Auf junge Menschen kommt einiges zu. Wie gehen sie damit um? Ein Besuch an einem Bonner Gymnasium.
„Kiffen gegen Wehrpflicht!“Wie Schüler einer Bonner Schule über die Musterung diskutieren

Soldaten tragen Deutschlandflaggen auf ihrer Uniform. (Symbolfoto)
Copyright: Hannes P. Albert/dpa
Ein Winternachmittag am Aloisiuskolleg in Bonn. Zur Doppelstunde Sozialwissenschaft bei Jens Murmann haben sich zwei Schülerinnen und zwölf Schüler der elften Klasse eingefunden. Auf dem Programm steht eine Debatte zum Thema Wehrdienst – aus aktuellem Anlass: Seit Beginn des neuen Jahres werden alle 18-jährigen Männer und Frauen zu Eignung und Motivation für einen Dienst in der Bundeswehr befragt.
Junge Männer müssen darauf verpflichtend antworten. Für männliche Heranwachsende des Jahrgangs 2008 und jünger wird ab Mitte 2027 die Musterung wieder eingeführt.
Schüler interessiert: „Wie man um die Musterung herumkommt“
Exakt davon werden die 16- und 17-Jährigen betroffen sein, die soeben im Klassenzimmer Platz genommen haben. Was sie denn bislang zu dem Thema gehört hätten, will Lehrer Murmann wissen. „Wie man um die Musterung herumkommt“, sagt Fritz mit einem Grinsen im Gesicht.
Alles zum Thema Bad Godesberg
- „Umfangreiche Änderungen“ Bahn-Ausfälle auf Pendler-Strecke zwischen Bonn und Köln
- „Kiffen gegen Wehrpflicht!“ Wie Schüler einer Bonner Schule über die Musterung diskutieren
- Kulturabo Die Theatergruppe Kall, Mechernich, Euskirchen fährt zu Bonner Spielstätten
- Magie und musikalische Lesung Bornheimer Kulturforum stellt das Jahresprogramm für 2026 vor
- Joschka Fischer über Adenauer Europäisierung war „riesige historische Leistung“
- Meistgelesen 2025 Klaus Kleintjes verbrachte seinen letzten Sommer im Hospiz in Lohmar
- Aus nach 50 Jahren Meckenheimer Verein für Nachbarschaftshilfe „Kaleidoskop“ löst sich auf
In den Sozialen Medien kursierten eine ganze Reihe an Vorschlägen. Zum Beispiel: beim Einwohnermeldeamt abmelden und ankündigen, ins benachbarte Ausland auswandern zu wollen. Da flöge man dann unter dem Radar der deutschen Behörden. Anderer Ansatz: regelmäßiger Cannabis-Konsum. „Kiffen gegen die Wehrpflicht!“, ruft einer dazwischen. Heiterkeit macht sich für einen Moment breit.
„Keinerlei Berührungspunkte mit der Bundeswehr“
Doch was dann folgt, ist eine Debatte, die nachdenklich stimmt. Und die einiges verrät über das Befinden der Jüngeren, die sich wenig Illusionen darüber machen, was ein Wehrdienst oder eine Wehrpflicht konkret bedeutet. Die Vorstellung, im Ernstfall eingezogen zu werden, mache Angst, sagt Maria. „Man wird einfach aus seinem gewohnten Leben gerissen – und wird vielleicht sterben.“
Zugleich liegt das alles maximal weit weg, wie ihre Sitznachbarin sagt, die ebenfalls Maria heißt: „Ich habe bisher keinerlei Berührungspunkte mit der Bundeswehr gehabt. Jetzt muss sich plötzlich jeder, der 18 wird, damit auseinandersetzen.“
Wenige Tage zuvor hat der Bundestag die neuen Regelungen zum Wehrdienst verabschiedet. Tagelang bestimmte das Thema die Schlagzeilen. Bei den Wortmeldungen im Herrn Murmanns Sowi-Kurs wird allerdings deutlich: Über die klassischen Medien wird kaum ein Politiker junge Menschen erreichen. Zeitungen, Radio, sogar Fernsehen? Kein Anschluss unter dieser Nummer.
Bonner Gymnasiasten sind gegen eine Bedarfswehrpflicht
Stattdessen konnte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) mit einem Statement auf Instagram punkten. Botschaft: „Weder die Demokratie noch der Staat können sich selber verteidigen. Das müssen Menschen tun.“ Dafür gibt es über 100.000 Likes. Deutlich weniger gefällt den Gymnasiasten, was die Politik plant, sollten sich auf freiwilliger Basis nicht genügend Rekruten für die Bundeswehr finden.
Dann könnte eine Bedarfswehrpflicht kommen. Dafür müsste der Bundestag zunächst ein weiteres Gesetz beschließen. Und falls über diese Bedarfswehrpflicht zu viele Männer potenziell infrage kämen, brachten Vertreter von SPD und Union bereits die Möglichkeit eines Losverfahrens ins Gespräch. „Maximal unfair“, findet das Victor. Wenn das Ziel eine gut aufgestellte Bundeswehr sei, dann wäre die zufällige Auswahl von Rekruten ohnehin kontraproduktiv.
Wehrdienst wird als „sehr krasse Erfahrung“ empfunden
A propos Gerechtigkeit. Fühlen sich die Jugendlichen benachteiligt gegenüber den Älteren? „Das Gesamtbild funktioniert nicht“, meint Fritz. Corona, die Folgen des Ukraine-Krieges – „das alles geht nicht spurlos an uns vorbei“, gibt er zu bedenken. „Wir haben uns schon sehr stark für die Gesellschaft eingeschränkt. Das einzige, was wir im Gegenzug dürfen, ist für unser Land zu sterben.“ Victor sieht das anders. Er verweist auf die aktuelle politische Lage: „Es geht nicht darum, was die Jugendlichen wollen, sondern was gebraucht wird.“ Die Umstände erforderten einen Kurswandel. „Es ist halt Pech, dass es unseren Jahrgang erwischt.“
Kann sich denn jemand im Raum vorstellen, einen Wehrdienst zu leisten? Stille. Gavin berichtet, dass er sich mit seinem Vater über dessen Zeit beim Militär unterhalten habe. Ob diese „sehr krasse Erfahrung“ auch etwas für ihn sei, wisse er noch nicht. So oder so sehe er sich nicht in der Lage, nach einer Grundausbildung in einen Krieg zu ziehen. „Aber man lernt möglicherweise etwas fürs Leben.“
Einigkeit herrscht unter den Schülern, dass die Bundeswehr den Dienst attraktiver machen und besser darüber informieren müsse. Schulbesuche von Bundeswehrsoldaten helfen da nicht wirklich weiter, findet John. „Vieles ist eher für die Leute, die ohnehin schon Bescheid wissen.“ Die immer wieder zu hörende Kritik, dass es sich dabei um Werbeveranstaltungen handle, die Minderjährige zum Dienst an der Waffe verführten, finden die Schüler allerdings verlogen. „Wir können einschätzen, was man uns da erzählt.“
Schüler über Bundeswehr auf TikTok: „Da sind Tötungsmaschinen zu sehen“
Weitaus problematischer finden sie dagegen manche Auftritte der Bundeswehr auf TikTok oder Instagram. Panzer pflügen durch die Landschaft, Düsenjets donnern durch die Luft, garniert mit markigen Sprüchen. „Da sind Tötungsmaschinen zu sehen und Zwölfjährige schauen sich das an“, sagt David. Die kurzen Videos vermittelten ein völlig falsches Bild, ergänzt Moritz. „Ist eher was für Leute, die einen Waffenfetisch haben“, kommentiert Fritz, der rasch ein besonders fragwürdiges Beispiel auf Instagram heraussucht. In solchen Fällen geht der Schuss wohl nach hinten los.
Längst sind die ersten 45 Minuten der Doppelstunde bei Herrn Murmann um. „Fünf Minuten Pause“, lautet die Parole, bevor es mit anderen Themen weitergeht. Lektion eins: In Sachen Wehrpflicht herrscht offenbar noch jede Menge Redebedarf. Lektion zwei: der öffentliche Raum, in dem solche Debatten stattfinden, wird vielfältiger - und unübersichtlicher. Von Tiktok bis zur TV-Talkshow von Caren Miosga und Co ist der Weg denkbar weit. Auch eine Form der Zeitenwende, auf die Politik und Gesellschaft reagieren müssen. (KNA)

