BERGISCH GLADBACH. Dat is uuse Chressboom! Mit diesen Worten pflegte Vater Stahl irgendwann im Sommer das Schicksal einer kleinen Fichte oder Tanne in den Wäldern zwischen Moitzfeld, Meisheide und Steinacker zu besiegeln. Denn, wie sich Sohn Herbert Stahl erinnert: Ne ächte berjische Chressboom wued jekläut.
In ahle berjische Zick pflegte man den Christbaum nicht säuberlich im Netz verpackt auf dem Weihnachtsmarkt zu erwerben, sondern am Heiligen Abend zog das Familienoberhaupt bewaffnet mit Axt und Säge ins Dickicht, um die auf einem weit zurückliegenden Sonntagsspaziergang erspähte Fest-Konifere zu fällen und in die heimische Stube zu schleppen. Zum Waldfrevel will Brauchtumskundler Herbert Stahl keineswegs aufrufen, doch die Tradition ist ihm insofern heilig, als ihm kein Weihnachtsbaum ins Haus kommt, den er nicht selbst in der Schonung ausgesucht und persönlich geschlagen hat - heute bezahlt er allerdings dafür. Das Christbaum-selber-Schlagen, das inzwischen wieder sehr in Mode ist, kann sich also auf eine altehrwürdige Sitte berufen.
Der gläserne Baumschmuck gehörte zu den kostbarsten Familienschätzen, gehegt, gepflegt und vererbt. Außerdem war tonnenweise Lametta ein Muss. Bei Lametta sagt der Umweltschützer heute pfui, doch damals wurden die Silberfäden nach den Tagen aus dem vertrockneten, nadelnden Gerippe sorgfältig herausgesammelt, glatt gestrichen und weggepackt zur Wiederverwendung im nächsten Jahr. Wir waren arm, stellt Herbert Stahl fest, und meint damit sowohl die väterliche Bergmannsfamilie von der Grube Weiß, als auch die bergische Landbevölkerung im Allgemeinen. Auf dem bunten Teller lagen Nüsse und Äpfel statt Nougat und Marzipan, sowie ein paar hausgemachte Plätzchen von Mama. Und die Bescherung bestand aus Strümpfen, Handschuhen oder einem Schal statt aus Spielzeug. Nur wenn der Opa sich ans Basteln machte, gab es ein selbst gebautes Spielgerät, etwa ein geschnitztes Pferd oder ein Kindertheater mit Kurbel und Spieluhr, auf dem man Papierfigürchen vor einer Kulisse vorbeizuckeln lassen konnte.
Apropos Bescherung: Die fand in der Vorkriegszeit im Rheinisch-Bergischen niemals an Heiligabend statt: Das ist evangelischer Brauch. Katholiken bescherten am Morgen des ersten Feiertags. Der Baum wurde am 24. mit Einbruch der Dunkelheit ins Haus geholt und grün in der Stube aufgestellt. Die Kinder sollten glauben, dass das Christkind in der Nacht herbeifliegt und nicht nur die Geschenke bringt, sondern auch das Tännchen dekoriert. Die Eltern schmückten den Baum erst, wenn die Kinder selig schliefen. Und in der Früh hieß es dann: Aufstehen! Das Christkind war da!
Auch das war eigentlich eine Neuerung, denn ursprünglich brachte die Geschenke im katholischen Bergischen dä Klöös, der heilige Nikolaus. Das Christkind geht auf Luther zurück, der damit freilich den Jesusknaben in der Krippe meinte und nicht die elfen- und engelartige, geflügelte Mädchengestalt im weißen Pelz-Anorak, die in der wilhelminischen Zeit als juvenile Weihnachtsfee popularisiert wurde.
Stahl weiß noch genau, wie ihm der Glaube an die magischen Gabenbringer abhanden kam. 1943 war es, da war ihm aufgefallen,dass der Nikolaus, der ihm aus einem goldenen Buch die Leviten gelesen hatte, die gleiche sonore Stimme hatte, wie der verwundete Soldat aus dem Lazarett im Priesterseminar (Kardinal-Schulte-Haus), den seine Eltern Weihnachten zum Mittagstisch geladen hatten. Den Rest besorgte der etwas ältere Willi Tix aus der Nachbarschaft, als er sagte: Du jlöövs doch och nit mieh an dä Klöös, oder? Welcher Sieben- oder Achtjährige hätte da Doch! gesagt? Als Klein-Herbert daheim der Mutter halb stolz, halb trotzig entgegenschmetterte Dä Klöös jitt et nit!,da kehrte die gleich alle Träume in die Tonne: Un isch sachen dir noch jett: Et jitt och kenne Osterhaas un kenn Chresskingk un dat brengk Dir och Weihnachten kenn Jeschenke mieh.