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Neustart aus Container in BornheimEin Bauingenieur am Kochtopf

6 min
Ein aus Nigeria stammender Mann steht in Bornheim-Waldorf am Kochtopf

Kocht für die Studenten-Wohngemeinschaft in Bornheim-Waldorf: Michael Okwor Chinwoke.

2014 erlebte Michael Okwor Chinwoke den russischen Einmarsch auf der Krim und floh nach Kiew, wo er sein Bauingenieursstudium fortsetzte. Doch nun vertrieb ihn der Krieg bis Bornheim. Seine neue Passion fand er am Herd.

Michael Okwor Chinwoke (33) hat einen Traum: „Die internationale aber auch nationale und regionale Küche möchte ich dazu nutzen, die Welt zu verbinden und Liebe und Frieden in jeden Zipfel der Erde zu tragen.“ Schon als Kind habe er mit seiner Mutter am Herd in seiner Heimat Nigeria gestanden und ihr beim Zubereiten der Mahlzeiten geholfen.

Damals ahnte er noch nicht, dass Kochen einmal sein Weg werden sollte. „Ich liebe es einfach, den Menschen mit meinen Kochkünsten eine Freude zu machen“, sagt er mit fester Stimme. Dabei hatte der junge Nigerianer ganz andere Ziele, als er im November 2009 aus seiner Heimat in die Ukraine zog.

Für das Studium auf der Krim Russisch gelernt

„Ich wollte Maschinenbau studieren und Bauingenieur werden“, sagt er. Geld für das Studium schickten ihm seine Eltern. In nur zwei Jahren lernte Michael Okwor Chinwoke die russische Sprache und erwarb so die Sprachzulassung für das so sehr ersehnte Maschinenbaustudium. Und alles lief zunächst auch ganz nach Plan.

Damals lebte er in Sewastopol, der größte Stadt auf der Halbinsel Krim. Nie wird er vergessen, wie 2014 die Russen die Krim annektierten. Ein ungutes Gefühl habe schon länger in der Luft gelegen. „Ich saß abends mit Studienkollegen in einem Restaurant. Im Fernsehen schauten und hörten wir eine Ansprache des russischen Staatschefs Putin.“ Nachdrücklich habe er damals dem ukrainischen Volk versichert, dass nichts passieren werde, dass die Krim ukrainisch bleibe.

Wir dachten wirklich alle, dass jetzt nichts mehr passieren wird.
Michael Okwor Chinwoke

Am nächsten Morgen sei die Stadt voller grün gekleideter russischer Soldaten gewesen. „Auffällig war, dass sie keinerlei Abzeichen auf ihren Uniformen hatten“, berichtet er. Die Krim war besetzt. Banken und Verwaltungen wurden geschlossen. „Meine Eltern konnte mir kein Geld mehr schicken“, erklärt er. Die Universität sei von den Russen beschlagnahmt worden, sie sollte mit dem russischen Universitätskonzept zusammengekoppelt werden.

Erste Flucht nach Kiew

In der Ostukraine herrschte Krieg. „Ich bin dann nach Kiew geflüchtet“, berichtet der junge Nigerianer. Bilder schwer verwundeter Soldaten, die er bei seiner Flucht sah, gruben sich regelrecht in sein Gedächtnis. „Es waren russische und ukrainische Soldaten – aber eben auch Menschen –, die schreckliche zugerichtet waren und furchtbare Schmerzen zu haben schienen“, sagt er.

In Kiew sei damals wegen der vielen Flüchtlinge von der Krim und aus der Ostukraine ein ziemliches Chaos gewesen. „Ich musste sogar mein Laptop verkaufen, weil ich kein Geld mehr hatte“, erzählt er. Doch er sei dankbar und froh gewesen, in Kiew, in Sicherheit und im Frieden zu sein. Bald schon konnte er auch sein Studium fortsetzen. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, fand er Arbeit in einem gehobenen Fischrestaurant.

Als Spüljunge für die Küche entdeckt

„Mein erster Job dort war, das Geschirr abzuwaschen“, lacht er. Wochentags sei er in die Uni gegangen, am Wochenende arbeitete er. „Es war alles gut so wie es war“, erklärt er. Olga, die Eigentümerin des Restaurants habe schnell gemerkt, dass ihr Spüljunge wesentlich mehr konnte. Sie nahm ihn mit in die Küche, wo Michael Okwor Chinwoke nach und nach den Weg zu seiner wahren Berufung fand.

Mit dem Finger auf der Landkarte zeigt Michael Okwor Chinwoke auf seine Heimat Nigeria

Michael Okwor Chinwoke zeigt auf der Landkarte auf seine Heimat Nigeria.

„Wir kochten auch für große Festivals, für die auch andere Restaurants Speisen lieferten“, berichtet er. Die Gerichte, an denen er mitgewirkt habe, seien dabei immer die Besten gewesen und oft sogar besonders gewürdigt worden. Das Kochtalent des jungen Nigerianers sprach sich in der Szene schnell rund. „Ich wurde abgeworben und lernte so in einem vornehmen Restaurant in Kiew die internationale Küche kennen.“ Ganz nebenbei erhielt er 2019 in Kiew sein Diplom als Bauingenieur.

Das nächste Ziel sollte der Masterstudiengang werden. Doch es sollte ganz anders kommen. „Es lag nichts Gutes in der Luft, die Gefahr war richtig spürbar“, erinnert er sich heute an die letzten Wochen im Jahr 2021. Immer häufiger sei auch das Wort Krieg gefallen.

Es schien uns allen total surreal, einfach unmöglich, dass Kiew unter Bombenbeschuss geraten könnte.
Michael Okwor Chinwoke

„Kiew, das war eine so friedliche, schöne, ruhige und wunderbare Stadt“, schwärmt Michael Okwor Chinwoke. Dieser Frieden endete am 24. Februar 2022 um vier Uhr in der Nacht, als seine Mitbewohner wild und laut an seine Zimmertür klopften. „Es ist Krieg – der Krieg ist ausgebrochen“, schrien sie. Im nächsten Augenblick nahm er die schrillen Geräusche der Sirenen wahr.

Augenzeugen der Bombenangriffe

„Wir rannten alle durcheinander, ohne zu wissen, wohin“, berichtet er. Der Vermieter habe sie alle in den Keller geschickt: „Dort blieb ich vier Tage und vier Nächte.“ Alle hätten damals noch gehofft, dass der Krieg schnell vorbei wäre. „Diesen Krieg wollte und brauchte schließlich kein Mensch.“ Seine Wohnung lag außerhalb der Stadt am Flughafen. Von dort sah er später Bomben aus Hubschraubern und Flugzeugen ins Stadtzentrum fallen.

Er hörte die Detonationen und dachte nur: „Das ist nicht wahr, das kann gar nicht wahr sein, das ist ein Film.“ „Michael sieh zu, dass du hier wegkommst – flieh – bring dich in Sicherheit“, riet ihm eine ältere Mieterin des Hauses. Als dann auch noch das Nachbarhaus eines Freundes von einer Bombe zerstört wurde, habe er wieder seinen kleinen Koffer gepackt. „Ich wollte aber die Ukraine nicht verlassen“, sagt er. So floh er zunächst in den Westen des Landes.

Russische Soldaten in den sonst so friedlichen Straßen Kiews waren das letzte, was er sah, bevor er diese Stadt verließ. In Lwiw, zu deutsch Lemberg in der Westukraine, wollte er warten, bis der Krieg vorbei wäre. Doch als auch dort Bomben fielen, Menschen starben und Häuser explodierten, sagte er sich: „Jetzt ist Schluss – ich muss gehen.“

An der Slowakei ist er über die Grenze und von dort mit dem Zug und per Bus nach Deutschland gefahren und zunächst zur Erstaufnahme nach Bochum verwiesen worden. Von dort ging es nach Bad Godesberg und schließlich nach Bornheim. Die Kontrolleure an den Grenzen, aber auch die vielen Menschen, die ihm auf seiner Reise halfen, seien alle sehr freundlich und respektvoll gewesen. Sie hätten ihm Kleidung, Essen und Trinken gegeben.

Container-Platz in Bornheim erhalten

In Bornheim ist ihm ein Zimmer in einem Container zugewiesen worden. „Dort lernte ich Flüchtlingshelferin Isabelle Lütz kennen“, strahlt er und ergänzt: „Sie ist ein funkelnder Diamant für mich und für so viele Menschen, die wie ich dem Krieg davongelaufen sind und Schutz in einem bisher fremden Land suchten und fanden“, betont er. Mit ihrer Hilfe fand er ein Zimmer in einer Studenten-WG in Waldorf.

Ihrem Organisationstalent verdanke er auch, dass er schon bald nach seiner Ankunft eine gute Arbeitsstelle in einem Restaurant in Bornheim bekam. Helfen ist auch für ihn selbstverständlich. Mit perfekten Sprachkenntnissen in Englisch und Russisch hilft er zum Beispiel ebenfalls aus der Ukraine geflüchteten Menschen beim Übersetzen der benötigten Formulare und Anträge.

Zwischendurch bahnt sich Neues an für seine Zukunft. Ab Januar 2023 wird er die internationale Küche in Bornheim verlassen, um in einem großen Kölner Brauhaus auch die rheinische Kochkultur kennenzulernen. „Deutschland, du hast mich so wunderbar aufgenommen“, sagt Michael Okwor Chinwoke. Für diesen Vorschuss an Vertrauen und Hilfsbereitschaft wolle er den Menschen in Deutschland danken und für sie gutes Essen kochen.