Jeder Fünfte über 50 denkt über einen beruflichen Neuanfang nach. Sinn, Gesundheit und Selbstbestimmung wiegen oft schwerer als Geld – doch ein Wechsel spät im Berufsleben birgt Chancen wie Risiken.
Neustart mit Ü50Warum viele noch einmal den Job wechseln wollen – und worauf es ankommt

Menschen, die sich mit Ü50 beruflich umorientieren, können ganz unterschiedliche Motive antreiben.
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Mit über 50 noch mal einen neuen Job anfangen? Da sagen viele nicht Nein. Um genauer zu sein: Jeder Fünfte in der Generation 50 plus ist offen für etwas Neues im Berufsleben.
Die Forsa-Studie im Auftrag des Job-Netzwerks Xing, aus der dieses Ergebnis stammt, ist zwar schon zwei Jahre alt, aber an dem Trend habe sich nichts geändert, sagt Sabine Votteler. Als Karrierecoachin berät sie Menschen, die für das letzte Drittel des Berufslebens nach anderen Herausforderungen suchen. „Viele merken in dem Alter, dass das, was sie im Job tun, nicht mehr zu ihren eigenen Werten und Ansprüchen passt“, sagt Votteler.
Hinzu kommen laut der Forsa-Befragung zu wenig Gehalt (45 Prozent) und zu viel Stress (37 Prozent) als ausschlaggebende Punkte, um sich noch einmal um eine neue Stelle zu bemühen. Und bei der ist für nahezu zwei Drittel der Befragten die Sinnhaftigkeit sogar wichtiger als das Geld.
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Die Lebensphase jenseits der 50 sei eine der dichtesten überhaupt, sagt Votteler. Familiär, emotional, körperlich. „Viele fangen in diesem Alter an, von hinten zu rechnen: Wie viele Jahre habe ich noch im Berufsleben? Was will ich wirklich tun, mit der Zeit, die bleibt?“
Votteler hat das für sich selbst klar entschieden. Mit 49 Jahren machte sie sich als Coachin selbstständig, nachdem sie zuvor 20 Jahre lang in Führungspositionen gearbeitet hatte. „Ich hatte Rücklagen und wusste, dass es kein Spaziergang wird“, erinnert sich Votteler an die Zeit vor gut zehn Jahren. Selbstständigkeit verlange Kraft. „Man darf nicht glauben, dass man sofort viel Geld verdient.“ Aber man gewinne Selbstbestimmung.
Eine loyale Generation?
Noch sind in der Generation 50 plus anteilig weniger Menschen bereit, sich auf eine berufliche Veränderung einzulassen, als unter jüngeren Personen. Denn das ist die andere Seite: Wer will schon ohne Not das Bekannte gegen eine ungewisse Zukunft eintauschen?
Die Frage ist durchaus berechtigt und schwerwiegend, findet Christoph George. Dennoch führt der 41-Jährige jeden Tag Gespräche mit Menschen, die sich mindestens mit dem Gedanken tragen, gegen Ende ihres Berufslebens noch mal einen neuen Impuls zu setzen. Die Zahl der Anfragen nehme kontinuierlich zu, berichtet George, der als Berufsberater für Leute, die schon länger im Job sind, bei der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg Nord arbeitet.
Dabei reicht die Spanne von der Ingenieurin über den Handwerker bis zum selbstständigen Kreativen. Die Gründe seien unterschiedlich: Teils sei es die eigene Gesundheit, zum Beispiel bei Pflegekräften; teils gehe es um Selbstverwirklichung, weil die Kinder aus dem Haus seien; teils brauche es Veränderung, weil Angehörige pflegebedürftig geworden seien.
Häufig genug sei allerdings Frust über die eigene berufliche Situation der Auslöser. „Oft kommen die Menschen mit dem Wunsch nach einer 180-Grad-Drehung zu uns“, sagt George.
Was muss passieren, damit es mir besser geht?
Ein nachvollziehbarer Gedanke, meint er. „Man kann durchaus auch jenseits der 50 etwas Neues lernen.“ Aber in seinen Augen muss es meist nicht so radikal sein. „Wenn jemand mit seiner derzeitigen Situation unzufrieden ist, kann ein Wechsel sinnvoll sein.“ Und manchmal sogar notwendig, wenn einen die Unzufriedenheit nicht mehr zur Ruhe kommen lasse. „Eine entscheidende Frage, um einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden, lautet: Was muss passieren, damit es mir besser geht?“
Die Antwort müsse bei Weitem nicht ein neuer Beruf sein. Meist sei es sinnvoll und reservenschonender, innerhalb der gewohnten Branche zu wechseln oder mit dem derzeitigen Arbeitgeber über eine veränderte Rolle zu sprechen.
George berichtet zum Beispiel von einer Frau, die höchst unzufrieden mit ihrem Job gewesen sei, weil sie zu wenig Wertschätzung gespürt, sich zu wenig wahrgenommen gefühlt habe. Am Ende des Beratungsprozesses habe sie sich jedoch dazu entschieden, bei ihrer Firma zu bleiben und dort nach einer Weiterbildung eine Leitungsposition zu übernehmen.
George weiß, was seiner Kundin durch ihre Entscheidung möglicherweise erspart geblieben ist. Eine Umschulung oder Ausbildung bedeute auch immer eine Herausforderung, sagt der Fachmann. Einen neuen Beruf zu erlernen, sei komplex und bringe für die meisten eine finanzielle Durststrecke mit sich – Stichwort: Azubi-Gehalt. Und wer es dann in eine neue Stelle schafft, fängt dort nicht selten ganz unten an. „Was viele vergessen: Nach einem Quereinstieg ist man Berufsanfänger“, sagt George.
Wie schwierig ein Neuanfang ist, hat Karin Domann erfahren. Sie war 57, als sie sich aus ihrem gut bezahlten Job als Kommunikationsspezialistin bei Bayer verabschiedete. „Damals wurde viel umstrukturiert, was für eine zunehmend angespannte Stimmung unter den Kolleg:innen sorgte. Mich hat das sehr belastet.“ Gleichzeitig habe es Abfindungsprogramme gegeben. Obwohl das Unternehmen sie habe halten wollen, habe sie sich dafür entschieden, zu gehen – nach mehr als 25 Jahren.
Aus- und Umstieg sollte gut überlegt sein
Die richtige Entscheidung? „Ich habe mich selbstständig gemacht“, sagt die inzwischen 69-Jährige. Finanziell sei das zunächst nicht üppig gewesen, aber mit der sechsstelligen Abfindung im Rücken durchaus machbar. „Wichtig ist, dass man strategisch vorgeht und sich nicht von anderen finanziell abhängig macht.“ Sie habe sich den Aus- und Umstieg gut überlegt.
Domann ging zunächst aus dem Rheinland nach Sachsen. Später kehrte sie in ihre Geburtsstadt Berlin zurück. Im Laufe der Jahre habe sie sich auch noch einmal um eine Festanstellung bemüht. „Das war nicht so einfach“, sagt sie. Zu mehreren Gesprächen sei sie eingeladen worden, habe ihre Gehaltsvorstellungen von früher bei Bayer deutlich heruntergeschraubt. Dennoch habe es nicht geklappt.
Auf Netzwerktreffen habe sie erfahren, dass es vielen älteren Arbeitsuchenden in ihrem Bereich ähnlich ergangen sei, sagt sie. „Die Qualifikation ist da, aber im gesetzten Alter steckst du hinter jüngeren Bewerbern zurück.“
Ihre Entscheidung, ausgestiegen zu sein, bereut Domann nicht. Gleichzeitig würde sie ihr Modell nur jemandem empfehlen, der risikobereit und offen für Neues sei. „Mit über 50 einfach mal den Job wechseln: Das ist Märchenstunde.“
Die Generation Ü50 hat viel zu bieten
So drastisch drückt sich Christoph George von der Arbeitsagentur nicht aus. „Die Menschen in der Generation 50 plus sind meist sehr gut ausgebildet und bringen eine Menge Fähigkeiten mit, die sie für Arbeitgeber attraktiv machen.“ Es könne deshalb nicht schaden, Stellenanzeigen zu lesen und sich zu bewerben, wenn man in seiner Position nicht ganz zufrieden sei.
Aber wie sieht es aus, wenn jemand jenseits der 50 seinen Job verliert? Auch diese Menschen wenden sich an Berater wie George. Zum Beispiel, weil die Firma in der aktuellen Konjunkturflaute Personal entlässt oder pleitegeht. „Wer wechseln muss, durchlebt erst einmal einen Schockmoment: Ich werde nicht mehr gebraucht“, sagt George.
Seine Aufgabe in einem solchen Fall: zuhören, aufrichten – und dann in die Analyse gehen. Es bringe nichts, der alten Stelle nachzutrauern. Stattdessen sollten Betroffene ihre Energie ganz auf sich verwenden. Ein Stärkenprofil zu erstellen, helfe zum Beispiel dabei, sich seiner Fähigkeiten bewusst zu werden. „Sie sind der Experte. Nicht nur für Ihren Beruf, sondern vor allem für sich selbst.“
Es gehe darum, von der Passivität in die Aktivität zu kommen. Er könne dabei unterstützen, sagt George. Aber der entscheidende Impuls müsse von demjenigen kommen, der wechseln muss oder will.
Dieser Text erschien zuerst im „Tagesspiegel“.


