Endgültige Antworten sind noch nicht gefunden.“

Wichtig sind laut Goede ehrliche Gespräche mit krebskranken alten Patienten und Aufklärung über mögliche Therapien. „Eine große Herausforderung für den Arzt, denn er muss den Patientenwillen ergründen und abwägen, was Sinn macht. Diese Abwägung basiert auf statistischen Wahrscheinlichkeiten, weil man nicht weiß, wie Krankheitsverlauf und Therapieverlauf im individuellen Fall tatsächlich sein werden.“ Goedes persönliche Erfahrung im Klinikalltag ist, dass Patienten, die zu ihm kommen, sich in der Regel informiert und aufgeklärt fühlen.

Es kommen aber auch solche, die das Gegenteil signalisieren. „Das kann auf Verdrängung ungünstiger Behandlungsaussichten basieren, sei es beim Patienten selbst oder seinen Angehörigen.“ Er habe auch schon erlebt, dass der Patient unentschlossen war, ob er noch zusätzlich spezielle Krebstherapien wolle. „Hängen die Angehörigen sehr an dem Vater, der Mutter, werden Arzt und Patient bedrängt. Eine schwierige Situation. Angehörige haben meist großen Einfluss und blenden manchmal die Begrenztheit der Möglichkeiten aus. Viele haben unglaublich viel Vertrauen in die Medizin und überschätzen gelegentlich die wahren Möglichkeiten. Sie pushen den Patienten, sagen ihm, mach es, wir hängen sehr an dir. Damit diese starke und nachvollziehbare Angehörigen-Liebe richtig kanalisiert wird, ist viel Sprechende Medizin vonnöten.“

Krebstherapien mit starken Nebenwirkungen

Therapeutischer Nihilismus sei jedoch fehl am Platz, denn er verstelle den Blick auf die heute möglichen schonenden Eingriffe. Goede: „Früher hatten wir drei Waffen zur Krebsbekämpfung: Operation, Chemo- und Strahlentherapie, eventuell Hormontherapie bei Brust- und Prostatakrebs. Mittlerweile lassen sich Verfahren der Schlüsselloch- beziehungsweise Roboter-Chirurgie anwenden oder zielgerichtet Medikamente einsetzen, die Stoffwechsel und Signalketten der Tumorzellen sehr präzise beeinflussen und ihr Wachstum hemmen.“ Was oft besser oder zumindest genauso gut wirksam ist wie Chemotherapien, aber auch teuer. „Damit kann man sehr alte Patienten, denen eine Chemotherapie nicht zuzumuten ist, oftmals gut behandeln.“

Ohne Nebenwirkungen sind diese Therapien nicht: Durchfall, Gelenkschmerzen, Hautausschlag können auftreten. Ist das Medikament zugelassen, übernehmen die Kassen die Kosten auch ohne spezielle Begründung. Medikamente außerhalb der Zulassungsgrenzen müssen gesondert genehmigt werden. Die Kosten für eine jährliche Therapie können mehrere Zehntausend Euro betragen.

Vorbeugende Maßnahmen sollen bei Therapie helfen

Ärzte wie Goede, Onkologe und Geriater in einer Person, setzen zudem auf Prähabilitation, das heißt: Den Krebspatienten vor Operation oder belastender Therapie gezielt vorzubereiten und altersbedingte Risiken im Vorfeld auszuschalten oder zu minimieren. „Man guckt sich alle chronischen Erkrankungen an und überprüft die oft vielen Medikamente mit Blick auf ungünstige Wechselwirkungen oder besondere geriatrische Risiken, betreibt also Medikamentenhygiene. Körperliche Fitness wird durch Training vor einer Operation gestärkt und man hofft und vermutet, dass das hilft. Es gibt noch keine großen Studien, die das klar belegen.“

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Diese vorbeugenden Maßnahmen machen Sinn, denn bei chronisch kranken und multimorbiden Patienten, die vielleicht länger nicht beim Hausarzt waren, laufe der Tablettenkonsum oft unkontrolliert aus dem Ruder. Oder aber der Patient habe mehrere Fachärzte aufgesucht, die ihre Therapien nicht koordinieren konnten, sodass die Mischung der Medikamente ungünstig sei und der Patient selbst den Überblick verliere. Goede: „Das sollte und kann alles vor einer Krebs-OP oder medikamentösen Therapie in die Wege geleitet und überprüft werden.“

Die wichtigste Frage: Machen die Maßnahmen noch Sinn?

„Die wichtigste Aufgabe bei betagten und hochbetagten Krebspatienten ist es zu klären, ob der Nutzen jedweder Therapie die Risiken rechtfertigt.“ Auch wer kerngesund altere, sei nicht gefeit gegen Komplikationen. Es zeige sich leider immer erst hinterher, wie anfällig ein alter Patient wirklich ist. Valentin Goede betont, dass man mit 80 noch eine durchschnittliche Lebenserwartung von acht bis zehn Jahren habe, und „innerhalb von zehn Jahren kann ich noch einige Weltreisen machen“. Allerdings nicht, wenn die Folgen einer an sich erfolgreichen Krebsoperation den Kranken aufgrund langer Liegezeiten bleibend schwächen und ihn zum Pflegefall machen. Goede: „Alte Patienten verlieren im Gegensatz zu jungen ihre Kräfte nach nur wenigen Tagen Bettlägrigkeit.“ Die Narkose kann zudem eine leichte, bereits bestehende Demenz verstärken, zu akuter Verwirrung und Stürzen mit Folgeschäden führen sowie Ängste auslösen.

Erfolgs- und Misserfolgswahrscheinlichkeiten sorgfältig abzuwägen und vorbeugend zu handeln, kann die Risiken deutlich minimieren. „Wir haben in der Bundesrepublik leider noch keine richtige Struktur für die geriatrische Behandlung und Versorgung der Krebspatienten gefunden.“ Sowohl der betagte Tumorpatient als auch seine Familie müssen und können sich auf den behandelnden Onkologen und sein Team zunächst verlassen. Nach operativem Eingriff oder Beginn der Therapie stehen dem Krebspatienten aber auch Ärzte wie Goede zur Seite, die ihn, soweit möglich, betreuen und aufbauen – vorausgesetzt der Onkologe überweist ihn zum richtigen Moment.

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