Viele Soldaten, die im Camp Vogelsang stationiert waren, verließen die Eifel mit einem weinenden Auge. Und einige sind dem alten Standort bis heute treu geblieben.
20 Jahre ziviles VogelsangNicht alle waren froh, als die Truppen abzogen

Mehr als 40 Schießstände gab es auf dem Truppenübungsplatz Vogelsang – mit der entsprechenden Geräuschkulisse.
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Jean-Marie Malaise ist seinem alten Arbeitsplatz treu geblieben. Der Offizier, der ab 1990 auf dem Truppenübungsplatz Vogelsang MTO war, also Leiter der Kfz-Staffel, führt heute Besuchergruppen durch die ehemalige NS-Anlage, die die Nazis in den 1930er-Jahren auf der Höhe über dem Urftsee errichtet haben. Er tut es aus Überzeugung: „Wir tragen die Verantwortung, dass so etwas wie unter den Nationalsozialisten nicht wieder passiert.“

Beim Tag der offenen Tür konnten die Besucher die Panzer nicht nur aus der Nähe anschauen, sondern sogar hinaufklettern. Berührungsängste existierten kaum.
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Als er nach Vogelsang versetzt worden sei, habe er nichts über die Historie des Standortes gewusst, erzählt der Belgier. Deutschland war Nato-Partner, die Geschichte Vergangenheit. Der Fachoffizier, der eigentlich von der Luftwaffe kam, war dann nicht nur für den Fuhrpark zuständig, sondern auch für die elektrischen Zielscheiben und für Pionierarbeiten im Gelände.
Auch einen Lehrgang in ökologischem Management absolvierte er, bevor er, mittlerweile im Rang eines Capitaine Commandant, ein Jahr vor Schließung des Übungsplatzes zur Nato nach Heidelberg versetzt wurde.
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Dioe meisten Soldaten waren Vogelsang sehr verbunden
Er habe die Eifel verlassen wie die meisten belgischen Soldaten: „Mit einem weinenden Auge. Die meisten waren Vogelsang sehr verbunden.“ Das sei in der Anfangszeit nicht so gewesen. Viele Soldaten der ersten Besatzung seien nicht deutsch-affin gewesen. Das habe sich erst geändert, als Victor Neels (siehe: „Das passende Denkmal für einen Brückenbauer“) das Kommando übernommen habe: „Bis dahin suchte man nicht wirklich Kontakt.“

Die Seniorennachmittage im Camp Vogelsang waren beliebt. Oft traten dort die Drums & Pipes aus Dreiborn auf.
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Jean-Marie Malaise steht vor seinem ehemaligen Arbeitsplatz. Im Camp Vogelsamg war er Leiter der Fahrzeug-Staffel, jetzt führt er Besuchergruppen über die Anlage.
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Jean-Marie Malaise erinnert sich gern an die Tage der offenen Tür, die alle zwei Jahre stattfanden und deren Erlös sozialen Zwecken zugute kam. An die Besuche in der Vorweihnachtszeit im Kindergarten Sötenich: „Da war ich oft als Begleiter des Nikolauses dabei.“ Beliebt waren auch die Seniorennachmittage, an denen immer wieder die Drums & Pipes aus Dreiborn teilnahmen und andere Gruppen aus den umliegenden Orten.
Das Ende der belgischen Truppen in der Eifel verfolgte er nur aus der Ferne. Was er noch gut in Erinnerung hat: „Der Truppenübungsplatz war laut.“ Es habe mehr als 40 Schießstände gegeben, dazu den Sprengplatz, außerdem Truppenbewegungen mit Panzern in den Orten und vor allem an der Verladerampe in Schleiden: „Das war einfach nicht mehr zeitgemäß.“
Es gab Pläne, Vogelsang weiter militärisch zu nutzen
Wie es danach weitergehen sollte mit der Liegenschaft, darüber gab es unterschiedliche Ansichten. Thomas Enke war – damals Major, mittlerweile Oberstleutnant d. R. – Verbindungsoffizier der Bundeswehr zu den belgischen Truppen im Camp Vogelsang. Seine Aufgabe war es, darauf zu achten, dass die deutschen Gesetze und Sicherheitsbestimmungen eingehalten wurden.
Aber er pflegte auch die Kontakte zur Forstverwaltung und zur Bevölkerung. Von ihm stammte damals ein Entwurf für eine militärische Nachnutzung. Ohne Gefechtsübungen mit schweren Waffen, aber durchaus mit Manövern, um friedensschaffende Maßnahmen zu üben.
Wir mögen da Bauchschmerzen haben, die Alliierten verstehen uns in diesem Punkt nicht.
Ein Konzept, das Anklang fand bei den zivilen Angestellten auf dem Platz. Immerhin ging es ja auch um mehr als 200 Arbeitsplätze. Und nicht nur um die im Camp Vogelsang, wie der Reserveoffizier betont. Sondern auch im Umfeld: beim Bäcker, der die Brötchen lieferte, oder in den Werkstätten, die Autos der Soldaten warteten. Enke, Feuerwerker und Munitionsexperte, hatte sein Konzept ausdrücklich als Privatmann verfasst.
Er dachte groß, an eine Akademie für friedenssichernde Maßnahmen oder ein UN-Zentrum für Kampfmittelbeseitigung. „Der Sprengplatz war ja da“, sagt er: „Aber die Politik war dagegen.“ Dass die Nazi-Vergangenheit der früheren „Ordensburg“, auf der die braunen Machthaber den Nachwuchs ideologisch schulen wollten, einer Nutzung durch deutsches Militär entgegensteht, sieht er nicht. Thomas Enke sagt: „Wir mögen da Bauchschmerzen haben, die Alliierten verstehen uns in diesem Punkt nicht.“

Thomas Enke war Verbindungsoffizier zwischen den belgischen Truppen und dem deutschen Militär. Er hatte ein Konzept für die Zukunft des Standorts entworfen.
Copyright: Ulla Jürgensonn
2005, als die Konversion Vogelsangs – es war der letzte große belgische Standort in Deutschland – vollzogen wurde, war Enkes Job als Verbindungsoffizier erfüllt. Er wurde zum deutsch-niederländischen Korps in Münster versetzt, war später in Afghanistan im Einsatz. Doch Kontakte in die Eifel sind bis heute geblieben.
Das ist offensichtlich bei vielen der Fall, die in Vogelsang stationiert waren. Einmal im Jahr treffen sich die Veteranen. Die letzte Militärübung fand im Oktober 2004 statt, mit dem Auslaufen der theoretischen Schulungen wurde zum Jahresende das militärische Kapitel auf Vogelsang zugeschlagen. Zivilbeschäftigte waren noch ein Jahr länger vor Ort.
Jean-Marie Malaise ist nicht der einzige ehemalige belgische Militärangehörige, der Vogelsang treu geblieben ist. Mit Luc Bruyland, der die alljährlichen Treffen der „Vogelsänger“ organisiert, und René Claeys gibt es zwei weitere Veteranen, die Führungen auf dem Gelände machen. Malaise ist zurückgekehrt in die Eifel, die er mittlerweile seine Heimat nennt. Die Zeiten, in denen er nichts von der Geschichte der Ordensburg wusste, sind längst vorbei: „Ich habe einen Haufen Bücher gelesen und Fortbildungen gemacht.“
Den Schwerpunkt seines Engagements in Vogelsang setzt er auf die Jugendbildung, macht Studien- und Projekttage mit Studierenden und Schulklassen. Er merke oft, wie einfach es sei, junge Menschen zu indoktrinieren, sagt er. Auf rechtsextremistische Töne hat er eine wirkungsvolle Antwort: Dann muss schon mal ein Jugendlicher einen zweiten Tag nach Vogelsang kommen. Zu einer Nachschulung mit dem Schwerpunkt Holocaust. Doch allmählich will der 67-Jährige ein bisschen kürzertreten, die Zahl seiner Einsätze verringern. „Ich finde mich selbst ein bisschen zu alt dafür“, sagt er. Andere finden das nicht.
Das passende Denkmal für einen Brückenbauer
Keine Widmung hätte passender sein können: Die Brücke über den Urftsee trägt den Namen von Victor Neels. Und ein Brückenbauer war er in der Tat, im besten Sinne des Wortes. Der ehemalige Kommandant des Truppenübungsplatzes Vogelsang hat sich darum bemüht, das Verhältnis zwischen dem belgischen Militär und der Eifeler Bevölkerung zu verbessern. Am 18. Januar des vergangenen Jahres, wenige Tage nach seinem 100. Geburtstag, ist Victor Neels gestorben. Da war er schon 45 Jahre außer Dienst, aber immer noch präsent in den Köpfen der Menschen.
Als Neels 1970 das Kommando im Camp Vogelsang übernahm, war die Stimmung zwischen dem Militär und der Zivilbevölkerung angespannt. Zu tief saß der Groll über die Vertreibung der Wollseifener, auch wenn es die Engländer gewesen waren, die 1946 den Ort räumen ließen und die Wohnhäuser als Ziele ihrer Schießübungen nutzten. Victor Neels war es zu verdanken, dass sich die Lage entspannte.

Zur Taufe der Brücke, die seinen Namen trägt, hatte Victor Neels (vorne, 2.v.l.) seine Familie mitgebracht.
Copyright: S. Vanselow, Kreismedienzentrum Euskirchen
Bei Dreiborn ließ er eine Umgehungsstraße für die Panzer bauen. Damit wurde das Dorf entlastet, wo die schweren Fahrzeuge immer wieder Schäden an den Straßen hinterlassen hatten. Er führte die Tage der offenen Tür auf dem Truppenübungsplatz ein, die Seniorennachmittage, er sorgte dafür, dass Kinder aus dem Sötenicher Kindergarten Ferien am Meer machen konnten. Und das, obwohl er im Widerstand gegen die Nazis gekämpft hatte. Er sagte, er habe die Deutschen gehasst. Sein Einsatz für die Versöhnung wurde mit dem Großen Bundesverdienstkreuz gewürdigt. Und mit der Benennung der Brücke nach ihm.
An der Stelle, an der sich die – mit einem Architekturpreis ausgezeichnete – Konstruktion aus Stahlseilen über den See spannt, war vor dem Zweiten Weltkrieg eine Fähre hin- und hergefahren. Solange der Truppenübungsplatz bestand, war dort Sperrgebiet. Als dann die Bevölkerung wieder an den Urftsee durfte, fehlte die Verbindung zwischen westlichem und östlichem Ufer. Im September 2009 wurde die 124 Meter lange Brücke eingeweiht, im Dezember des gleichen Jahres getauft.

