Dr. Claus Berke (81) war von 1962 bis 1991 Geschäftsführer von Interatom. Ab 1976 war er Sprecher, ab 1982 Vorsitzender der Geschäftsführung. Über die Entwicklung der Kernenergieforschung in Bensberg sprach Guido Wagner mit dem Juristen.
Bereits vor Ihrer Tätigkeit als Geschäftsführer haben Sie sozusagen die Geburt von Interatom als Jurist begleitet. Warum wurde die Internationale Atomreaktorbau GmbH ausgerechnet in Bensberg angesiedelt?
Bis 1955 hatte Deutschland auf dem Gebiet der Kernenergieentwicklung wegen der alliierten Vorgaben gar nicht arbeiten dürfen. Als das dann 1955 erlaubt wurde, setzte die Bundesregierung alles daran, den Vorsprung, den andere Länder auf dem Gebiet hatten, aufzuholen und förderte entsprechende Forschungen. So kam es, dass die Duisburger Demag AG, die vor allem Stahl- und Hüttenwerke baute, zusammen mit dem amerikanischen Partner, der North American Aviation, Ende 1957 Interatom gründete. Die Anforderungen an den endgültigen Standort für Interatom waren: Er sollte nah an Duisburg sein, in der Nähe der Bundeshauptstadt Bonn und bei Jülich, weil dort gerade die Kernforschungsanlage des Landes NRW eingerichtet wurde.
Und bei diesen Standortfaktoren hatte Bensberg die besten Karten?
Naja, der damalige Bensberger Stadtdirektor Wilhelm Wagener hatte zwar keinen Quadratmeter eigenen Boden anzubieten, aber eine Menge Energie und Fantasie - und einen eisernen Willen.
Das Gelände am Bockenberg, auf dem am 29. Juni 1959 der Grundstein für das Interatom-Firmengelände gelegt werden sollte, gehörte damals aber noch dem Land.
Ja, und die Autobahn, die für die schnelle Anbindung an Köln und den Flughafen sorgen sollte, war auch noch nicht gebaut. Aber Wagener schaffte es, uns das Gelände zu vermitteln, und setzte sich auch für eine passende Abfahrt der damals noch in Planung befindlichen A 4 ein. Und weil das alles etwas dauerte, hatte er zudem ein Provisorium für die Übergangszeit parat: das Alte Schloss, aus dem damals gerade das Krankenhaus in einen Neubau ausgezogen war. Im Dezember 1958 sind wir da mit 50 Mitarbeitern eingezogen. Alles war recht behelfsmäßig, ein Gewächshaus beispielsweise wurde zum Konstruktionssaal umfunktioniert.
Da sind Sie ja mit offenen Armen empfangen worden. Gab es damals hier keine Vorbehalte gegen die Atomenergie oder gar Angst vor der neuen Technik?
Stadtdirektor Wagener hatte sich zusichern lassen, dass wir keinen Reaktor da hinstellen - und damit war es auch gut. Keiner von uns hatte damals Probleme, auch die Familien der Mitarbeiter nicht, die dann hier am Ort Wohnungen suchten. Mit Wageners Hilfe war damals sogar noch ein kleines Hochhaus mit 20 Wohnungen In der Auen gebaut worden. Aber auch der Stadtrat mit allen drei damals darin vertretenen Parteien stand voll hinter dem Projekt - alle haben an einem Strang gezogen.
Die Mitarbeiterzahl wuchs rasch?
Ja, beim Umzug in die ersten beiden Gebäude auf dem Bockenberg Mitte 1960 hatten wir schon über 100 Mitarbeiter, Ende der 60er Jahre waren es mehr als 1000 und zu Anfang der 80er Jahre sogar mehr als 2000 Beschäftigte.
Und nicht nur als Arbeitgeber hat Interatom die Region geprägt . . .
Richtig. Ein Beispiel ist etwa die enge Verbindung zum zweiten Gymnasium, das Ende der 60er Jahre in der damaligen Stadt Bensberg gegründet wurde und dessen Schulleiter Dr. Sauerwald eines Tages in meinem Vorzimmer stand. Daraus ist eine enge Freundschaft entstanden: Mitarbeiter von uns haben in der Schule als Aushilfen gelehrt, die Schule hat von uns ausgemusterte Laborgeräte erhalten, wir haben einen engen Kontakt gepflegt und nicht umsonst trägt das Gymnasium den Namen Otto Hahn.
Hieß nicht so auch das Versuchsschiff, für das Interatom den Nuklearantrieb gebaut hatte?
Ja, das war das erste große Bauprojekt unseres jungen Unternehmens. Daneben entstanden eine ganze Reihe von Forschungs- und Versuchsreaktoren in und außerhalb von Deutschland. Fünf von denen laufen auch heute noch. Nach der kompletten Übernahme durch Siemens Anfang der 70er Jahre wurde Interatom innerhalb des Konzerns vor allem für die fortgeschrittenen Kernreaktoren Schneller Brüter und Hochtemperaturreaktor zuständig. Nach den Ölpreis-Schocks Anfang der 70er Jahre hatte die Bundesregierung sehr schnell entschieden, dass Deutschland stärker auf Kernkraftwerke setzen und für deren unabhängige Brennstoffversorgung Schnelle Brüter entwickeln müsse. Weiter sollte die Energieunabhängigkeit durch Veredlung der heimischen Kohlevorkommen in Öl und Gas mit Hilfe von Hochtemperaturreaktoren gesichert werden. Bei beiden Projekten hat Interatom eine wichtige Rolle gespielt.
Die Zukunftsstrategie der Bundesregierung wurde durch die Katastrophe von Tschernobyl jäh beendet?
Nicht erst da. Helmut Schmidt war ein großer Technikfreund. Schon wenige Wochen nach seiner Abwahl jedoch setzte sich in der SPD eine Anti-Technik-Richtung durch. Als dann die Sache in Tschernobyl passierte - ein Unfall übrigens, der in einem westlichen Kernkraftwerk gar nicht möglich wäre - da beschloss die SPD auf einem Sonderparteitag den Atomausstieg nach zehn Jahren. Ein Beschluss, der dann von der rot-grünen Bundesregierung Ende der 90er in ein Gesetz gegossen wurde.
Das Aus für Interatom kam allerdings schon früher.
Ja, sowohl das Projekt des Schnellen Brüters einschließlich des Kraftwerks in Kalkar, das nie nuklear in Betrieb gegangen ist, als auch das des Hochtemperaturreaktors wurden 1990 / 91 eingestellt. Das war eine politische Entscheidung - auch weil nach der Wiedervereinigung das Geld knapp geworden war. Wir hatten zwar mittlerweile die Sonnenenergie-Sparte von Siemens übertragen bekommen und einige neue Standbeine geschaffen, von denen einige noch heute sehr erfolgreich tätig sind, aber von alledem konnte Interatom allein nicht leben. Am 30. September 1994 war Schluss: der Siemens-Standort Bergisch Gladbach wurde geschlossen.
Aber die Spuren von Interatom in der Stadt bleiben . . .
Ja, viele Mitarbeiter treffen sich noch heute. Es gibt sogar noch mehrere Vereine ehemaliger Beschäftigter - und eine weitere Nutzung des ehemaligen Interatomgeländes als Technologiestandort sowie eine Reihe von erfolgreichen Unternehmen, die Interatom einmal gegründet hat - das bleibt von Interatom.