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Aufstieg und Fall eines Baulöwen

4 min

BERGISCH GLADBACH. Es war die Zeit des Betons, der Bauwut und der Baulöwen.

Im Gladbacher Rathaus herrschte Anfang der siebziger Jahre Aufbruchstimmung. Das Städtchen sollte sich zur Großstadt entwickeln, 150 000 Einwohner Minimum. „Verdichtung“ war angesagt: Im Rahmen des „NW-Programms 75“ waren rund um den Bahnhof Hochhäuser geplant, in denen die zu erwartende Masse der Neubürger ein vertikales Zuhause finden sollte.

In diese Phase ungebremster Zukunftsgläubigkeit passte ein dynamischer Typ namens Franz Weissenberger wie Elvis zum Rockzeitalter. Die Familie Weissenberger gehörte zur deutschen Minderheit in Kroatien, hatte nach dem Krieg schwer unter brutaler Diskriminierung zu leiden und wanderte nach Westdeutschland aus, wo Franz Weissenberger in Bergisch Gladbach eine Baufirma gründete und sich durch enormen Fleiß, Ehrgeiz, Cleverness und engen Zusammenhalt des Familien-Clans eine aufstrebende Position auf einem expandierenden Markt erkämpfte. Der bullige „FW“ baute in Köln und Bonn Schulen, Wohn- und Geschäftshäuser. Und dann wurde er zum Baumeister der Stadt.

Er baute das Forum und das Kreishaus (erst 30 Jahre später kam seltsamerweise heraus, dass er das Dach vergessen hatte). In Bensberg und Refrath wuchsen zwei Weissenberger-Luxus-Hotels aus dem Boden (heute ein Apartmenthaus mit Disco in Bensberg und eine Seniorenresidenz in Refrath). In Gronau wurde ein auf 26 Geschosse geplanter Koloss mit mehreren hundert Wohnungen hochgezogen, der allerdings nie fertig wurde. Und sogar der ehrwürdige Bergische Löwe sollte verschwinden, an seiner Stelle war ein 18-stöckiges Betonmonstrum geplant. Zum Glück wurde nichts draus.

Konservativen Kreisen in Gladbach war der Mann ein Gräuel, der schrille Anzüge und kostbare Pelzmäntel trug, mit teuren Geschenken um sich warf, rauschende Feste veranstaltete und in seinen Hotels ausgesuchte Gäste schon mal mit gekochter Pythonschlange bewirtete. Aber für Geschäfte war er immer gut.

Zur Einweihung des Refrather Hotels hielt der Schriftsteller Günter Grass die Festrede, ein Dankeschön für eine großzügige Spende an die SPD. Der damalige Bundeskanzler Willy Brandt tagte gelegentlich bei Weissenberger. Und bundesweite Schlagzeilen machte der Exot unter den Baulöwen, als er jedem seiner Arbeiter einen knallroten Opel Kadett mit dem Kennzeichen „GL-W“ einfach schenkte. Die Weissenberger-Anekdoten, zum Teil mehr als bizarr, sind unter Eingeweihten unvergessen.

Stadtdirektor schläft

mit Pistole am Bett

Im Herbst 1973 verdichteten sich die Anzeichen für ein nahendes Desaster. Weissenberger hatte sich übernommen und stopfte ein Geldloch dadurch, dass er ein größeres aufriss - „Revolver-System“ bescheinigte ihm später das Gericht. Als ihm der 24-Millionen-Auftrag für den Bau der Paffrather Gesamtschule durch die Lappen ging, brach das Weissenberger-Imperium mit einem Riesenknall zusammen.

„FW“ hatte zuvor mit allen Mitteln versucht, die Stadt doch noch zu bewegen, ihm den rettenden Auftrag zuzuschanzen. Stadtdirektor Otto Fell, der damals gegen manche widerstrebende Kräfte aus der Politik einigermaßen korrekte Verfahrensweisen durchsetzte, schlief in diesen Nächten mit einer geladenen Pistole auf seinem Nachttisch.

Die Riesenpleite endete im Chaos. Nach zwei Wochen gab der Konkursverwalter mangels Masse auf. Gläubiger plünderten Baustellen und Luxus-Hotels. Staatsanwälte ermittelten wegen schwerer Konkursverschleppung, damals noch ein Verbrechen. Die Weissenbergers versuchten in Nacht- und Nebelaktionen, ihr Privatvermögen zu retten. Im Frühjahr 1974 wurde Franz Weissenberger verhaftet - übrigens am selben Morgen, als sein gelegentlicher Gast, der Bundeskanzler Willy Brandt, zurücktrat.

Weissenberger verschliss mehrere Starverteidiger, unter ihnen einen ehemaligen Justizminister des Landes NRW. Aber er blieb in Haft bis zum Prozessbeginn im Herbst 1975.

Der Strafprozess im alten Justizgebäude am Kölner Appellhof begann spektakulär, verlief sich dann monatelang in vielen Details. Bis die Bombe platzte: Weissenberger hatte Gladbacher Politikern schmucke Häuser gebaut, mit viel Marmor und eingebautem Swimmingpool. Aus den beschlagnahmten Unterlagen ging hervor, dass dafür Zahlungen geleistet worden waren, die ungefähr ein Fünftel des Wertes der Bauleistungen betrugen. Die Folgen waren undramatisch, eher „rheinisch“: Die betroffenen Politiker gaben auf sanftes Drängen ihrer Parteien so nach und nach ihre Ämter auf.

Spätes Glück des

Baulöwen vor Gericht

Franz Weissenberger wurde zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, wobei die U-Haft angerechnet wurde, blieb erst mal frei und ging in die Revision. Er hatte Glück: Die Strafbestimmungen für Konkursdelikte wurden in der Zwischenzeit erheblich gemildert. Das Revisionsverfahren dauerte zwei Tage. Die Strafe wurde herabgesetzt, „FW“ verließ das Gericht als freier Mann.

Aus zwei Städten wird eine.