Tom ist 15 Jahre alt und hat keine Lust mehr auf Schule. Von Anfang an hatten Lehrer etwas an ihm auszusetzen. „Tom, bleib sitzen“, „Tom, pass auf“. Das Konzentrieren fällt ihm schwer. Mittlerweile mag er sich nicht mehr anstrengen, alle „stört“ er immer nur. Nach dem genauen Grund seiner Unruhe und Impulsivität fragte niemand. Bis die Diagnose „ADHS“ gestellt wurde.
Tom ist ein Jugendlicher unter vielen, die unter dem so genannten Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) leiden. Mindestens ein bis zwei Kinder pro Schulklasse weisen solche psychischen Störungen auf, sagt der Kölner Professor Manfred Döpfner, leitender Psychologe an der „Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters“ an der Kölner Universität. Nach aktuellen Studien der Uni bemerkten Lehrer bei rund einem Viertel von 500 Grundschülern zumindest einige der Symptome wie schlechte Konzentration.
„Das Problem wächst“, so Döpfner, Leiter des zentralen, bundesweiten ADHS-Netzwerks. Der Zusammenschluss von Fachleuten verfolgt seit 2005 mit Unterstützung des Bundesgesundheitsministeriums das Ziel, die Versorgung für Menschen mit ADHS zu verbessern. „Die Problematik im Schnittfeld zwischen Pädagogik, Psychologie und Medizin wird unter sehr unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und löst daher auch Kontroversen aus.“
Trotz guter Ansätze würden „zu oft Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten in den Schulen ungenutzt bleiben“. Oft könne das Verhalten durch mehr Förderunterricht, Zeit und Zuwendung gebessert werden - oft ohne Medikamente. Nötig seien bessere Rahmenbedingungen und mehr Aufklärung. Die Initiative schrieb jetzt alle Landesregierungen an und stellte Eckpunkte vor, die die Arbeitsgruppe formuliert hat. Dazu gehören Vorschläge zur Verbesserung wie abgestimmte pädagogische Förderung, psychologische Therapie und gegebenenfalls medikamentöse Behandlung, gesetzliche Regelungen zum „Nachteilsausgleich“ (etwa mehr Zeit bei Prüfungen oder Begleitung durch eine Bezugsperson), bessere Fortbildungen für Lehrer.
Den Betroffenen könne meist gezielt innerhalb der Regelschule bis hin zum Abitur geholfen werden - „nur im Einzelfall“ sei die Einnahme von Medikamenten nötig. „Bei uns praktizieren wir das integrierte Konzept“, berichtet Lehrerin Andrea Silz über die Umsetzung der Eckpunkte im thüringischen Gymnasium Neudietendorf - ein Erfolgsmodell mit kleineren Klassen, individuellen Förderplänen, Motivationstraining. Bei der Kölner Bezirksregierung sind ebenfalls Initiativen aktiv.
ADHS ist laut Netzwerk vergleichbar mit Krankheiten wie etwa Depressionen oder Angststörungen. „Menschen wie Bill Gates oder Dustin Hoffman sagen von sich, dass sie an ADHS litten“, so Döpfner. Aber oft wird die Störung nicht als solche erkannt. Gefordert sei eine fundierte Diagnose der Symptome, die es allen so schwer machen. Die vermeintlichen „notorischen Störer“ stoßen oft auf Ablehnung - wie Tom. Bis er Hilfe bei den ADHS-Experten fand.
