Die Pläne zur Reform des Führerscheins, damit er künftig preiswerter wird, kritisieren Fahrlehrer in Oberberg heftig.
FührerscheinreformOberbergs Fahrlehrer kritisieren Pläne des Bundesverkehrsministers als haltlos

Auf Kritik stoßen die Reformpläne des Bundesverkehrsministeriums bei Fahrlehrerin Melanie Reidl-Müller, hier mit FahrschülerTim.
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Der Führerschein soll weniger kosten. Das fordert Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder, verbunden mit einem Katalog von Vorschlägen. „Die sind völlig haltlos! “, schimpft Pascal Wiefel, Inhaber der Fahrschule Michael Huhn mit Standorten in Marienheide, Gummersbach und Wiehl. Schon sein Vater und der Großvater brachten Oberbergern das Fahren bei. „So kann der Führerschein nicht billiger werden!“ Er ist nicht der Einzige mit Zweifeln an den Vorschlägen.
Besonders bringt ihn die Forderung nach dem Einsatz von Fahrsimulatoren auf. „Ich finde sie ziemlich realitätsfern, eher wie eine bessere Playstation. Allerdings würde mich das 30 000 Euro kosten, wenn ich sie für jeden Standort anschaffe.“ Und damit nicht genug. Denn auch der Theorieunterricht in Präsenz soll abgeschafft und nur noch digital angeboten werden. „Wohl um die Miete einzusparen“, vermutet Wiefel. „Aber wo sollen die dann Simulatoren stehen und wer soll sie beaufsichtigen? Dafür müsste ich neues Personal einstellen!“ Zudem könne das Üben am Simulator höchstens zwei Fahrstunden ersetzen.
Eltern können nicht eingreifen
Auch Melanie Reidl-Müller, Inhaberin von „Mela´s Fahrschule“ in Waldbröl, sieht die Vorschläge kritisch. Nach nur sechs Fahrstunden den Schülern das Üben im privaten Pkw zu ermöglichen, hält sie geradezu für gefährlich: „Viele können dann noch nicht sicher fahren, und die Eltern haben – anders als wir im Fahrschulfahrzeug – keine Möglichkeit, einzugreifen.“
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Elf Mal im Monat bietet sie Theorieunterricht in ihren Räumen an. „Gut so!“, hätten 60 Prozent der Schüler gesagt. Einer von ihnen ist der 17-jährige Tim. „In der Coronazeit hat das mit dem Digitalunterricht nicht gut geklappt“, erinnert er sich. Zu Hause sei viel Disziplin nötig, meint die Fahrlehrerin, und daran hapere es bei vielen Jugendlichen. Ihr Kollege Wiefel wird deutlicher: „Die Generation Z ist eine Katastrophe, und die nächste Generation ist noch schlimmer. Viele Jugendliche interessieren sich nur noch fürs Handy. Kaum jemand hat zu Hause noch richtig Radfahren gelernt oder gar Verkehrszeichen“, sagt der 42-Jährige. „Viele haben gar keinen Bock auf Führerschein!“
Fahrschulen in Oberberg sind gut besucht
Dennoch sind die Fahrschulen in Oberberg nach Auskunft von Fahrlehrern gut besucht – anders als in den Großstädten und im Ruhrgebiet. Dort sind nach den Ankündigungen des Verkehrsministers die Anmeldezahlen von Fahranfängern drastisch zurückgegangen, teilweise bis zu 50 Prozent. Alle warten ab, ob der Führerschein billiger wird. „Auf dem Land wird er nötiger gebraucht“, weiß Wiefel. Auch Fahrlehrerin Reidl-Müller glaubt, dass man in Ballungsgebieten wegen der besseren Verbindungen mit Bus und Bahn ruhig ein Jahr abwarten kann.
Wiefel hat beobachtet, dass etliche junge Leute bis zur Prüfung trödeln. Manchmal zwei, drei, sogar vier Jahre, weiß Wiefel. Die Zahl der Fahrstunden und damit die Kosten summierten sich dadurch. Druck, endlich fertig zu werden, komme nur von den Eltern oder dem Arbeitgeber. Nur zehn Prozent der Fahranfänger zahlen laut Reidl-Müller ihren Führerschein selbst. „Da fehlt dann die Motivation.“
Fragen halbieren und Sonderfahrten individuell anpassen
Dabei gehe es auch anders. Die bestehende Ausbildungsverordnung sei in Ordnung, wenn tatsächlich eine Verzahnung von Theorie und Praxis, eine ordentliche Zusammenarbeit von Fahrschule und Elternhaus stattfinde, glaubt die Fahrlehrerin. Sinnvoll sei es, die Fragen in der Theorieprüfung von jetzt 1200 auf die Hälfte zu reduzieren. Ihr Kollege Wiefel kann sich vorstellen, dass die Anzahl der Sonderfahrten individuell angepasst wird.
Vor allem aber, da sind sich die Fahrlehrer einig, seien die Jugendlichen selbst gefragt, wenn es billiger werden soll. Während der Verkehrsminister von durchschnittlich 3400 Euro Führerscheinkosten gesprochen hat, meint Reidl-Müller, dass in Oberberg 1000 Euro weniger realistisch sind. Auch die Durchfallquote sei niedriger als in den Städten. „Gerade hat ein zielstrebiger Schüler den Schein für 1800 Euro gemacht“, rechnet Wiefel vor.
Melanie Reidl-Müllers Schüler Tim hat in dieser Woche nach drei Monaten die Theorieprüfung bestanden. Und freut sich: „In zwei Wochen ist die praktische Prüfung!“
Auszug aus den Vorschlägen des Ministers
Verkehrsminister Patrick Schneider hat Vorschläge für eine Reform des Führerscheins vorgestellt. Hier einige zentrale Punkte: Digitalisierung: Der Theorieunterricht soll auch rein digital stattfinden können, Mischformen oder reine Präsenzstunden bleiben möglich. Simulatoren dürfen eingesetzt werden, müssen aber nicht. Bürokratieabbau: Es gibt keine Vorgaben mehr für Unterrichtsräume oder Lehrmittel, Prüfungsreifefeststellung und Ausbildungsplan werden gestrichen, Nachweispflichten reduziert. Aufwand: Die Prüfungsfragen werden auf 840 und Sonderfahrten auf ein Minimum reduziert. Die Schüler können auch mit einem Laienausbilder (also einer nahe stehenden Person) Übungsfahrten machen. Prüfungsdauer: Die Fahrprüfung wird auf 40, die Mindestfahrzeit auf 25 Minuten begrenzt.
