Seit 20 Jahren gibt es die Migrationsberatung in Rhein-Sieg. Zwei Ratssuchende erzählen, warum das Angebot unverzichtbar ist - doch die Zukunft ist unklar.
Finanzierung unsicherMigrationsberatung im Rhein-Sieg-Kreis ist essenziell für neue Einwohner

20 Jahre Migrationsberatung im Rhein-Sieg-Kreis: Helda Kakos aus Niederkassel spricht mit Migrationsberater Brahim Elhajoui über ihre Erfahrungen.
Copyright: Lilian von Storch
Helda Kakos kam 2002 aus dem Irak nach Deutschland, mit ihrem Mann und zwei Kindern; ein drittes Kind wurde in Deutschland geboren. In Dortmund angekommen, wurde sie bald nach Niederkassel zugewiesen. „Am Anfang war alles sehr schwierig“, erinnert sich die heute 51-jährige. „Natürlich war zuerst vor allem die Sprache eine große Herausforderung. Und der Winter!“
Als großes Glück beschreibt sie den Besuch des evangelischen Pfarrers Christoph Eidmann in ihrer Unterkunft in Niederkassel. Er habe gesehen, dass Kakos und ihre Familie Hilfe benötigten, und ihr von den Beratungsmöglichkeiten für Migrantinnen und Migranten erzählt. Sofort stellte er den Kontakt zu einer Beraterin her. Eine riesige Erleichterung für Helda Kakos, erinnert sie sich. „Man muss ja erst einmal verstehen: Was ist überhaupt das Jobcenter, die Ausländerbehörde? Was bedeuten diese ganzen Fachbegriffe, die dort genutzt werden? Damals war es der Horror, wenn wir einen Brief von einer Behörde bekommen haben.“
Diakonie, Kurdische Gemeinschaft und Caritasverband in Rhein-Sieg organisieren die Migrationsberatung
Die Beraterin half ihr außerdem dabei, die richtigen Sprachkurse zu finden. Ihr jüngster Sohn war erst wenige Monate alt, ihre beiden älteren Töchter gingen zur Schule. „Da musste ich einen Integrationskurs mit Kinderbetreuung finden, der länger dauert als ein gewöhnlicher Kurs.“ Es sei eine harte und sehr anstrengende Zeit gewesen, aber die Sprache zu lernen, sei für sie und ihre Familie das Wichtigste gewesen, erinnert sich Kakos: „Jeden Abend um 22 Uhr, wenn die Kinder im Bett waren, habe ich gelernt und Hausaufgaben gemacht.“

Helda Kakos (51) aus Niederkassel ist heute selbst in der Geflüchtetenhilfe engagiert.
Copyright: Lilian von Storch
Die Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte (MBE) im Rhein-Sieg-Kreis unterstützt Menschen wie Helda Kakos dabei, Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Ankommen in Deutschland zu bewältigen. Umgesetzt wird das Angebot seit 20 Jahren von drei zusammenarbeitenden Trägern: Der Diakonie an Sieg und Rhein, der Kurdischen Gemeinschaft Rhein-Sieg und Bonn und dem Caritasverband Rhein-Sieg. Die Träger arbeiten als Kooperationsverbund mit zahlreichen Stellen wie dem Jobcenter, Frauenzentren und der Ausländerbehörde zusammen.
Wenn wir dieses Angebot verlieren, dann werden sich auch die Menschen, die kommen, verloren fühlen, und wir können keine kulturellen Barrieren abbauen.
Ziel ist, über einen längeren Zeitraum die Eigenständigkeit der Ratsuchenden zu fördern, Zukunftsperspektiven zu schaffen und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu stärken. Besonders häufig kommen die Klienten aus Syrien, Afghanistan, der Ukraine, Irak, Iran und der Türkei. Die Beraterinnen und Berater unterstützen sie unter anderem bei Themen rund um Arbeit und Ausbildung wie der Anerkennung von Bildungsabschlüssen, bei der Wohnraumsicherung und Sicherung des Lebensunterhalts, dem Finden von Integrationskursen und gesundheitlichen Fragen.
Helda Kakos und ihr Ehemann sind heute selbst intensiv in der Geflüchtetenhilfe engagiert, unter anderem betreuen sie die Interkultur-Cafés in Niederkassel. „Wir geben den Menschen dort die Unterstützung, die wir selbst vor 24 Jahren bekommen haben“, sagt Kakos. Sie wünsche sich, dass sich die Menschen der Wichtigkeit von Angeboten wie der Migrationsberatung bewusst seien: „So etwas muss unterstützt werden. Wenn wir dieses Angebot verlieren, dann werden sich auch die Menschen, die kommen, verloren fühlen, und wir können keine kulturellen Barrieren abbauen.“

Mohammed Becar (37) mit seiner Tochter (5): Die Familie mit sieben Kindern kam 2023 aus Syrien nach Deutschland.
Copyright: Lilian von Storch
Auch Mohammed Becar erzählte anlässlich des Jubiläums der Migrationsberatung seine Geschichte. 2023 kam er mit Ehefrau und sieben Kindern aus Syrien nach Deutschland. Für ihn war die Unterstützung durch die Migrationsberatung essenziell: „Jetzt kann ich selbst Anträge ausfüllen, Arztbesuche und Elterngespräche erledigen“, sagt der 37-Jährige. „Aber ohne die Migrationsberatung können die Menschen das nicht schaffen. Auch ich hatte viele Probleme mit der Bürokratie.“ Nach seiner Erfahrung sei eine Begleitung durch Beraterinnen und Berater für mindestens drei bis fünf Jahre erforderlich, um wirklich ankommen zu können. Gerade hat er einen Integrationskurs mit Sprachlevel B1 beendet, in Zukunft möchte er als Busfahrer arbeiten.
Mehrjährige Beratung ist notwendig, um komplexe Problemlagen zu bewältigen
„Die Lebenslagen unserer Klienten sind, wie man an diesen Geschichten sieht, sehr unterschiedlich und selten einfach“, sagt Jinda Zelal Ataman von der Kurdischen Gemeinschaft. Verschiedene komplexe Problemlagen kommen oft zusammen, deren Bewältigung Zeit und Kompetenz brauche: „Meist kommen die Ratsuchenden mit einem Thema, und dann öffnet sich die Büchse der Pandora.“
Das Beratungsprogramm wird durch über das Bundesministerium des Inneren gefördert, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bewilligt die Mittel. Die Finanzierung und damit die Zukunft dieses Angebots ist aktuell unsicher. Die Träger der Migrationsberatung hatten das BAMF zur Jubiläumsveranstaltung eingeladen, um die Relevanz des Angebots zu unterstreichen, doch kein Vertreter erschien. „Diese Ungewissheit belastet nicht nur die Träger und Fachkräfte, sie gefährdet auch die Kontinuität in der Beratung“, sagt Daniel Frömbgen vom Fachdienst Integration und Migration der Caritas Rhein-Sieg. „Vertrauen und Beziehungsarbeit braucht Verlässlichkeit – und die beginnt mit einer gesicherten Grundlage.“
