Zwei Oberberger wollen an der Mosel unkonventionell die Folgen des Klimawandels nutzen - und neben Wein auch Nüsse und Mandeln anbauen.
Roter KlimawandelNümbrechter bauen an der Mosel Wein an

Die Weinbauern Dirk Weikert (l.) und Reiner Galunder, deren GmbH ihren Sitz in Nümbrecht hat, haben jetzt ein gutes Dutzend verschiedene Weine auf den Markt gebracht. Die Produktlinien heißen Weißer und Roter Klimawandel.
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Reiner Galunder und Dirk Weikert kennen sich aus der Schule. Im Wiehler Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium waren sie in einer Stufe. Seit zehn Jahren arbeiten die beiden Oberberger auch zusammen, sind überwiegend im Grundstückshandel tätig. Jetzt erschließen sie zusätzlich ein neues Geschäftsfeld: Unter dem Dach ihrer Stückländerei GmbH mit Sitz in Nümbrecht firmiert ihr Weinbaubetrieb, der nach eigenen Angaben der einzige im Oberbergischen ist.
Ihre Weinberge, die alle an der Mosel liegen, hatte ihnen ein Insolvenzverwalter angeboten (siehe Info unten). Schon bei der Besichtigung reifte der Plan, die Flächen selbst zu bewirtschaften. Jetzt produzieren sie dort die Linien „Roter Klimawandel“ und „Weißer Klimawandel“ – beide Marken haben sie sich EU-weit schützen lassen. Ihr Anspruch, sagen sie, war von Anfang an, qualitativ hochwertigen Wein herzustellen.
„Unsere Philosophie ist: Qualität entsteht im Weinberg.
Um das zu gewährleisten, verrichten sie die Arbeit an der Rebe im Weinberg selbst, unterstützt nur von einem Ukrainer, den sie fest angestellt haben und der vor Ort wohnt. „Im Weinberg geht es um die substanziellen Dinge“, betont Galunder, „ich bin mit jedem Weinstock auf Du und Du.“ Und Weikert ergänzt: „Unsere Philosophie ist: Qualität entsteht im Weinberg. Darüber kann man sich streiten, aber wir meinen: Wenn wir handgelesenes Lesegut von hoher Qualität abliefern – und da sind wir sehr pingelig – dann kann eigentlich im Keller nicht mehr viel schief gehen.“
Deshalb machen Weikert, Galunder und der Angestellte bis zur Lese, bei der dann Familie und Freunde helfen, alles selbst. Allein den Pflanzenschutz und einen Großteil des Mulchens haben die beiden an einen Dienstleister abgegeben.
Schon mit 12 im Weinberg geholfen
„Nach der Lese geht’s darum, dass Sie die Trauben zu einem Dienstleister bringen, der sie presst und zur Gärung in die Tanks einlagert“ – oder für besondere Tropfen auch ins Holzfass. „Diese ganze Infrastruktur nur für uns selbst aufzubauen, würde die Dimensionen sprengen“, so Galunder. „Allerdings werden wir in alle weiteren Schritte und Entscheidungen sehr eng einbezogen“, ergänzt Weikert, „das ist fast so, als würden wir das selber machen.“
Ganz fachfremd sind die beiden Weinbauern aus Oberberg übrigens nicht: „Ich stamme väterlicherseits aus einer österreichischen Winzer-Familie“, erklärt Diplom-Geograf Galunder, „und ich habe schon mit zwölf Jahren beim Weinbau geholfen“. Zudem sei er „in der Seele Botaniker“. Dirk Weikert, Diplom-Wirtschaftsinformatiker, ist ebenfalls familiär vorbelastet, sein Vater hatte einen Getränkehandel.

Dirk Weikert (l.) und Reiner Galunder im Herbst bei der Arbeit im Weinberg an der Mosel.
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Dennoch mussten sich die beiden an der Mosel erst mal ein Netzwerk aufbauen. „Da waren nicht alle Einheimischen offen für eine Zusammenarbeit mit den Gummersbachern“, sagt Galunder. „Wir haben zwei Jahre gebraucht, um die Infrastruktur aufzubauen.“ Von ihrem Mitarbeiter wissen Galunder und Weikert sogar, dass einige ortsansässige Winzer Wetten abgeschlossen hatten, ob die Weine der Gummersbacher was werden oder nicht.
Um es vorweg zu nehmen: Sie sind etwas geworden. Jetzt, nach drei Jahren Arbeit, ist eine breite Produktpalette von 14 Weinen hergestellt und soeben auf den Markt gekommen. „Wir wollen jetzt nicht jedes Jahr zwölf oder 14 Weine machen“, sagt Dirk Weikert, „aber vielleicht sechs oder sieben, um die Palette punktuell zu ergänzen“ – zum Beispiel um einen trockenen Spätburgunder oder ein Rosé Secco.
Jetzt, wo sie einen Überblick gewonnen haben, in welchen ihrer Lagen welche Trauben wie gut gedeihen, wollen sie ihr Produktportfolio ganz grundsätzlich überarbeiten und um Nuss- und Mandelkulturen ergänzen – „das ist unser Weinbau 2.0“, sagt Galunder. Der Grund ist allerdings ein handfester – nämlich die schon eingetretenen und noch zu erwartenden Veränderungen durch den Klimawandel – was übrigens auch der Grund für die ungewöhnlichen Namen Weißer und Roter Klimawandel ist.
„Das ist ja nicht nur ein Gag“, erklärt Weikert: „In Bremm gibt es den Bremmer Calmont, das ist der steilste Weinberg Europas. Ein Winzer, der dort Flächen hat, sagte uns, dass es da mittlerweile so heiß wird, dass der Riesling so früh reif wird, dass er die gewohnte Qualität nicht mehr erzeugen kann, um dem Anspruch an den Bremmer Calmont gerecht zu werden.“ Weitere Probleme kommen dazu: Weil dort der seltene Apollofalter vorkommt, darf womöglich der Hubschrauber künftig nicht mehr zum Einsatz kommen. Weikert: „Nach unserer Einschätzung macht da in fünf bis zehn Jahren keiner mehr Weinbau.“

Gut gefüllter Traubenwagen vor der malerischen Kulisse des Bremmer Calmont.
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Dafür werden Lagen, die jetzt noch als übermäßig feucht gelten und deren Bewirtschaftung die örtlichen Winzer teils mit Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen, auch in zehn Jahren zu bewirtschaften sein, ist Galunder sicher: „Unsere Flächen werden durch den Klimawandel gewinnen.“
Näheres über die Hintergründe, zur Anbau-Philosophie und zu Bezugsquellen der 14 Weine (weiß, rosé und rot) der oberbergischen Weinbauern findet sich auf der Homepage „Roter Klimawandel“.
Die Weinberge
Die rund 30 Weinberge, die Reiner Galunder und Dirk Weikert bewirtschaften, liegen an der Mosel, rund um Bremm, Ediger-Eller und Zell (Landkreis Cochem-Zell) in Rheinland-Pfalz. Der kleinste ist 500, der größte 4000 Quadratmeter groß.
Von einem Insolvenzverwalter haben sie 2023 einige Flächen im Paket gekauft – insgesamt drei Hektar. Teil des Pakets waren Waldflächen, aber auch ein Weingut und einige Weinberge, von denen ein paar allerdings erst wieder in Ordnung gebracht werden mussten – „wir haben die Gassen freigemäht und von Brombeeren befreien und mussten den Rebschnitt durchführen“, so Dirk Weikert. „Die Reben waren nicht gespritzt“, ergänzt Galunder, „hatten aber den Vorteil: Sie sind 25 oder 30 Jahre alt. Für die Winzer ist das nicht ertragreich genug, aber eine alte Rebe hat viel mehr Geschmack, sie hat weniger, aber schmackhaftere Trauben.“
Vor Ort, so Galunder, hätten sich viele alteingesessenen Winzer eher lustig gemacht über „die Gummersbacher“, wie Weikert und Galunder wegen der GM-Kennzeichen an den Autos schnell genannt wurden. Man müsse alles roden und neu pflanzen, haben man ihnen gesagt. Allerdings verfolgen die beiden Oberberger eine eigene Anbauphilosophie.

Blick über eine der Lagen, wo die beiden Oberberger Weinbau betreiben - im Hintergrund der Bremmer Calmont.
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