Köln – Einige haben es sichtlich eilig. Wollen aus der Bahn huschen und starren dabei angestrengt aufs Handy. Wichtiger, geschäftiger Gesichtsausdruck. Die Leute in den dunkelblauen Uniformen lassen sich davon nicht beeindrucken. Aus dieser Bahn kommt jetzt keiner raus. 20 KVB-Kontrolleure auf einmal, dazu sechs Polizisten plus Leute vom Ausländeramt - da ist der Weg auf den Bahnsteig am Hans-Böckler-Platz blockiert. Und wenn doch einer durchwischt, warten vor der Treppe noch zwei Polizisten. „Wir sichern hier ab, wenn einer flitzen gehen will“, sagt einer der Beamten. Sein Grinsen sagt: Hier geht keiner flitzen.
Die KVB nennt diese Aktion „Standkontrolle“. Das trifft es, denn erstmal steht alles. Solange nicht alle Fahrgäste durchgecheckt sind, kann die Bahn nicht weiterfahren. Manchmal fragen Leute, die ganz korrekt mit Fahrkarte unterwegs, was der Quatsch soll. „Ich muss zum Hauptbahnhof, mein Zug fährt!“ Oder: „Ich fahre zu einem Vorstellungsgespräch, wenn ich da zu spät komme, krieg ich den Job nie!“
Die KVB-Leute versuchen, Rücksicht zu nehmen auf solche Passagiere. Aber: „Diese Maßnahme hier ist die einzige Möglichkeit für uns, wirklich alle Fahrgäste zu kontrollieren“, sagt Detlef Friesenhahn, Bereichsleiter Fahrgastservice. Er ist hier der Chef, denn die Kontrollen begreift die KVB als Teil des Service' für ihre Kunden. Der Schaden durch Schwarzfahrer, ein zweistelliger Millionenbetrag, treffe ja alle. Jeden Tag sind es 75 000, das sind acht Prozent der Gesamtzahl. Für ein Unternehmen mit chronischem Defizit - 2009 waren es 97 Millionen Euro - ist eine solche Zahlungsmoral kaum akzeptabel.
In der zweiten Bahn, die einfährt, wird ein halbes Dutzend Leute ohne Fahrschein erwischt. Und einige davon können sich auch nicht ausweisen. Da wird es dann schon mal laut. „Ich hatte kein Kleingeld!“, brüllt ein Mann mittleren Alters immer wieder und rudert mit den Armen. Ein anderer streitet sich mit einem Polizisten darüber, ob er an der Wand stehen bleiben muss oder einen halben Meter Richtung Gleis gehen darf. „Ich kann stehen, wo ich will!“ Da der junge Mann keinen Ausweis hat, muss er seine Daten aufschreiben und ein paar Merkmale nennen, die nur wenige wissen können. Eine Tätowierung an intimer Stelle zum Beispiel oder den Mädchennamen der Mutter. Die Antwort „Ich weiß nicht, ob meine Mutter einen Mädchennamen hat“, erstaunt den Beamten offenbar kaum. Der Mann, der gerne einen halben Meter wegtreten wollte, wird schließlich abgeführt. Name und Adresse waren offenbar erfunden.
Für die Polizei und das Ausländeramt ist die Standkontrolle eine Gelegenheit, einige ihrer weniger braven Kunden zu erwischen. „Bündelung der Kräfte“, sagt Friesenhahn. Die abschreckende Wirkung der Aktion, die viele Passanten stirnrunzelnd beobachten, ist gewollt. „Bei 850 000 Fahrgästen täglich haben wir einfach nicht genug Leute, um regelmäßig zu kontrollieren“, sagt Stefan Fröhlich, Leiter Fahrausweisprüfung bei der KVB.
Ein paar Mal im Jahr gibt es auch Nachtkontrollen, dann mit noch viel mehr Personal und Polizeihunden. Freitags oder samstags, wenn die Nachtschwärmer unterwegs sind und viele schon einen ordentlichen Pegel haben, wird die Lage schon mal eher heikel. Dafür ist die Ausbeute besonders hoch. Kürzlich am Rudolfplatz wurden 5000 Fahrgäste kontrolliert, davon hatten 780 keinen Fahrschein.
So viel Arbeit gibt es für die Kontrolleure diesmal am Hans-Böckler-Platz nicht - aber noch genug. „Kann mal einer von der Polizei kommen?“, dröhnt der Ruf über den Bahnsteig. Ein Herr will nicht einsehen, dass er zur Überprüfung die Bahn verlassen muss. Bevor es zu Gewalt kommt, müssen die Beamten ran. „Es gibt schon Übergriffe“, berichtet Friesenhahn, „aber für unsere Kollegen gilt immer, im Zweifel zurückbleiben, wenn da so ein Kampfsportler ausrastet. Die 40 Euro sind keine Verletzung wert“.
Andererseits hält die KVB die Standkontrollen für vertretbar. In anderen Städten gehe man noch radikaler vor, in Berlin würden Bahnsteige sogar ganz gesperrt. „Die Leute müssen verstehen, dass Schwarzfahren kein Kavaliersdelikt ist, sondern eine Straftat“, sagt Chefkontrolleur Fröhlich. Viele Leute schrieben Mails, weil sie die Behinderungen nicht akzeptieren wollen. „Die kriegen eine vernünftige Antwort, und dann verstehen sie das.“
An diesem Tag gibt es kaum Ärger mit jenen Fahrgästen, die legal unterwegs sind. Das liegt auch daran, dass die Bahnen nicht sehr voll sind, die Standzeit meist kurz bleibt. Nach etwa zwei Stunden wechseln die Kontrolleure den Standort. „Wenn wir merken, die haben plötzlich alle Fahrausweise, dann brechen wir ab.“ Wie kann sich das herumsprechen? Hier läuft die moderne Form dessen ab, was Autofahrer mit der Lichthupe vor Radarkontrollen tun. „Wir kontrollieren ja auch immer, was bei mobilen Internetdiensten wie Twitter läuft. Da geht die Information ganz schnell.“
