Schülerinnen und Schüler im Kreis Euskirchen berichten über bedrückende Erfahrungen im Netz. Würde ein Social-Media-Verbot helfen?
Social MediaHass, Mobbing, Gewalt – was Kinder im Kreis Euskirchen im Internet erleben

Wäre ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche sinnvoll? Die Schüler im Kreis Euskirchen sehen das zwiegespalten.
Copyright: Tom Steinicke
Sollten Kinder und Jugendliche soziale Medien nutzen dürfen? Oder braucht es ein Verbot, um sie zu schützen? Zwischen Eltern, die sich sorgen, Expertinnen, die auf Aufklärung setzen, und Jugendlichen, die digital aufwachsen, entsteht ein Bild, das zeigt: Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen – auch im Kreis Euskirchen.
Melanie Houf beschäftigt sich schon lange mit dem Thema. Die Social-Media-Beraterin begleitet Eltern, Schulen und kleine Unternehmen, sich sicher und verantwortungsvoll im Netz zu bewegen. Für sie ist ein Verbot keine Lösung. „Verbote haben uns noch nie weitergebracht“, sagt sie: „Nur weil man Kindern etwas verbietet, lernen sie noch lange nicht, richtig damit umzugehen.“ Sie erinnert daran, dass es längst rechtliche Grenzen gibt – die Datenschutzgrundverordnung legt fest, dass Kinder unter 13 Jahren keine sozialen Medien nutzen dürfen, zwischen 13 und 16 Jahren nur mit Zustimmung der Eltern. Jedoch, so Houf: „Das ist eine Regel ohne Konsequenzen. Wer sie missachtet, muss nichts befürchten.“
Viele Eltern wissen gar nicht, welchen Gefahren ihre Kinder ausgesetzt sind.
Statt neuer Gesetze brauche es Bildung und Konsequenz. „Kinder lernen, wie man Fahrrad fährt, wie man sich im Straßenverkehr verhält oder wie man schwimmt. Nur beim Smartphone lässt man sie einfach machen.“ Für Houf ist das der entscheidende Punkt: „Wir müssen Kinder begleiten, nicht kontrollieren.“
Eltern sind oft hin- und hergerissen zwischen Schutz und Vertrauen. Hanna Bender, vierfache Mutter aus dem Kreis Euskirchen, weiß, wie schwierig das ist: „Ich sehe jeden Tag, wie herausfordernd das ist – für Eltern wie für Kinder.“ Jede neue App bringt neue Diskussionen: Wer darf was, wie lange, mit wem? „Kinder fühlen sich kontrolliert, wenn die Eltern reinschauen. Und gleichzeitig entsteht enormer sozialer Druck, weil andere dürfen, was sie selbst nicht dürfen.“
Viele Familien nutzen Kontroll-Apps, die man aber leicht umgehen kann
Bender befürwortet ein Social-Media-Verbot für Kinder bis zu einem gewissen Alter. Nicht aus Prinzip, sondern aus Sorge: „Viele Eltern wissen gar nicht, welchen Gefahren ihre Kinder ausgesetzt sind.“ Früher habe man TikTok oder Snapchat für harmlose Spaß-Apps gehalten, heute wisse man es besser: „Kinder werden dort mit Hass, Mobbing oder sexualisierten Inhalten konfrontiert – und oft sind sie allein damit.“
Zwar nutzen viele Familien inzwischen Kontroll-Apps, um Bildschirmzeiten zu begrenzen oder Downloads zu überwachen. Doch diese Schutzmaßnahmen lassen sich leicht umgehen. „Es gibt Eltern, die tragen für ihre Kinder bewusst ein höheres Alter ein, damit die App funktioniert“, sagt Bender kopfschüttelnd: „Dann greifen auch die besten Schutzsysteme nicht mehr.“
An der Gesamtschule Eifel diskutieren Kinder und Lehrkräfte über Social Media
Ein gesetzliches Verbot könne zumindest ein Bewusstsein schaffen. Jedoch: „Natürlich wird es immer Kinder geben, die Wege finden, das zu umgehen. Aber wenn auch nur ein Teil dadurch besser geschützt wird, ist schon viel gewonnen.“ Sie erzählt von einem Vortrag der Kriminalpolizei, den sie besucht hat: „Da saßen Eltern, die völlig fassungslos waren, als sie erfuhren, dass sie haften, wenn ihr zehnjähriges Kind über WhatsApp rechtsextreme Sticker verschickt. Viele wussten nicht, dass sie doppelt verantwortlich sind, weil das Kind minderjährig ist und weil die App gar nicht für dieses Alter erlaubt ist.“
Wie gefährlich Social Media sein kann, wissen viele Jugendliche. An der Gesamtschule Eifel diskutieren Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte regelmäßig über das Thema. Schnell wird auch dort klar: Niemand will Social Media ganz verbieten, aber alle wissen, wie viel Macht die Plattformen haben.
Ich könnte nicht ohne Handy leben, aber ich versuche, bewusster damit umzugehen.
„Ich könnte nicht ohne Handy leben“, sagt Sarah (17): „Aber ich versuche, bewusster damit umzugehen.“ Sie nutzt Apps, die ihre Bildschirmzeit begrenzen. „Nach fünf Minuten YouTube bekomme ich einen Hinweis: Pause machen. Das hilft wirklich“, sagt die Schülerin, die mit zwölf Jahren ihr erstes Handy hatte. Schulleiterin Eva Balduin berichtet von einem Experiment an ihrer Schule: Zwei Wochen lang mussten alle Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 7 ihre Handys morgens in Taschen legen: „Am Anfang gab es Proteste. Aber am Ende sagten viele, sie seien entspannter gewesen. Kein ständiger Blick aufs Display, keine Angst, etwas zu verpassen.“
Für viele Jugendliche sind Soziale Netzwerke mehr als Unterhaltung – sie sind Bühne, Treffpunkt, Identität. „Meine Lieblings-App ist TikTok“, sagt die 18 Jahre alte Gesamtschülerin Silja: „Aber manchmal merke ich, dass es mich stresst. Immer alles perfekt, immer lachen, immer besser aussehen.“ Mitschülerin Sarah erzählt, wie sie früher viele Selfies mit Filtern gemacht hat. „Irgendwann dachte ich, ich sehe ohne Filter komisch aus. Das hat mein Selbstbild total verändert. Diese Filter machen die Nase kleiner, die Haut glatter – und man gewöhnt sich daran. Das ist gefährlich, vor allem für Jüngere.“
Schulleiterin Eva Balduin fordert, Kinder stark zu machen
Einigkeit herrscht, wann Social Media am gefährlichsten ist: zwischen 12 und 14 Jahren. „Da hat man schon ein Handy, aber kein Gefühl für Grenzen“, sagt Aaron (18). Seine Mitschülerinnen berichten, in dieser Zeit ungewollt sexualisierte oder gewalttätige Inhalte geschickt bekommen zu haben. Emily erinnert sich: „Ich fand das eklig und hab’s gelöscht. Aber viele wissen gar nicht, wie sie reagieren sollen.“ Silja sagt: „Das ist doch normal, dass man solche Bilder bekommt.“ Und fügt hinzu: „Normal natürlich nicht, es ist aber dennoch die Regel. Vor allem über Snapchat.“
Für Schulleiterin Balduin steht fest: „Wir können Kinder nicht abschirmen – aber wir können sie stark machen.“ Das gilt auch für die Clara-Fey-Schule in Schleiden. Dort gibt es Medien-Scouts. Rund 20 Schülerinnen und Schüler der Klassen 9 bis 11 sind ausgebildet, um ihre Mitschüler beim sicheren Umgang mit dem Internet zu unterstützen.
Eine von ihnen ist die 17-jährige Maja. Sie bekam ihr erstes Smartphone mit elf – und war damit überfordert: „Ich war viel zu jung. Ich habe Dinge gesehen, die ich gar nicht hätte sehen sollen.“ Heute ist sie gerne Medien-Scout: „Ich kann anderen helfen, denselben Fehler nicht zu machen.“ Ihre Mitschülerin Anna-Lena nutzt Social Media, aber bewusst: „Ich limitiere TikTok auf eine Stunde am Tag. Das hilft mir, mich nicht zu verlieren.“ Beide wünschen sich, dass Medienkompetenz fest in den Unterricht gehört.
An der Clara-Fey-Schule Schleiden gelten strikte Regeln für den Handy-Gebrauch
In den unteren Klassen gilt an der Schule: Das Handy bleibt in der Tasche. „Wer sich nicht daran hält, muss das Gerät im Sekretariat abgeben“, sagt Bettina Berres, Digitalisierungsbeauftragte der Schleidener Schule. Es gehe nicht ums Bestrafen: „Wenn Kinder merken, dass sie das Handy nicht brauchen, um dazuzugehören, stärkt das ihr Selbstbewusstsein.“ Erfahrungen haben die Schulen im Kreis auch mit TikTok-Challenges – Mutproben, die auf der Plattform hochgeladen werden. An der Euskirchener Gesamtschule führte eine solche Challenge 2023 zu einem größeren Rettungsdiensteinsatz, weil Schüler extrem scharfe Chips gegessen hatten.
Neue Technologien sind Teil des Unterrichts, ChatGPT etwa. „Viele nutzen es, um sich Texte zusammenfassen zu lassen“, sagt Maya. Lehrerin Berres sieht das mit gemischten Gefühlen: „Ich erkenne sofort, wenn ein Text von ChatGPT stammt – zu perfekt, zu glatt. KI kann helfen, aber wer alles automatisiert, verlernt das Denken.“ Sie sieht in der Entwicklung jedoch auch eine Chance: „Wenn wir Kindern beibringen, wie KI funktioniert, können sie sie kritisch nutzen. Das ist die neue Form von Medienkompetenz.“
Diese Apps sind so gebaut, dass sie süchtig machen.
Balduin wünscht sich ein Fach, das sich ausschließlich mit digitalen Themen befasst. Medienkompetenz soll dabei nicht nur in den technischen Aspekten vermittelt werden, sondern auch eine gesellschaftliche Einordnung bieten: „Kinder müssen verstehen, was hinter den Bildschirmen passiert: Algorithmen, Datenschutz, Manipulation, Suchtmechanismen.“ Auch Eltern sieht sie in der Pflicht: „Viele sind schlicht überfordert. Ein einmaliger Infoabend bringt nichts. Wir brauchen Elternkurse, die begleiten und aufklären.“
Bei aller Diskussion um Eltern und Kinder gerät ein Punkt oft in den Hintergrund: die Verantwortung der Konzerne. „Diese Apps sind so gebaut, dass sie süchtig machen – mit Farben, Sounds und endlosen Feeds“, so Gesamtschülerin Emily: „Wenn man Social Media sicherer für Kinder macht, wird es automatisch auch für Erwachsene gesünder.“ Auch Expertin Houf fordert klare Regeln für Anbieter: „Biometrische Altersnachweise wie bei Roblox sind datenschutzrechtlich bedenklich. Wir brauchen Lösungen, die Sicherheit schaffen, ohne Daten zu missbrauchen.“
Die Caritas-Suchthilfe setzt auf Aufklärung in Schulen
Bei der Caritas gibt es eine U21-Sprechstunde bei der Suchtberatung. Mitarbeiterin Gianna Winkel erinnert sich an einen Zwölfjährigen, der unfassbar kreativ wurde, um zocken zu können – auch heimlich. Um solchen Fälle entgegenzuwirken, setzt die Suchtprävention auf Aufklärung in Schulen. Bereits in der fünften Klasse spricht die Fachstelle mit Schülerinnen und Schülern über Mediennutzung, Social Media und mögliche Risiken.
In den Gruppenangeboten der Suchthilfe gelten klare Regeln: Während der Treffen bleiben die Handys meist ausgeschaltet. „Wenn ich in der Gruppe bin, gehört meine Zeit den Kindern und Jugendlichen“, sagt Winkel. Auch sie verzichte in dieser Zeit bewusst auf ihr Smartphone. Das ermögliche ein anderes Miteinander. Ganz einfach sei das allerdings nicht. „Manchmal müssen wir ein bisschen verhandeln“, berichtet sie.
Wenn sich alles nur noch um Smartphone, Social Media oder Gaming drehe, könne das ein Warnsignal sein. In der Beratung gehe es nicht nur darum, Medienkonsum zu begrenzen. Vielmehr versuche man, vorhandene Ressourcen wieder zu stärken – etwa, sich wieder mit Freunden zu treffen. „Digitale Medien gehören heute zum Leben junger Menschen dazu“, so Winkel. Entscheidend sei, einen gesunden Umgang damit zu lernen.
Kinder, die etwas nicht dürfen, finden Wege, es trotzdem zu tun –unbegleitet, ohne Schutz. Daher fordern Houf, Balduin und die Jugendlichen: Aufklärung, Begleitung und Bildung. „Kinder müssen verstehen, was sie da tun – und warum“, sagt Houf. Mutter Hanna Bender ergänzt: „Wir dürfen sie nicht allein lassen. Medienkompetenz entsteht nicht durch Überforderung, sondern durch Begleitung.“ Oder wie Schülerin Maya sagt: „Man kann Social Media nicht abschalten. Aber man kann lernen, damit umzugehen.“

