Abo

Interview

Krebshilfe-Präsidentin
„Kein Krebs ist wie der andere“

4 min
n der Diagnostik der Radiologie der Universitätsmedizin Rostock wird mit Hilfe der Magnetresonanztomographie ein Tumor festgestellt.

n der Diagnostik der Radiologie der Universitätsmedizin Rostock wird mit Hilfe der Magnetresonanztomographie ein Tumor festgestellt.

Der Kampf gegen Erkrankungen durch bösartig wuchernde Tumore benötigt trotz vieler Fortschritte weitere Innovationen. Ein hoffnungsvoller Ansatz ist die mRNA-Technologie, die durch Corona-Vakzine bekannt wurde.

Etwa jeder vierte in Nordrhein-Westfalen stirbt an Krebs. Die häufigste Todesursache 2024 waren laut dem Statistischen Landesamt NRW erneut Tumor-Erkrankungen der Verdauungsorgane. Zum Weltkrebstag am 4. Februar hat die Kölnische Rundschau die neue Präsidentin der Deutschen Krebshilfe, Rita Schmutzler, befragt, wie sie den jetzigen Stand der Krebsbehandlungen und der Forschung bewertet. Schmutzler ist Gynäkologin und Wissenschaftlerin für risikoadaptierten Krebsprävention.

Zuerst einmal Glückwunsch zu Ihrem neuen Amt. Was sind Ihre persönlich wichtigen Ziele Ihrer Präsidentschaft?

Vielen Dank. Ich bin beruflich über viele Jahre mit der Krebshilfe immer eng verbunden gewesen – durch Förderungen, die wir für unsere Arbeit am Uniklinikum Köln erhalten haben, und die Themen, die ich in den Bereichen Brustkrebs, Gen-Diagnostik und Prävention selbst besetzt habe. Das Aufgabenspektrum der Deutschen Krebshilfe ist umfangreich. Mir persönlich die ist dabei die Nutzung der in den Krebszentren gesammelten Daten für die Forschung, Diagnostik und Therapie in der Onkologie wichtig.

Wie genau funktioniert diese Datenverwertung und kann moderne KI-Technologie hier helfen?

Die Dokumentationen zu den Krankheitsverläufen sind in den vergangenen Jahren sehr stark weiterentwickelt und ausgebaut worden. Die Deutsche Krebshilfe war hier ein wichtiger Impulsgeber. Mittlerweile haben wir gut aufgestellte Landeskrebsregister und ein zentrales Register am Robert-Koch-Institut in Berlin. Jetzt geht es darum, die Daten zu vernetzen und auszuwerten und dadurch neue Erkenntnisse aus den gesammelten Daten zu gewinnen, die dann in Therapiekonzepte zum Wohl der Patienten umgesetzt werden können. KI-Technologie wird dabei sicher entscheidend mithelfen. Der Vorteil bei der Anwendung: Die zur Verfügung stehenden Daten sind ja bereits geprüft. Das heißt, sie sind sehr valide, um mit Hilfe einer KI in naher Zukunft entsprechende Anwendungsmodelle zu generieren und weiterzuentwickeln.

Haben Sie dazu mal ein konkretes Anwendungsbeispiel?

Bei der Analyse von Bilddokumenten ist der Einsatz von KI-Technik am weitesten fortgeschritten, um beispielsweise in der Mammographie bessere, gezieltere Diagnostiken durchführen zu können. Man kann sich gut vorstellen, dass KI-Modelle schon jetzt so weit sind, dass diese Technologie demnächst die Ärzte unterstützt.

Die Zahlen der Krebspatienten und auch an Krebs Verstorbenen steigen. Die Menschen werden älter. Die Diagnostik wird immer weiter verbessert. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation?

Es stimmt, die absolute Zahl an Neuerkrankungen steigt weiter an – hauptsächlich bedingt durch die immer älter werdende Bevölkerung. Aktuell sind wir bei rund einer halben Million Neuerkrankungen pro Jahr. Das ist eine enorme Zahl. Aber wenn wir uns jeweils altersabhängig die Zahlen ansehen, dann wird deutlich, dass es in den letzten Jahren, Jahrzehnten deutlich positive Effekte gab durch bessere Therapien und Präventionsangebote. Beispielsweise bei den Sterberaten insgesamt haben wir einen Rückgang bei den Frauen um 20 und bei den Männern sogar um 30 Prozent zu verzeichnen. In der Krebsheilbehandlung haben wir insbesondere mit zielgerichteten, personalisierten Therapien, Immuntherapien etc. sehr viel erreicht, da sie neben ihrer hervorragenden Wirksamkeit – im Vergleich zu einer Chemotherapie – auch noch verringerte Nebenwirkungen haben.

Gilt das für alle Krebsarten? Oder gibt es Unterschiede bei den Erfolgen?

Nehmen wir die häufig vorkommenden Brust-, Darm-, Prostatakrebserkrankungen. Sie machen allein rund 40 Prozent aller Tumorerkrankungen aus. Für den Brust- und Darmkrebs haben wir mittlerweile hervorragende Möglichkeiten in der Früherkennung und Heilbehandlung. Bei der Früherkennung des Prostatakrebses ist das schon viel komplizierter. Beim derzeitigen Blut-PSA-Testverfahren haben wir das Problem der sogenannten Überdiagnostik, weil der gemessene PSA-Wert auch ohne einen Prostatakrebs erhöht sein kann. Dazu läuft aktuell eine große Studie, die die Deutsche Krebshilfe mit mehreren Millionen Euro fördert mit dem Ziel, das PSA-Screening effektiver zu gestalten. Es gibt aber auch Erkrankungen wie Bauchspeicheldrüsenkrebs und Hirntumore, bei denen die Heilungsmöglichkeiten sehr begrenzt sind.

Heute weiß man, dass Krebs eine sehr individuelle Krankheit ist. Neue Therapieformen setzen auf individuelle Behandlungskonzepte. Können Sie dazu etwas sagen?

Kein Krebs ist wie der andere und wir kennen mittlerweile viele genetische Veränderungen, die Krebs ausmachen und selbst bei Krebserkrankungen des gleichen Organs sehen wir bei den jeweiligen Patienten sehr, sehr unterschiedliche genetische Veränderungen. Und hier setzt die personalisierte Therapie ein. Wenn wir die Gene gefunden haben, können wir im zweiten Schritt schauen, wie die Gene wirken, und im dritten Schritt genau gegen diese Wirkung Moleküle entwickeln, die wir dann gezielt therapeutisch einsetzen können.

Wird da die mRNA-Technologie (siehe Kasten am Textende) aus Ihrer Sicht eine Hauptrolle spielen?

Ganz sicher. Ohne jetzt ins Detail zu gehen, sind die Herausforderungen beim Einsatz von mRNA-Technologien zur Herstellung von Impfstoffen gegen Krebs deutlich höher als das bei den Impfstoffen gegen Corona-Viren der Fall war. Die molekulargenetische Typisierung einer Krebszelle ist eben deutlich komplexer. Aber hier sind wir auf einem hervorragenden Weg. Und die Deutsche Krebshilfe fördert auch hier eine Reihe vielversprechender Forschungsprojekte. Aber wir müssen schon damit rechnen, dass es noch mehrere Jahre dauern wird, bis es dann in die Kliniken hineinkommt.

Als die Deutsche Krebshilfe 1974 gegründet wurde, waren Krebserkrankungen häufig tabuisiert. Wie sind wir da heute aufgestellt?

Der Umgang mit der Erkrankung ist mittlerweile sehr offen. Das ist eine ganz erfreuliche Entwicklung. Dazu haben auch die von uns geförderten bundesweit tätigen Krebs-Selbsthilfeorganisationen beigetragen, die im Haus der Krebs-Selbsthilfe in Bonn untergebracht sind.

Ein wichtiges Thema ist auch die psychologische Betreuung der Krebspatienten und der Angehörigen. Wie engagiert sich die Deutsche Krebshilfe in diesem Bereich?

Die Deutsche Krebshilfe ist die Organisation, die die ersten Strukturen für die psychoonkologische Versorgung schon kurz nach ihrer Gründung auf dem Weg gebracht hat. Bis heute setzt sie sich mit zahlreichen Programmen für dieses wichtige Versorgungsfeld ein.