Claudia Müller-Bück hat zum Jahrstag der Flutkatastrophe im Landtag gesprochen.
FlutkatastropheClaudia Müller-Bück war vor fünf Jahren als Pfarrerin in Swisttal im Einsatz

Die evangelische Pfarrerin Claudia Müller-Bück.
Copyright: Matthias Kehrein
Als die damalige Swisttaler Pfarrerin Claudia Müller-Bück am 14. Juli 2021 nachmittags das erste Wasser und den ersten Schlamm am Hang wahrnimmt, wählt sie, wie so viele in diesen Minuten und Stunden vor der einbrechenden Katastrophe, den Notruf. Sie befürchtet, dass das Wasser in den Keller der Maria-Magdalena-Kirche laufen könnte, wo im Untergeschoss jede Menge Unterlagen des Gemeindebüros lagerten.
Bedrückender Starkregen den ganzen Tag
Der Notruf war durchgehend besetzt, erinnert sie sich und dann war auf einmal gar kein Ton mehr da. „Das war etwas, was ich mir überhaupt nicht erklären konnte“, sagt sie rückblickend. Sie erreicht eine Freundin, die bei der Feuerwehr war, sich aber im Urlaub befand. „Sie sagte mir, die Kollegen seien alle unterwegs.“ Und dann folgt ein denkwürdiger Satz: „Für Wasser im Keller kommt keine Feuerwehr mehr.“
Spätestens da wird Müller-Bück klar, dass der Starkregen, den sie schon den Tag über als „bedrückend“ empfunden hatte, eine noch ganz andere Dimension erreichen würde. „Ich bin, glaube ich, innerlich in den Katastrophen-Modus gewechselt“, erzählt sie im Gespräch mit der Rundschau.
Die Freundin von der Feuerwehr gibt ihr noch den Tipp, Wasser und Strom bloß nicht miteinander in Berührung kommen zu lassen und besser den Strom abzustellen. Geistesgegenwärtig setzt sie selbst noch eine Meldung mit Foto über die Sozialen Netzwerke ab: „Ich brauch hier Hilfe“.
Und es kommen tatsächlich Gemeindemitglieder und andere Freiwillige, sie bringen Planen und Sandsäcke mit, helfen, wichtige Unterlagen aus dem Untergeschoss nach oben in ihr Büro zu transportieren. Eine Pumpe vor der unteren Eingangstür ist noch angeschlossen – sie wird halten – und die Kirche bleibt weitestgehend von der Flut verschont. Das Gotteshaus liegt in unmittelbarer Nähe zum Dorfkern in Heimerzheim, aber eben etwas erhöht.
Im Dorf unten beginnen die schlimmsten Stunden. Es werden in dieser Nacht und den nächsten Tagen alle an ihre Grenzen gehen, inmitten von Wasser, Schlamm, Tonnen von Schutt und der entsetzlichen Gewissheit, dass es nicht nur Flutbetroffenen sondern auch Todesopfer zu beklagen gibt.
Gerettente blieben im Gedächtnis
Für Müller-Bück als Seelsorgerin ist das noch mal eine ganz andere Herausforderung. Sie erfährt, dass in der Heimerzheimer Turnhalle am Höhenring eine Evakuierungsstation eingerichtet wurde und macht sich auf den Weg dorthin. Ein Team der Notfallseelsorge aus Bonn/Rhein-Sieg ist ebenfalls dort eingetroffen. Eine Gerettete ist ihr rückblickend besonders im Gedächtnis geblieben. Eine Frau, die ursprünglich aus Südamerika kam, war mit dem Auto auf der A 61 in die Fluten geraten. Sie war von der Feuerwehr gerettet worden, völlig erschöpft und wurde mitten in der Nacht in die Unterkunft in Swisttal gebracht. „Sie wusste nicht mal mehr den Entsperrungscode auf ihrem Handy. Wir haben ihr dann geholfen, ihre Kinder zu verständigen.“
Bevor Strom und Handynetz auch in der Notunterkunft wegbrechen, kann die Pfarrerin noch eine Nachricht in ihren Netzwerken teilen: „Wir brauchen Kleidung, Handtücher, Decken.“ Und es kommen immer wieder Menschen, die oberhalb wohnen und bringen, was dringend benötigt wird. Einige, so Müller-Bück, übernehmen die Organisation, sortierten nach Größe und helfen, das Richtige zu finden.
Gegen Morgen trifft eine Familie in durchnässter Kleidung ein, erinnert sie sich weiter. Sie war etwa 100 Meter vom Orbach entfernt durch tiefes Wasser gewatet und geschwommen, um sich in Sicherheit zu bringen, schildert Müller-Bück. Die Familie habe auch einen Freund vermisst und nicht gewusst, ob er noch am Leben ist.
Was die Seelsorgerin im Dorf sieht, erschüttert sie zutiefst: „Ich habe die jungen Helfer vom THW gesehen, die einen Toten bergen mussten und habe mich gefragt: Wie verkraften die das?“ Sie selbst kommt an ihre Grenzen. „Ich merkte, ich war körperlich am Ende. Als Seelsorgerin – als Mensch – erlebte ich einen Moment der völligen Ohnmacht. Ich wusste, dass ich jetzt nach Hause gehen muss.“ Ausruhen, um neue Kraft zu finden.
Große Hilfsbereitschaft in Swisttal
Als das ganze Ausmaß der Zerstörung am nächsten Morgen sichtbar wird, gehört sie zu denen, die schnell wieder mit anpacken, die nach vorne schauen und die tröstlichen Momente zu speichern versuchen. Die unversehrte Kirche wird zu einem Dreh- und Angelpunkt, in der es auch die viel beschriebenen Momente der Mitmenschlichkeit gibt. Da sind die Helfer und Betroffenen, die durch aus dem Schlamm gerettete Fotoalben blättern – und all der Trauer, dem Trauma, dem Leid und den Erinnerungen Raum geben. Da sind die älteren Damen vom Frauenkreis, die dafür sorgen, dass den ganzen Tag die Tische gedeckt sind und der Kaffee nicht ausgeht. Da sind die Jugendlichen, die von dort mit dem Bollerwagen losziehen und Essen und Getränke in abgelegene Straßen bringen.
Auch wenn sie weiß, dass sich viele Swisttaler in den Wochen nach der Flutkatastrophe allein gelassen fühlten und es Todesopfer und Verletzte zu beklagen gibt, hat sie vor allem die überregionale Hilfsbereitschaft beeindruckt. „Die Helfer, die sich aus ganz Deutschland aufgemacht haben, um Keller zu räumen und Schlamm zu schippen, brachten so viel Stärke und auch Fröhlichkeit mit in unseren Ort. Das hat uns allen Mut gemacht.“
