Betrüger verkaufen Gebrauchtwagen mit gefälschten Zulassungspapieren, die auf gestohlenen Blanko-Dokumenten basieren – die Käufer verlieren sowohl Auto als auch Geld, wenn die Polizei die Fahrzeuge beschlagnahmt. Worauf man beim Kauf achten sollte
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Immer häufiger werden Gebrauchtwagenkäufer Opfer von Betrug durch gefälschte Kfz-Zulassungsbescheinigungen. Worauf sollte man beim Kauf also achten?
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Thomas Mayer ist euphorisch. Der Mann, der in Wirklichkeit anders heißt, ist auf einem Onlineverkaufsportal auf einen günstigen, erst wenige Monate alten Pkw aufmerksam geworden. Mit dem Verkäufer wird er sich schnell einig, und so macht sich Mayer kurz darauf auf den Weg nach Köln, um das Auto abzuholen. Auch vor Ort läuft alles glatt: Der Wagen entspricht der Beschreibung des Verkäufers und seinen Vorstellungen, gezahlt wird bar. Aus der Rheinmetropole geht es zurück nach Oberschwaben.
Das böse Erwachen kommt tags darauf bei der Ummeldung auf der Kfz-Zulassungsstelle. Der Pkw, wird Mayer dort mitgeteilt, sei wegen Unterschlagung zur Sicherstellung ausgeschrieben – was umgehend geschieht. Die Polizei kassiert den Wagen ein. Die Konsequenz: Geld weg, Auto weg. Und zurück bleibt ein vollkommen verstörter Autokäufer, der die Welt nicht mehr versteht.
Die Masche
„Die Betrüger hatten dem Käufer vermeintlich echte Fahrzeugpapiere übergeben – die, wie sich bei den weiteren Ermittlungen herausstellte, mittels gestohlener Blanko-Zulassungsbescheinigungen gefälscht worden waren“, erklärt Daniela Baier vom Polizeipräsidium Ravensburg, das den Vorgang bearbeitet, die Betrugsmasche. Und da auch die Ausweisdokumente der Verkäufer unecht waren, liegt den ermittelnden Behörden nicht mehr als eine vage Täterbeschreibung durch das geprellte Opfer vor.
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Ein Einzelfall? Mitnichten. Deutschland verzeichnet seit Jahren einen deutlichen Anstieg organisierter Fahrzeugunterschlagungen, warnt der Bundesverband der Automobilvermieter (BAV). Laut Bundeskriminalamt wurden 2024 31 Prozent höhere Fallzahlen als im Jahr zuvor registriert, was gut 3700 Fahrzeugen entspricht.
Autovermieter, Mobilitätsanbieter und Autohändler gehören, genau wie die geprellten Käufer, zu den Geschädigten, denn von ihnen kommen die Fahrzeuge in aller Regel. Die Schadenssummen bewegen sich Schätzungen zufolge im Multi-Millionen-Euro-Bereich.
Blanko-Zulassungspapiere
Die Masche läuft zweigleisig ab: Nach Branchenschätzungen befinden sich bundesweit mehr als 180.000 Blanko-Zulassungsbescheinigungen im Umlauf. Sie stammen überwiegend aus Diebstählen in Behörden, die diese in größeren Mengen lagern und die Basis für den systematischen Autobetrug sind. Bundesweite Aufmerksamkeit erlangte beispielsweise der Einbruch ins Duisburger Straßenverkehrsamt Mitte April 2017, wo allein 15.000 Blanko-Zulassungsbescheinigungen entwendet wurden.
Diese werden dann von Kriminellen genutzt, um gestohlenen oder unterschlagenen Fahrzeugen eine scheinbar legale Identität zu geben. Denn mit den Dokumenten lassen sich täuschend echte Fälschungen erstellen.
Die Fahrzeuge beschaffen sich die Täter unter Angabe falscher Identitäten vor allem von Autovermietern und verkaufen sie mit den gefälschten Zulassungsbescheinigungen anschließend über Onlinemarktplätze gegen Bargeld weiter. Auch Autohändler sind bei Probefahrten immer wieder Opfer solcher Unterschlagungen – vor allem dann, wenn es sich um Premiumfahrzeuge handelt.
Kommt der Betrug ans Licht, geraten Vermieter und Käufer regelmäßig in rechtliche Auseinandersetzungen über die Eigentumslage. In der Regel endet das mit erheblichen finanziellen Verlusten – entweder durch den Fahrzeugverlust des Vermieters oder den Verlust des Kaufpreises beim Käufer.
Wolfgang Tränkle, Chef des gleichnamigen Fahrzeugvermieters im oberschwäbischen Weingarten (Landkreis Ravensburg), berichtet, dass ihm allein im vergangenen Jahr zwei Fahrzeuge unterschlagen wurden. Auf dem Schaden sei er sitzen geblieben, sagt Tränkle.
Die Schwachstellen
Eine Allianz aus mittelständischen Autovermietern, großen Mobilitätsdienstleistern und Auto-Abo-Anbietern hat die Politik nun zu schnellen Reformen im Zulassungswesen aufgefordert, um der kriminellen Masche einen Riegel vorzuschieben. Zu den Unterzeichnern gehören unter anderem der BAV, Sixt, Finn, Choice, Wucherpfennig & Krohn, City-Car und Arndt. Sie repräsentieren einen wesentlichen Teil des deutschen Mobilitätsmarkts und warnen geschlossen vor einem Sicherheitsrisiko, das sich zunehmend verstetigt.
„Die Situation ist kritisch. Betrüger nutzen bestehende Schwachstellen systematisch aus“, sagt BAV-Geschäftsführer Michael Brabec im Gespräch mit dieser Redaktion. Er fordert politische Entscheidungen ein, die den Gebrauchtwagenkauf sicher machen und Vermieter wie Verbraucher wirksam schützen.
Matthias Arndt, Chef der gleichnamigen Autovermietung aus Neuss in Nordrhein-Westfalen, klingt ähnlich: „Der Gesetzgeber muss dieses Einfallstor dringend schließen. Solange Blanko-Fahrzeugpapiere wie Handelsware zirkulieren, können Täter ungehindert agieren. Am Ende tragen Vermieter, Versicherer und vermeintlich gutgläubige Käufer die finanziellen Folgen.“
Gegenmaßnahmen
Um den systematischen Missbrauch zu stoppen, fordert die Branchenallianz ein Maßnahmenpaket, das vor allem auf mehr Transparenz und digitale Sicherheit abzielt. Dazu gehören eine Bargeldobergrenze von 10.000 Euro beim Privatkauf von Fahrzeugen, der Aufbau eines zentralen Registers gestohlener Zulassungsbescheinigungen beim Kraftfahrt-Bundesamt, verbindliche Prüfmechanismen für Onlinemarktplätze, inklusive Dokumenten- und Identitätsprüfung, die Digitalisierung des Zulassungswesens mit digitalem Eigentumsnachweis als Standard und schließlich überarbeitete Regeln zum gutgläubigen Erwerb, um bestehende Rechtslücken zu schließen.
Oftmals ist es nämlich so, dass gegen die finanziell geschädigten Käufer auch noch Ermittlungen wegen möglicher Hehlerei eingeleitet werden.
Das gilt es zu beachten
Stand heute, kritisiert BAV-Geschäftsführer Brabec, habe sich die Bundesregierung in der Sache aber „noch nicht bewegt“. Die Branchenallianz appelliert daher an Vermieter und Gebrauchtwagenkäufer, Vorsicht walten zu lassen.
Bei jeglichen Geschäften, so der Ratschlag, sollten Dokumente wie Fahrzeugschein und Fahrzeugbrief (Zulassungsbescheinigung I und II) intensiv auf Plausibilität, Sicherheitsmerkmale und Übereinstimmung mit der Fahrzeug-Identnummer geprüft werden. Auffälligkeiten wie ein ungewöhnlicher Zustand, Fehler im Druckbild oder in den Daten sowie eine unklare Halterhistorie gelte es kritisch zu hinterfragen. Gleiches gilt für den Check der Identität des Vertragspartners.
Besondere Vorsicht sei bei sehr günstigen Onlineangeboten, kurzfristigem Verkaufsdruck oder unklaren Eigentumsverhältnissen geboten. Und gebe es konkrete Verdachtsmomente, sollte zeitnah die Polizei eingeschaltet werden. Sichergestellte Inserate und Kommunikationsverläufe könnten die Ermittlungen dabei unterstützen.


