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Der Herr über 500 Kühe

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WIPPERFÜRTH. 150 Meter lang, 35 Meter breit, mit Platz für 500 Kühe und ein modernes Melkkarussell: In Wipperfürth-Wegerhof erweitert Landwirt Heinz Raffelsieper seinen Bauernhof zum größten Milchviehhof in ganz Oberberg. Im alten Stall, wo zur Zeit 250 Milchkühe stehen, sollen künftig rund 260 Jungrinder aufgezogen werden. Einen Bauernhof mit mehr als 750 Rindern und 300 Hektar Betriebsfläche - so etwas kennt man bislang nur aus Ost- und Norddeutschland.

Die oberbergische Landwirtschaft befindet sich im Umbruch. Nur von der Milch zu leben wird für die Bauern immer schwieriger, Alternativen zur Weidewirtschaft gibt es im regenreichen Oberberg aber kaum. „Das einzige, was sich lohnt, ist, das Gras durch den Pansen zu veredeln - sprich: die Milchviehhaltung“, erklärt Peter Quadt, stellvertretender Leiter der Landwirtschaftskammer, Kreisstelle Lindlar. „Viele Betriebe hören auf. Wer weiter machen will, muss künftig größere Mengen Milch produzieren. Qualität bezahlt ja leider keiner.“

Heinz Raffelsieper hat schon früh die Zeichen auf Expansion gestellt, seit er vor 16 Jahren den elterlichen Betrieb übernahm und den Stall mehrfach erweiterte. 2001 gründete er, zusammen mit zwei anderen Bauern, die Wegerhof Kommanditgesellschaft. „Die Idee, auf 500 Milchkühe zu vergrößern, kam 2005“, erzählt er. „Wir haben dann die Machbarkeit und die Finanzierung geprüft und sind 2006 in die Planung gegangen.“ 2007 begann das aufwändige Genehmigungsverfahren. Raffelsieper musste langfristige Pachtverträge für ausreichend Grünland vorweisen, Stellungnahmen von Landschaftsschutz- und Wasserschutzbehörden wurden eingeholt, Lärmprognose- und Geruchsprognose-Gutachten erstellt, die Stickstoffbilanz des Bodens gemessen - 760 Rinder produzieren schließlich eine Menge Gülle. Und so baut Raffelsieper nicht nur einen neuen Stall, sondern auch zwei Betontanks, die zusammen 7000 Kubikmeter Gülle fassen. Die Tanks werden weitestgehend im Boden versenkt, das kratergroße Loch dafür ist bereits ausgehoben.

Während des Planungs- und Genehmigungsphase wechselte mehrfach die zuständige Behörde. Das Staatliche Umweltamt wurde 2006 aufgelöst, die Bezirksregierung übernahm vorübergehend dessen Aufgaben. Seit 2008 fällt die Genehmigung von landwirtschaftlichen Großanlagen nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG) in die Zuständigkeit der Kreisumweltämter. „Für uns ist es das erste Mal, dass wir eine solche Anlage nach dem BImschG überprüfen“, erklärt Heinz-Gerd Stosiek, stellvertretender Leiter des Umweltamtes. „Alle Stellungnahmen begrüßen das Vorhaben, es gab keine Bedenken.“ Die Landesanstalt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz, die die Gutachten überprüfte, habe ebenfalls keine Einwände gehabt. „Zudem ist das Vorhaben sehr gut geplant“, so Stosiek.

Auch Heinz Raffelsieper lobt die Behörden. „Die Zusammenarbeit verlief reibungslos. Zwar haben meine Ansprechpartner mehrfach gewechselt, wodurch sich das Vorhaben verzögerte. Aber da in den letzten Monaten die Preise für Baumaterialien wie Beton und Stahl gesunken sind, bin ich nicht böse.“

Ob das Unternehmen sich rechnet, wird sich erst in einigen Jahren zeigen. 2015 schafft die Europäische Union die Milchquoten ab, bis dahin muss Raffelsieper zusätzliche Quoten an der Milchbörse er werben, zu welchem Preis, das weiß er noch nicht.

Wenn erst der freie Markt kommt, rechnet Raffelsieper mit noch größeren Preisschwankungen als heute. Für diese Zeit will er vorsorgen. „Mittelfristig gehe ich von einem Kostenvorteil aus, auch wenn ich die Finanzierung des Projektes den Rest meines Lebens abzahlen werde“ - Heinz Raffelsieper ist 39 Jahre alt.

Der neue Stall soll in mehreren Etappen entstehen: 2009 wird die eine Hälfte errichtet, dann ziehen die jetzigen 250 Kühe in ihr neues Zuhause um. Der alte Stall wird umgebaut, bevor der zweite Teil des Neubaus folgt. „Das wird ein Stall mit viel mehr Kuhkomfort“, schwärmt Raffelsieper, „mit breiteren Laufgängen und einer besseren Lüftung.“ Die Weide werden seine Kühe allerdings nur noch aus dem Offenstall sehen können, und während der letzten sechs bis acht Wochen vor dem Kalben. „500 Kühe aus dem Stall und wieder zurück zu treiben, das ist zu aufwändig und damit zu teuer“, so der Landwirt. „Außerdem müsste man dann extra Treibewege anlegen, sonst verwandelt sich die ganze Weide in Matsch.“

Der Wipperfürther weiß, dass sein Projekt nicht nur auf Gegenliebe stößt. „Es gibt Kollegen, die halten mich für verrückt. Andere überlegen, ob es nicht doch der richtige Weg ist. Ich bin der Meinung, wir Bauern müssen noch stärker in betriebswirtschaftlichen Zusammenhängen denken.“ Die Landwirtschaftskammer unterstützt zwar das Projekt, kennt aber auch die Schattenseiten. „Der Stall hat die Ausmaße einer Industriehalle, da haben viele Leute Bauchschmerzen“, sagt Peter Quadt. Aber: „So einen großen Betrieb macht man nicht zum Spaß. Das unternehmerische Risiko steigt schließlich mit jedem Vieh, das versorgt werden muss.“ Eine Alternative zu solchen Großbetrieben könne höchstens die Direktvermarktung sein, etwa von Joghurt oder Käse.

Für Heinz Raffelsieper ist der eingeschlagene Weg der einzig gangbare. „Ich bin gerne Bauer, und ich will es auch künftig bleiben. Die Politiker sagen zwar, dass sie die bäuerlichen Familienbetriebe erhalten wollen. Doch was sie dann entscheiden, bewirkt genau das Gegenteil.“ Nur mit der Familie lässt sich ein Hof mit 500 Milchkühen nicht bewirtschaften, Raffelsieper will insgesamt fünf Arbeitsplätze schaffen. „Wenn man nicht alles alleine machen muss, dann hat das auch einen Vorteil: Wir können auch mal ein Wochenende frei machen oder in den Urlaub fahren.“