BENSBERG – Als die Flammen in dieser Winternacht meterhoch aus dem Turm schlugen, schien keine Rettung mehr möglich zu sein: Morgen vor 70 Jahren, am 2. März 1942, wäre das Bensberger Schloss beinahe ein Raub der Flammen geworden. Wie es gerettet werden konnte, hat der Bensberger Heimatforscher Willi Fritzen recherchiert.
1942 gehörte das Schloss den Führungskadern der NSDAP. Im einstigen Jagdschloss Jan Wellems lernten „Pimpfe“ und „Jungmannen“ die „braune“ Ideologie. Die Schüler der „Nationalpolitischen Erziehungsanstalt“ (Napola) wurden darauf getrimmt, nach dem gewonnen Krieg Führungspositionen im „Tausendjährigen Reich“ zu übernehmen. Im Schloss paukten also die überzeugtesten Nationalsozialisten. Und ausgerechnet an diesem Ort brannte es.
Um 4.30 Uhr hatte ein Nachtwächter den Brand bemerkt und Alarm geschlagen. Die Bensberger Wehr erreichte gegen 4.45 Uhr das Schloss. Schnell war klar: Alleine ist dem gewaltigen Feuer nicht beizukommen. Ohne rasches Eingreifen wäre das gesamte Gebäude bedroht gewesen. Müßig darüber zu spekulieren, ob der Großeinsatz mehr der Napola oder eher dem Schloss galt.
Verstärkung angefordert
Aus Immekeppel, Refrath und Bergisch Gladbach orderte jedenfalls der Einsatzleiter umgehend Verstärkung an, schon um 5 Uhr ging vom Kreiswehrführer der Alarmruf zu den Kollegen von der Kölner Berufsfeuerwehr. Alles, was löschen konnte, wurde nach Bensberg beordert.
Für die Einsatzkräfte sollte es ein dramatischer, ein lebensgefährlicher Einsatz werden. Das Feuer hatte sich beim Eintreffen der Löschhelfer im nördlichen Bereich des Dachstuhls weit ausgebreitet, Willi Fritzen: „Ein Angriffstrupp aus drei Feuerwehrleuten, das waren der erfahrene Zimmerermeister Adolf Tillmann, Franz Trecker und Josef Döpper, bekamen den Befehl, durch das Haupttreppenhaus bis in das Speichergeschoss zu laufen und dort durch ein Dachfenster auf das Dach des Schlosses auszusteigen.“
Turm brach im Morgengrauen auseinander
Oben auf dem Dach warfen sie ein Seil ab, ihre Kollegen banden einen Wasserschlauch daran fest. „Doch viel zu früh wurde der Auftrag ,Wasser marsch’ gegeben. Das plötzliche Gewicht und der Druck des Wassers kam für die Wehrleute auf dem Dachsims unerwartet.“ Nur mit äußerster Kraftanstrengung sei es gelungen, den Schlauch festzuhalten. „Geistesgegenwärtig schlug der erfahrene Adolf Tillmann blitzschnell das spitze Ende seiner Feuerwehraxt durch die Schieferabdeckung in das Dach und schlang das Seil mehrmals um die Axt. Jetzt erst war der Schlauch gesichert und der Einsatztrupp konnte das Löschwasser gegen den brennenden Turm richten.“
Zu retten war der Turm aber nicht mehr. Im Morgengrauen brach er auseinander. Mit in die Tiefe gerissen wurde der „Sturz des Phaeton“, das berühmteste Deckenfresko des Schlosses, geschaffen zu Anfang des 18. Jahrhunderts vom Italiener Gianantonio Pellegrini; ein unwiederbringlicher Verlust. 1774 hatte es Goethe bei seinem Besuch in Bensberg bewundert. Auch das Kadetten-Erinnerungszimmer mit wertvollen Zeugnissen aus der preußischen Zeit des Schlosses und dem hölzernen Modell des Gebäudes brannte aus.
Schloss blieb lange nur ein Torso
Willi Fritzen hat sich auch damit beschäftigt, warum die historischen Quellen zur Brandursache schweigen. Denn ausgebrochen war das Feuer auf dem Speicher des Nordflügels. Fritzen vermutet fahrlässige Brandstiftung: „Die Leitung der Napola wollte das vertuschen. Schließlich sickerte durch, dass ,Jungpimpfe’ auf dem Speicher Indianer gespielt hätten. Dabei hatten sie auch ein Lagerfeuerchen angezündet, es aber nicht ordentlich gelöscht.“ Das mögliche Fehlverhalten ihres „Führer“-Nachwuchses zuzugeben, war offenbar nicht möglich. Auch im Wachbuch der Bensberger Feuerwehr findet sich keine Aussage zur Brandursache.
Nach dem Brand blieb das Schloss lange Jahre ein Torso. In den Kriegsjahren 1943/44 beorderte man Häftlinge/Zwangsarbeiter aus Außenstellen des Konzentrationslagers Buchenwald nach Bensberg, um den beschädigten Schlossflügel wiederherzustellen. Gezielt wurde in Berlin beim „Inspekteur der Napola“ nach vier Schieferdachdeckern, zwei Zimmerleuten, zwei Schreinern und zwei Maurern gefragt, so belegt es ein Schreiben aus dem Februar 1944. Dort wörtlich: „Ohne diese Mittel wird es kaum möglich sein, trotz der Genehmigung des Baubevollmächtigten des Reichsministeriums Speer und der zur Verfügung gestellten Mittel des Preußischen Finanzministers, die Instandsetzungsarbeiten fortzuführen.“
Als Tarnnamen wählten die Nationalsozialisten die Bezeichnung „Kommando Napola“. Im März 1945 waren es dann zehn Gefangene, die im Schloss arbeiteten. Fertiggestellt worden, so Willi Fritzen, sei der Turm-Aufbau erst im Jahre 1969. Auf einem Foto, das der Bensberger Heimatforscher in seinem Archiv hat, ist zu sehen, wie eine Konstruktion aus Metall eingefügt wird. Fast zweieinhalb Jahrzehnte hatte es gedauert, bis die Wunde am Schloss behoben war.
