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Nicht nur „drei alte, weiße Männer im Anzug“Wie Parteien mehr Nachwuchs finden wollen

Lesezeit 5 Minuten
Julius Bertram kandidiert in Wiesdorf für die CDU.

Julius Bertram kandidiert in Wiesdorf für die CDU.

  • Zu alt, zu männlich, zu verstaubt? Das aktuelle Parteiensystem zieht nicht viele junge Menschen an. Bewegungen wie „Fridays for future“ haben hingegen Zulauf.
  • Trotzdem gibt es viele junge Leute, die sich auch in Parteien engagieren. Drei von ihnen haben wir begleitet.

Leverkusen – Stehen Angela Merkel, Saskia Esken oder Robert Habeck während der Parteitage auf den Bühnen und halten ihre Reden, schauen sie vor allem in Gesichter, die die 40 überschritten haben. Das Nachwuchsproblem scheinen die Parteien zumindest auf der Bundesebene schon fast akzeptiert zu haben. Das Durchschnittsalter der Mitglieder liegt in der CDU bei 61 Jahren, in der SPD ist es ein Jahr weniger, die Linken bewegen sich bei 55 Jahren und in der FDP liegt das durchschnittliche Alter bei 51. Lediglich die Grünen schaffen es mit einem Altersdurchschnitt von 48 unter die 50 zu kommen.

Auf den ersten Blick spiegelt die Politik unsere Gesellschaftsstruktur nicht wider – Parteiarbeit scheint bei jüngeren Menschen wenig beliebt zu sein, um sich politisch zu engagieren. Umso mehr überraschen die jungen Gesichter, die die Wahlplakate in Leverkusen zur aufkommenden Kommunalwahl schmücken. Mehr als 20 Kandidierende unter 30 Jahren haben sich zur diesjährigen Wahl aufstellen lassen, die Jüngsten sind 18 Jahre alt. Wird (Lokal-)Politik wieder interessanter?

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„Man kann nicht sagen, dass sich junge Leute nicht engagieren“, findet die 24-jährige Cornelia Besser, die für die FDP in Leverkusen sowohl bei der Kommunalwahl antritt, als auch als Kandidatin für die Bundestagswahl im nächsten Jahr für Leverkusen/Köln-Mülheim. „Wenn man sich die letzten zwei Ausgaben der Shell-Jugendstudie anschaut, sieht man, dass auch das Weltbild von vielen Kommunalpolitikern nicht ganz stimmt“ , meint auch ihre Parteikollegin und FDP-Kreisvorsitzende Petra Franke. „Natürlich sind junge Menschen politisch interessiert. Nur vielleicht anders, als sich das ältere Menschen vorstellen oder wünschen.“

Alles zum Thema Fridays for Future

Laut der Shell-Jugendstudie von 2019 meldet sich die Generation zwischen zwölf und 25 Jahren immer deutlicher zu Wort, besonders Krisen und Umbrüche lassen Jüngere ihre Anliegen und ihre politischen Interessen zum Ausdruck bringen. Bereits im Jahr 2015 – damals kamen 890 000 Asylsuchende nach Deutschland – haben viele Jugendliche verstärktes Interesse an politischen Themen gezeigt.

Flüchtlingskrise als Impuls

David Dettinger tritt bei der Kommunalwahl für die Grünen an und schildert einen Eindruck, der den Ergebnissen der Studie ähnelt. „2014 und 2015 habe ich mich während der Flüchtlingskrise viel damit beschäftigt, warum so viel Unmenschliches passiert“, erzählt der 18-Jährige. Danach habe er sich viel damit auseinandergesetzt, wie Parteien funktionieren, was die Kernpunkte sind und hat sich schließlich „immer weiter reingefuchst“, bis er zu den Grünen fand. „Es gibt immer noch relativ wenige junge Stimmen in der Politik“, findet Dettinger.

Die meisten Parteien stehen vor dem Problem, wie sie jüngere Menschen wieder dazu motivieren können, sich politisch zu engagieren. „Ich glaube, dass viele eine falsche Vorstellung davon haben, was Parteien machen. Manche denken, dass alles staubtrocken und hochintellektuell ist“, vermutet Franke. Dass Parteistrukturen häufig starr wirken, ist auch der gesellschaftlichen Schnelllebigkeit geschuldet. In einer Zeit, in der sich Wandel immer rasanter vollzieht, haben Parteien Schwierigkeiten Schritt zu halten und hecheln eher hinterher, als dass sie den Wandel anführen. Dass sie damit aber auch zu einer gewissen Systemstabilität beitragen, wird häufig vergessen.

Um mit Jüngeren in den Dialog zu treten, reicht der klassische Werbestand in der Fußgängerzone nicht mehr aus – das haben die Parteien auch in Leverkusen längst verstanden. Soziale Medien, die über Facebook und Instagram hinaus gehen, wie etwa Tik-Tok oder Jodel, sprechen eine jüngere Generation an. „Vieles steht und fällt mit dem Marketing der Partei. Sprache und Bilder spielen eine große Rolle“, meint Julius Bertram, Kommunalwahlkandidat der CDU. „Jemand der sich für Politik interessiert, möchte vielleicht nicht unbedingt ganz klischeehaft drei alte, weiße Männer im Anzug sehen.“

Doch trotz vieler Bemühungen sind es häufig eher Bewegungen wie Fridays for Future, denen sich Jugendliche anschließen. „Für manche können Bewegungen auch der Einstieg sein, wenn die Leute merken, dass sie ihre Stimme einbringen können und etwas organisieren können“, sagt Besser. Ein gesteigertes Bewusstsein für Klima- und Umweltschutz macht es vor allem für die Grünen und ihre Jugendorganisation leichter, neue Mitglieder anzuwerben, das zeigen die Mitgliederzahlen der Grünen Jugend in Deutschland, die sich entgegen des Trends zwischen 1994 und 2018 fast vervierfacht haben.

Parteiensystem zu behäbig?

Sind Flexibilität, Schnelllebigkeit und Hemmungen davor, sich langfristig an etwas binden zu wollen letztendlich das Kernproblem hinter dem mangelnden Parteinachwuchs? Parteienforscher machen unter anderem die Individualisierung und Pluralisierung unserer Lebensstile für die zunehmende Parteiverdrossenheit verantwortlich. Was wir kaufen, was wir essen, wohin wir reisen und welche Jobs wir haben, hat sich in den letzten Jahrzehnten um ein Vielfaches ausdifferenziert und prägt das Zugehörigkeitsgefühl häufig mehr als die Bindung und Loyalität gegenüber einer Partei.

„Wir haben einen Zeitgeist, in dem sich jeder viel um sich selbst kümmert. Ich sehe aber auch den Gegentrend“, findet Franke. Auch Bertram spricht von einer „Ich-Gesellschaft“: „Ich habe das Gefühl, dass es gerade uns jungen Leuten hier in Deutschland eigentlich zu gut geht“, meint er.

Die drei jungen Kandidierenden Dettinger, Besser und Bertram zeigen sich jedoch optimistisch gegenüber der Zukunft der Parteien – nicht bloß, weil alle drei mit der Art und Weise, wie junge Menschen innerhalb ihrer Parteien positiv aufgenommen und gefördert werden, sondern auch, weil Parteien eine Notwendigkeit in einer Demokratie darstellen. „Wir leben in einem System, in dem es ohne Parteien nicht geht“, sagt Dettinger. Und auch Bertram meint: Früher oder später wird der Nachwuchs nachrücken.

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