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Ahrtal-FlutEltern setzen Traum ihrer verstorbenen Tochter um

6 min
Johanna Orth mit Mutter Inka

Johanna Orth mit Mutter Inka

Seitdem die Flut ihnen die Tochter genommen hat, kämpfen Inka und Ralph Orth um eine juristische Aufarbeitung des Versagens im Ahrtal.

Der Geruch von Schokolade und Frischgebackenem liegt in der Luft. Von der Decke leuchten illuminierte Schmetterlinge. Im Mittelalter war hier ein Kakaospeicher, später eine Markthalle, jetzt werden an diesem Ort edelste Pralinen serviert. Hinter Glas werden Törtchen ausgerichtet, als ginge es um Millimeter. Wie Kunstwerke werden die raffinierten Gebäcke in Szene gesetzt. An einer Wand blickt eine junge Frau von großformatigen Fotos herab.

Auf einer Bank, direkt gegenüber den Törtchen, sitzt eine lebensgroße Bronzefigur. Es ist Johanna Orth, Konditormeisterin, 22 Jahre alt, gestorben in der Flutnacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 im Ahrtal. 135 Menschen ertranken damals im Tal.

Ihre Eltern, Inka und Ralph Orth, tragen schwarze Konditorjacken, das Logo auf der Brust ist in Gold gestickt: „Pâtisserie Johanna“. Sie haben diesen Ort nach ihrem Kind benannt, und sie haben ihn nicht gebaut, um Trost zu verkaufen. Sie haben ihn gebaut, weil sie sonst nicht wussten, wohin mit dem, was blieb. Weil sie den Traum ihres Kindes, das schon von klein an Konditorin werden wollte, Wirklichkeit werden lassen wollten. „Wir möchten nicht, dass Johanna ausschließlich mit ihrem Tod verbunden wird, sondern vor allem mit ihrer Leidenschaft, ihrer Kreativität, ihrem außergewöhnlichen Talent und ihrer Lebensfreude“, sagt Ralph Orth.

Die Halle in der historischen Speicherstadt des Hamburger Hafens ist auf den ersten Blick wie ein elegantes Feinkostversprechen. Erst beim zweiten Blick versteht man die Dramaturgie. Fotos, Skulpturen, Details, die nicht nur schmücken, sondern erzählen sollen. Ralph Orth sagt, manchmal kämen Menschen herein und fragten, ob sie ihn in den Arm nehmen dürften. Und die Orths sagen dann nicht Nein. Trauer, die öffentlich wird, ist hier kein Betriebsunfall.

Johanna selbst hat diesen Ort nicht mehr erlebt. Sie hatte ihn aber gedacht, geplant, vorbereitet. Ralph Orth erzählt, wie sie mit 13 in der heimischen Küche zu backen begann. Später absolvierte sie die Konditor-Ausbildung in Trier, bestand die Gesellenprüfung mit Bestnote, ging nach Koblenz in den Meisterkurs. Im April 2021 schloss sie die Meisterschule ab, wollte sich anschließend zur Betriebswirtin weiterbilden lassen.

Traum von der eigenen Pâtisserie

Die Zeit während der Corona-Pandemie wollte sie nutzen, um in einem Restaurant der Sterne-Pâtisserie Erfahrungen zu sammeln. Die Zusage für die Stelle hatte sie bereits. Johannas großer Traum war eine eigene Pâtisserie – der Businessplan war bereits geschrieben. Dann kam die Flut. Was machen Eltern, wenn ein Kind nicht nur fehlt, sondern plötzlich, brutal, durch ein Ereignis stirbt, das als Naturkatastrophe begann und als gesellschaftliche Zumutung weiterwirkt? Die Ahrflut ist längst zum Symbol geworden für verwundbare Infrastruktur, späte Warnungen, das Versagen von Zuständigkeiten.

Ralph Orth spricht von „fatalen Versäumnissen“, verschenkten Stunden, um die späteren Opfer zu warnen und zu evakuieren. In der Trauerforschung gibt es den Begriff der „continuing bonds“, der fortbestehenden Bindungen. Nicht loslassen als Scheitern, sondern als Verhältnis, das sich verwandelt.

Die Orths haben dieses Verhältnis in Raum und Routine übersetzt. In Hamburg, weit weg vom Ahrtal, setzen sie Johannas Projekt fort. Nicht, weil das die Lücke schließt. Sondern weil es eine Form ist, nicht zu erstarren. Hamburg, sagt Inka Orth, sei ihre Lieblingsstadt. Ein Ort, an dem das Gehen leichter fällt, weil nicht an jeder Ecke der Schutt der Erinnerung liegt.

Frage nach Verantwortung

Gleichzeitig bleibt da die Frage nach Gerechtigkeit, nach Verantwortung, nach Rechenschaft. Die Orths haben deutlich gemacht, dass sie in der Aufarbeitung nicht lockerlassen wollen. Das ist die zweite Spur der Verarbeitung, neben der süßen. Nicht Versöhnung, sondern Widerstand gegen das Gefühl, dass Johannas Ertrinken im Aktenstaub verschwindet.

„Ihr Tod soll nicht sinnlos gewesen sein“, sagt Ralph Orth. Seine Frau und er haben aus diesem „Warum“ einen juristischen Kampf gemacht, der zäh ist. Nachdem die Staatsanwaltschaft Koblenz Ermittlungen wegen möglicher Versäumnisse im Krisenmanagement geführt hatte, wurden sie im April 2024 eingestellt. Ein Fehlverhalten sei zwar erkennbar, jedoch könne nicht mit der nötigen juristischen Sicherheit nachgewiesen werden, dass rechtzeitige Warnungen das Leben der 135 Opfer im Ahrtal definitiv gerettet hätten.

Ralph und Inka Orth wollten diese Entscheidung nicht hinnehmen. Mit ihrem Anwalt stellten sie einen Klageerzwingungsantrag beim Oberlandesgericht Koblenz, damit sich der Ex-Landrat Jürgen Pföhler und der damalige technische Einsatzleiter des Kreises doch noch vor Gericht verantworten müssen. Hätte das OLG die Erhebung einer öffentlichen Klage beschlossen, wäre dies für die Staatsanwaltschaft bindend gewesen.

Das Gericht wies den 4208 Seiten dicken Antrag jedoch aus formellen Gründen zurück. Es mangele vor allem an einer eigenständigen Sachverhaltsdarstellung. „Insbesondere fehlten im gesamten Antrag Ausführungen zu den seinerzeitigen Abläufen, den Wetterprognosen, den unterschiedlichen Pegelwerten, den Warnmeldungen und Verhaltensempfehlungen sowie den Flutgeschehnissen und ihren Ursachen“, so die Richter.

Handwerk und Gedenken

„Ein 4208 Seiten dicker Antrag, in dem angeblich zu wenig argumentiert wurde?“ Ralph Orth verdreht die Augen und atmet schwer, wenn er über die OLG-Entscheidung spricht. Dass die Verantwortlichen nach solchen Katastrophen straffrei ausgehen, dass Ereignisse wie diese nahezu folgenlos bleiben, sei nicht ungewöhnlich in Deutschland, sagt er: „Leider, wie zum Beispiel die Loveparade-Katastrophe in Duisburg gezeigt hat.“

Dies dürfe nicht unendlich so weitergehen. „Und für ein entsprechendes Urteil würde sich die Ahrtal-Flut perfekt eignen“, glaubt Orth: „Weil sich hier deutlich zeigen ließe, was es bedeutet, wenn Leute ihren Job nicht machen und andere deshalb sterben.“ Gegen die OLG-Ablehnung habe er deshalb eine sogenannte „Anhörungsrüge“ beim Oberlandesgericht eingereicht. Wenn auch die als letzte Möglichkeit in der gerichtlichen Auseinandersetzung abgelehnt wird, will das Ehepaar Orth darüber nachdenken, eine Verfassungsbeschwerde einzureichen.

„Wir ziehen da am gleichen Strang“, sagt Orth. Wohl auch deshalb seien sie noch ein Paar, konnten „ihre Liebe retten“, ergänzt er. Und verweist auf Statistiken, nach denen etwa 80 Prozent der Eltern sich trennen, nachdem sie ein Kind unter tragischen Umständen verloren haben. In der Pâtisserie Johanna ist ihre Tochter noch zu spüren, weil Handwerk mit Gedenken verwoben wird. Es gibt Pralinen, denen ein Rezept zugrunde liegt, das sich die Tochter in ihrer Ausbildung ausgedacht hat. Es gibt das Bemühen, eine bestimmte Rezeptur „wirklich so“ hinzubekommen wie damals.

Noch einmal herstellen, was unwiederbringlich ist. Und beim Versuch wenigstens die Hände beschäftigen. Ihm sei klar, dass es nach der Flut trotzdem nie wieder so sein wird, wie es einmal war, sagt Ralph Orth: „Wir wissen, dass wir unser altes Leben verloren haben.“ Nicht, weil der Schmerz verschwinde, „sondern weil die Liebe bleibt“, könne auch nach einem „unvorstellbaren Schicksalsschlag ein neuer Weg“ entstehen: „Unserer ist die Pâtisserie, mit der wir Johannas Lebenstraum jeden Tag ein Stück weitertragen.“