Michael Kaufmann und Philipp Reindahl sind das erste gleichgeschlechtliche Erntepaar im Rhein-Sieg-Kreis. Für Kaufmann geht damit ein Lebenstraum in Erfüllung - trotz Gegenwind.
„Ich habe gedacht, ich schmeiß hin“Das erste gleichgeschlechtliche Erntepaar des Kreises feiert in Much

Michael Kaufmann aus Much und sein enger Freund Philipp Reindahl sind das diesjährige Erntepaar des Erntevereins Wohlfarth.
Copyright: Michael Kaufmann
Seit seiner Kindheit gehört das Erntedankfest in Birrenbachshöhe zu Michael Kaufmanns Leben. Seine Eltern Stefan und Marita Kaufmann waren 2001 selbst Erntepaar. Im Ernteverein Wohlfarth ist es Tradition, dass 25 Jahre später die nächste Generation übernimmt – damit ist in diesem Jahr Michael Kaufmann an der Reihe: „Für mich war schon mein Leben lang klar, dass ich das mache“.
Erstmals im Rhein-Sieg-Kreis ist das Erntepaar gleichgeschlechtlich: „Ich bin eben mit dem anderen Geschlecht unterwegs, deswegen möchte ich da auch mit einem Mann stehen“, sagt der Agrarbetriebswirt. Sein enger Freund Philipp Reindahl (33) ist an seiner Seite. Vor etwa sechs Jahren lernten sich beide über die Kölner Stattgarde Colonia Ahoj kennen. Michael Kaufmann (32) hatte seinem Freund erzählt, wie wichtig ihm der Wunsch sei, einmal Teil des Erntepaars in seiner Heimat zu sein. „Philipp hat immer gesagt: Wenn du dann noch Single bist, mache ich das mit dir.“ Dass Kaufmann tatsächlich noch Single sein würde, damit hatte Reindahl offenbar nicht gerechnet.
Viel Zuspruch und viel Gegenwind
Reindahl lebt in Köln, Kaufmann in Schönenberg und möchte langfristig wieder nach Much zurückkehren. „Philipp kennt das Dorfleben, aber nicht in der Form, wie es hier beim Erntefest stattfindet. Er sagt selbst aber immer, dass er sich hier super aufgenommen und integriert fühlt“, erzählt Kaufmann. „Das hier ist echt eine tolle Truppe aus dem Verein, die da mitzieht.“
Als der Vorstand des Erntevereins schließlich anrief und mitteilte, dass man sich für die beiden entschieden habe, wurde aus dem Versprechen Realität. Zuvor hatte Kaufmann vorgeschlagen, das Amt allein zu übernehmen: „Um den Diskussionen aus dem Weg zu gehen“. Doch das wollte der Verein nicht, schließlich gehört zum Brauchtum ein Erntepaar.

Die Deko für das Erntefest steht bereits.
Copyright: Michael Kaufmann
„Ich bin Philipp total dankbar, dass er da so mitzieht“, sagt Kaufmann. „Das ist ein Riesentraum von mir, der dadurch möglich wird. Ich weiß gar nicht, wie ich das gutmachen soll.“ Am Freitag, 28. August geht es los, dann dauert das Erntedankfest auf dem Festplatz Birrenbachshöhe bis zum 31. August an. Während der Vorbereitungen zeigten sich jedoch auch Schattenseiten des großen Traums: „Ich würde es nicht wieder tun. Ich würde es nicht zum ersten Mal machen wollen“, sagt Michael Kaufmann. „Es gab so viel Gegenwind von Außenstehenden, die das dem Verein und mir persönlich schwer gemacht haben“, erzählt Kaufmann. Der Druck, der Stress und die Nachreden seien enorm gewesen.
„Dass es vor allem für die Älteren manchmal nicht so einfach ist, das zu verstehen, das ist schwierig. Das war ein langer, steiniger Weg“, sagt Henrik Fielenbach, Vorsitzender des Erntevereins. Der Verein stehe aber klar hinter seinem Erntepaar, „Auch, wenn es immer irgendwelche Querschläger gibt“.
Michael Kaufmann war erster queerer Kandidat bei „Bauer sucht Frau“
Es seien auch oft jüngere, die schlecht reden würden, ergänzt Michael Kaufmann: „Leute, die zum Beispiel meine Auftritte als Dragqueen in den Fokus setzen – und dann sagen, ,wundert euch nicht, so taucht der da dann auf‘. Dabei hat das ja gar nichts mit meiner Rolle beim Erntefest zu tun.“ Außerdem seien Gerüchte gestreut worden, das Fernsehen würde das Fest begleiten, was Kaufmann klar verneint. „Ich hätte es Pro7 oder RTL verkaufen können. Aber ich mach das für kein Fernsehen, sondern für mich – weil mir das Erntefest schon mein Leben lang viel bedeutet und das einfach familiär ist.“

Michael Kaufmann und Philipp Reindahl sind seit sechs Jahren befreundet.
Copyright: Michael Kaufmann
Michael Kaufmann outete sich vor etwa acht Jahren. 2022 wurde er als erster bisexueller Kandidat bei der RTL-Show „Bauer sucht Frau“ bekannt, heute fühlt er sich vor allem zu Männern hingezogen. Viele queere Menschen ziehe es vom Land in die Stadt. Für Kaufmann kam das nie in Frage, auch wenn er selbst oft und gerne in Köln unterwegs ist: „Durch die Verbundenheit zur Landwirtschaft und meinen Freundeskreis könnte ich mir das nie vorstellen. Wenn Leuten meine Sexualität nicht passt, dann müssen die wegziehen – ich bleibe hier.“
Von vielen queeren Leuten, die er aus der Schulzeit kannte und die die Region mittlerweile verlassen haben, habe er im Vorlauf des Festes viel positives Feedback bekommen: „So viele Leute haben mir geschrieben, dass sie sich auf dem Dorf nie getraut hätten, sich zu outen, und jetzt zum Erntefest kommen werden.“ Solche Nachrichten freuen ihn sehr. Vermutlich das werde diesjährige Fest vom Publikum her um einiges jünger sein als die letzten Erntefeste des Vereins.
Erntepaar und Verein hoffen, dass andere ihrem Beispiel folgen
Kaufmann hofft, dass auch andere ländliche Vereine dies als Anlass sehen, um sich für verschiedene Lebensweisen zu öffnen: „Wenn man die jüngere Generation nicht mitnimmt, dann sterben die Vereine eben auch aus.“ Die Tanzgruppen und Musikvereine, die am kommenden Wochenende auftreten werden, kommen aus dem persönlichen Umfeld des Erntepaars und aus der Region. Erstmalig wird am Samstag auch ein Travestiekünstler auftreten: Julie Voyage, alias Ken Reise, der auch die lachende Kölnarena moderiert und gut mit dem Erntepaar befreundet ist.
Die Aufregung bei ihm sei jetzt schon enorm, sagt Kaufmann. „Viele sagen, ich bin so ne Rampensau, aber vor der Kamera zu agieren ist für mich was ganz anderes, als jetzt beim Erntefest im Fokus zu stehen“. Zum Glück habe er den Rückhalt vieler guter Freunde, aber die Kritik im Vorfeld des Erntefests sei nicht spurlos an ihm vorbeigegangen: „Es gab schon die Momente, wo ich gedacht habe, ich schmeiß jetzt hin.“
Das Schlimmste, was man sich selbst antun kann, ist ein Leben zu leben, das man gar nicht will.
Trotzdem wolle er sich nicht verstecken: „Wenn ich eine Frau lieben würde, dann wäre ich ja der gleiche Mensch, nur dass da eben ne Frau neben mir stehen würde“, sagt Kaufmann. „Ich habe Leute hier im Bekanntenkreis aus anderen Dörfern, da weiß ich, dass sie genauso wie ich queer sind. Die verstecken das komplett, leben das vielleicht mal an nem Wochenende in Köln aus und sind zu Hause der Familienvater oder der normale Nachbar.“
Er hoffe, für mehr Sichtbarkeit zu sorgen und damit auch anderen queeren Menschen auf dem Dorf zu helfen, sich als sie selbst zu zeigen. „Das Wichtigste ist, sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist. Und sich klar zu machen, dass wir alle nur einmal leben und das auch genießen sollten, wie wir es selbst wollen und nicht irgendjemand anderes“, sagt Kaufmann. „Das Leben ist zu kurz – mein Bruder ist an seinem 20. Geburtstag verstorben. Es kann so schnell vorbeigehen. Das Schlimmste, was man sich selbst antun kann, ist ein Leben zu leben, das man gar nicht will.“
