Rund eine Million Zahnimplantate sind im vergangenen Jahr in Deutschland eingesetzt worden - diese Art von Zahnersatz ist ein Boom-Bereich der Zahnheilkunde. Implantate sind der Mercedes beim Zahnersatz, mit ihrer Hilfe können Kronen, Brücken oder herausnehmbarer Zahnersatz befestigt werden. Immer mehr Zahnarztpraxen mit dem Schwerpunkt Implantologie bieten ihre Spezialisierung an, oft auch bestens ausgestattet und aufwändig eingerichtet. Tatsächlich sind Implantate ein enormer Fortschritt - aber auch ein kniffeliges Handwerk und keineswegs immer die erste Wahl im Vergleich zu den herkömmlichen Methoden. „Das muss immer von Fall zu Fall entschieden werden“, betont Professor Joachim Jackowski. Chefarzt der Abteilung für Zahnärztliche Chirurgie an der Universität Witten / Herdecke. Ein ganz wichtiger Faktor für die Entscheidung sei das „lokale Knochenangebot“.
„Manchmal reicht eine Wurzelkanalbehandlung"
„Die Frage, ob ein Implantat empfehlenswert ist, muss immer im Einzelfall beantwortet werden“, sagt auch Dr. Silke Liebrecht, frühere Oberärztin im Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Universität zu Köln und jetzt in einer Kölner Zahnarztpraxis spezialisiert auf Zahnersatz. „Bei einer Einzelzahnlücke beispielsweise kann ein Implantat eine optimale Lösung sein.“ Wenn aber etwa die Zähne rechts und links von der Lücke ohnehin bereits überkront sind, könne auch eine kostengünstigere Brücke ratsam sein. „Manchmal reicht bei einem defekten Zahn auch eine Wurzelkanalbehandlung."
Viele wissen zu wenig über andere Therapien
„Der echte Zahn ist das beste Implantat“, sagt auch Detlef Granrath, Zahnarzt aus Brühl. „Den Zahn zu retten sollte das erste Ziel sein.“ Es muss also nicht jeder Patient eine rein implantologische Zahnarztpraxis aufsuchen. „Viele werden dann nämlich gar nicht mehr über mögliche Alternativen zum Implantat informiert“, kritisiert Silke Liebrecht. Auch Gregor Bornes von der Unabhängigen Patientenberatung (UPD) Köln warnt, dass viele Patienten zu wenig wissen über andere Therapiemöglichkeiten: „Ein Implantat ist ein chirurgischer Eingriff mit einem langen Heilungsprozess, es kann vier bis acht Monate dauern, bis der Zahnersatz komplett fertig ist.“
Zudem ist das reine Implantat nur die Hälfte des Zahnersatzes. Denn ein Implantat ist eine künstliche Zahnwurzel, eine Art Schraube, die in den Kieferknochen eingebracht wird und dort einwachsen muss. Die Krone, fachlich auch Suprakonstruktion genannt, wird anschließend darauf befestigt. Patienten sollten laut Gregor Bornes von der UPD deshalb darauf achten, dass der Zahnarzt die gesamte Planung auflistet - inklusive Suprakonstruktion. „Sonst kann es später ein böses finanzielles Erwachen geben.“ Sein Rat: Zur Sicherheit eine Zweitmeinung einholen, auch wenn man diesen zweiten Heil- und Kostenplan mit rund 20 Euro extra bezahlen muss.
Große Unetrschiede bei den Kosten
Die Kosten für Implantate bewegen sich im vierstelligen Bereich, ein Einzelzahn-Implantat plus Krone kostet etwa 2000 Euro. „Zur Kostenfrage gehört auch die Entscheidung, welches Implantatsystem verwendet wird“, erklärt Bornes. Denn es gibt große Unterschiede bei Kosten, Qualität und Verbreitung eines Systems. Letztere ist wichtig, wenn bei Problemen mit dem Implantat Ersatzteile beschafft werden müssen.
Vor der Entscheidung für oder gegen ein Implantat sollte man klären, wie viel Aufwand einem der Zahnersatz wert ist. Bei etwa jedem zweiten Patienten etwa ist laut Stiftung Warentest ein Knochenaufbau nötig, weil das Implantat sonst nicht verankert werden kann.
Zudem brauchen Implantate viel Pflege. Für Menschen mit schlechter Mundhygiene, für Raucher, Diabetiker oder Osteoporose-Patienten sind Implantate nur bedingt oder nach Rücksprache mit dem Facharzt geeignet. Für ältere Menschen mit schlecht sitzendem, veraltetem Zahnersatz, so Granrath, könnten Implantate für festsitzende Prothesen aber „ein Segen" sein.
Dreidimensionale Diagnostik
Ein neuer Trend ist die dreidimensionale Diagnostik, die die Planung und das Einsetzen des Implantats verbessern soll. Um die nötigen Messwerte zu erhalten, wird eine computertomographische Aufnahme vom Operationsgebiet erstellt. Die Kosten von mehreren hundert Euro muss der Patient selbst bezahlen, auch ist die Strahlenbelastung höher als beim Röntgen. Silke Liebrecht sieht das kritisch: „Vor allem bei guten Knochenverhältnissen ist das nicht grundsätzlich nötig.“ Wenn allerdings Knochen fehle, sei es hilfreich, wenn man nicht nur eine Querschnittaufnahme sondern eine dreidimensionale Aufnahme des Kiefers habe, betont Joachim Jackowski. Eine strahlungsärmere Alternative biete da die Digitale Volumentomografie (DVT)
Das Implantat selbst gehört nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen. Der Patient bekommt einen privaten Kostenvoranschlag. Für den Zahnersatz (Krone, Brücke oder Prothese) gibt es einen Heil- und Kostenplan. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen seit 2005 einen Festzuschuss unabhängig von der Versorgungsform. In der Regel sind das 50 Prozent der Kosten der Regelversorgung. Je mehr Untersuchungen im Bonusheft nachgewiesen sind, desto höher ist der Zuschuss.
Buch-Tipp: Stiftung Warentest, „Gesunde Zähne. Vorsorge, Behandlung, Kosten.“, 160 Seiten, 16,90 Euro, erhältlich im Buchhandel oder unter:
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