Im Berufsbildungszentrum in Euenheim gibt es ein kostenfreies Ferienangebot für Jugendliche, die sich mit Handwerksberufen, aber auch Social Media beschäftigen wollen.
Zukunftswerkstatt und FerienprogrammBZE in Euenheim prägt MINT-Netzwerk in Europa

Technik und Handwerk arbeiten längst Hand in Hand. Das BZE will in diesem Bereich europaweit eine Vorreiterrolle übernehmen.
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Wie begeistert man Jugendliche für Technik, Handwerk und Naturwissenschaften? Mit dieser Frage beschäftigen sich derzeit Bildungseinrichtungen aus sechs europäischen Ländern. Mitten drin: das Berufsbildungszentrum Euskirchen (BZE).
Als Partner des europäischen Netzwerks CoVE STEM Europe entwickelt das BZE gemeinsam mit Einrichtungen aus Deutschland, den Niederlanden, Schweden, Italien, dem Kosovo und der Türkei neue Konzepte, um mehr junge Menschen für MINT-Berufe – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – zu gewinnen und so langfristig dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.
Wir sind angesprochen worden, weil wir mittlerweile relativ viel im Bereich MINT machen.
Das über das EU-Programm Erasmus+ geförderte Projekt läuft bis Ende 2028. Ziel ist, innovative Bildungsansätze zu entwickeln, Unternehmen und Bildungseinrichtungen stärker miteinander zu vernetzen und den europäischen Erfahrungsaustausch auszubauen. Gleichzeitig sollen in den beteiligten Ländern sogenannte Centers of Vocational Excellence (CoVE) entstehen – regionale Netzwerke, in denen Schulen, Betriebe, Hochschulen und weitere Partner gemeinsam an einer modernen beruflichen Bildung arbeiten.
„Wir sind angesprochen worden, weil wir mittlerweile relativ viel im Bereich MINT machen“, sagt BZE-Geschäftsführer Jochen Kupp. Das Berufsbildungszentrum sei nicht auf das Projekt zugegangen, sondern aufgrund seiner langjährigen Arbeit in der Berufsorientierung ausgewählt worden. Gemeinsam mit dem Verein „Arndt live“ aus Aachen organisiert das BZE seit Jahren Projekte, bei denen insbesondere Förderschüler verschiedene Handwerksberufe kennenlernen. Diese Erfahrungen bringt das Euskirchener Bildungszentrum nun in das europäische Netzwerk ein.
Nach eineinhalb Jahren in der praktischen Phase
Nach rund eineinhalb Jahren befindet sich das Projekt inzwischen in der praktischen Phase. Während es zunächst vor allem um den internationalen Austausch ging, werden nun konkrete Konzepte entwickelt und erprobt. Zweimal im Jahr treffen sich alle Projektpartner. Stationen waren bislang unter anderem Istanbul, Den Haag und der Kosovo. Demnächst folgen weitere Treffen, etwa in Italien und Schweden.
Ein Schwerpunkt liegt auf Jugendlichen, die bislang nur schwer Zugang zu Ausbildung und Beruf finden. Dazu gehören junge Menschen mit Behinderungen, Förderbedarf oder Migrationsgeschichte ebenso wie Jugendliche, die noch Orientierung bei der Berufswahl suchen. Das Projekt setzt dabei bewusst auf praktische Erfahrungen, individuelle Förderung und niedrigschwellige Angebote.
Die Möglichkeit, über den Tellerrand hinauszuschauen
Für das BZE bietet das Netzwerk auch die Möglichkeit, über den Tellerrand hinauszuschauen. Deutschland bringt vor allem seine Erfahrungen mit dem dualen Ausbildungssystem ein, das in vielen europäischen Ländern als Vorbild gilt. Gleichzeitig fließen Erkenntnisse aus den Partnerländern nach Euskirchen.
So berichteten Wissenschaftler beispielsweise über Untersuchungen, wonach viele Mädchen bereits im Alter zwischen zwölf und vierzehn Jahren das Interesse an MINT-Berufen verlieren. Künftig sollen daraus neue Ansätze entwickelt werden, um insbesondere Mädchen stärker für technische Berufe zu begeistern.
Parallel baut das BZE im Kreis Euskirchen ein eigenes regionales Netzwerk auf. Unternehmen, Handwerksbetriebe, Schulen, Hochschulen, Kommunen und Kammern sollen sich künftig mit Workshops, Betriebsbesichtigungen, Praktika oder gemeinsamen Projekten beteiligen. „Wir können unsere Erfahrungen aus der Berufsorientierung und der Ausbildungsvorbereitung einbringen und gleichzeitig von den Ideen unserer europäischen Partner profitieren“, erläutert Projektkoordinatorin Nicole Eis . Davon profitierten letztlich auch die Unternehmen der Region, die dringend Nachwuchskräfte suchten.
Mi(N)T-Mach-Woche im BZE in den Sommerferien
Wie die Ideen des europäischen Projekts des Berufsbildungszentrums in Euenheim ganz praktisch aussehen können, zeigt die MI(N)Tmach-Woche, die vom 20. bis 24. Juli im Berufsbildungszentrum Euskirchen stattfindet. Sie gilt als eines der ersten konkreten Praxisprojekte von CoVE STEM Europe und richtet sich an Schülerinnen und Schüler ab der siebten Klasse.
An fünf Tagen können die Jugendlichen täglich von 8.30 bis 15.30 Uhr verschiedene Berufe ausprobieren. Statt Frontalunterricht warten sogenannte Challenges auf die Teilnehmer. Angeboten werden Stationen aus den Bereichen Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Malerhandwerk, Metallbearbeitung, Holzverarbeitung, Elektrotechnik, Friseurhandwerk, Lager und Handel, Marketing sowie Imkerei. Hinzu kommen Betriebsprojekte mit Unternehmen aus der Region.
Bustour zu den Betrieben im Kreis Euskirchen
Ergänzt wird das Programm durch eine Bustour zu Betrieben, ein Bewerbungscoaching mit Tipps für Vorstellungsgespräche sowie durch ein gemeinsames Grillfest mit Eltern, Betrieben und den Jugendlichen zum Abschluss der Woche.
Besonders wichtig ist den Organisatoren, dass sich niemand von Anfang an auf einen Beruf festlegen muss. Zwar werden bei der Anmeldung Interessen abgefragt, während der Woche können die Teilnehmer aber jederzeit zwischen den einzelnen Angeboten wechseln und unterschiedliche Berufe kennenlernen.
Es kostet kein Geld, die Jugendlichen werden verpflegt und können ganz ungezwungen Berufe kennenlernen.
„Es kostet kein Geld, die Jugendlichen werden verpflegt und können ganz ungezwungen Berufe kennenlernen“, wirbt Jochen Kupp für das Angebot. Aus früheren Ferienprojekten wisse man, welchen Effekt solche Erfahrungen haben könnten: „Viele Kinder entdecken hier zum ersten Mal ihre Talente. Vielleicht merkt jemand nach zwei Tagen in der Metallwerkstatt oder bei den Elektrikern: Das könnte genau mein Beruf sein.“ Oft seien es anschließend sogar die Eltern gewesen, die ihre Sicht auf das Handwerk geändert hätten.
„Es ist eine Chance für die persönliche Entwicklung“, sagt Kupp. Gerade angesichts hoher Studienabbruchquoten sei es wichtig, Jugendlichen früh unterschiedliche Berufswege aufzuzeigen und ihnen praktische Erfahrungen zu ermöglichen. Die Teilnahme an der MI(N)Tmach-Woche ist nach Angaben des BZE kostenlos. Für Verpflegung ist gesorgt. Das Angebot richtet sich an alle Schülerinnen und Schüler ab Klasse sieben – unabhängig von der besuchten Schulform oder dem Wohnort. Bei Bedarf unterstützen die Organisatoren sogar bei der An- und Abreise
Zukunftswerkstatt nimmt weiter Formen an
Parallel zum europäischen Projekt laufen die Planungen für den Neubau des Berufsbildungszentrums, der sogenannten Zukunftswerkstatt, weiter. Der zweite Förderantrag wurde laut BZE-Chef Jochen Kupp inzwischen eingereicht.
Entstehen soll im Bereich der Katzenhecke, gegenüber der Bundeswehr, eines der modernsten Bildungszentren Nordrhein-Westfalens. Vorgesehen sind ein nachhaltiger Holzbau, moderne Lernlandschaften sowie ein innovatives Energiekonzept mit einem unterirdischen Eisspeicher, der das Gebäude im Winter beheizt und im Sommer klimafreundlich kühlt.
Projekt wird durch den Strukturwandel gefördert
Gefördert wird das gut 60-Millionen-Euro-Projekt über den Strukturwandel. Mit dem Baubeginn rechnen die Verantwortlichen nach aktuellem Stand für Mitte kommenden Jahres. Das Projekt soll zahlreiche weitere Ideen hervorbringen – mit dem Ziel, Jugendlichen neue Perspektiven zu eröffnen und den Fachkräftenachwuchs im Kreis Euskirchen langfristig zu sichern.
Der Neubau setzt auch architektonisch neue Akzente. Die Planer haben sich für eine sogenannte Drei-Finger-Lösung entschieden. Dadurch werden lärmintensive Werkstätten räumlich von ruhigeren Unterrichts- und Bürobereichen getrennt.
Die Entwürfe für das neue Thomas-Eßer-Berufskolleg (TEP) sehen höhere Gebäude als die des BZE vor. Auch deshalb wurde der ursprüngliche Entwurf überarbeitet. Statt eines Flachdachs sind nun Pultdächer vorgesehen, die sich harmonischer in die Topografie einfügen. Zwischen den Gebäudeteilen entsteht ein gemeinsamer Campus mit hoher Aufenthaltsqualität. Eine zentrale Magistrale, begrünte Freiflächen, Sitztreppen und Außenbereiche zum Lernen und Verweilen sollen den Austausch fördern. Gleichzeitig werden die Verkehrsflächen neu geordnet: Geplant sind eine Ampelkreuzung, der Ausbau der Straße sowie ein neuer Radweg.
Unterirdischer Eisspeicher soll heizen und kühlen
Das gesamte Bildungszentrum soll in nachhaltiger Holzbauweise errichtet werden. Auch das Energiekonzept ist innovativ. Herzstück wird ein rund 500 Kubikmeter großer unterirdischer Eisspeicher sein. Über das System wird dem Wasser Energie entzogen, sodass das Gebäude im Winter beheizt und im Sommer klimafreundlich gekühlt werden kann. Zwar sind die Investitionskosten höher als bei herkömmlichen Heizsystemen, nach Angaben des BZE soll sich die Anlage jedoch innerhalb von rund zehn Jahren amortisieren.
Möglich wird dies auch durch eine Förderquote von 90 Prozent. Die Energiezentrale wird zudem laut BZE-Chef Jochen Kupp verglast und als Lernort gestaltet, sodass Besucher und Schulklassen die Technik unmittelbar erleben können. Im Inneren setzt das Berufsbildungszentrum auf ein modernes Raumkonzept. Flexible Büro- und Arbeitsbereiche, Besprechungsräume und Aufenthaltszonen sollen die Zusammenarbeit fördern.

