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„Wirkungsorientierte Förderung“Awo-Ortsvereine in Troisdorf bangen um Zukunft ihrer Arbeit

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Udo Schumpe und Birgit Biegel stehen nebeneinander hinter einem Aufsteller, der auf das Awo-Zentrum hinweist.

Udo Schumpe und Birgit Biegel sind in Sorge um die Zukunft des Ortsvereins Oberlar.

Weil sie nicht Stadtteilzentrum sind, verlieren Anlaufstellen der Arbeiterwohlfahrt wichtige Förderbeträge der Stadt.

Auf das 50-jährige Bestehen sind die Verantwortlichen der Arbeiterwohlfahrt Oberlar stolz. Zum Feiern ist ihnen allerdings nicht zumute: Sie sehen den Fortbestand des Stadtteilzentrums an der Sieglarer Straße bedroht. Den Zuschlag für die Trägerschaft einer solchen Einrichtung in Oberlar erteilte die äußerst knappe Mehrheit von CDU und AFD im städtischen Sozialausschuss der Evangelischen Friedenskirchengemeinde. Die Ausschussmitglieder folgten der Empfehlung der Stadtverwaltung.

Wir strampeln, aber das hat bislang funktioniert.
Birgit Biegel, Awo-Vorsitzende in Oberlar

Damit gebe es auch keine städtischen Zuschüsse mehr, klagen die Vorsitzende Birgit Biegel und Udo Schumpe, Beisitzer im Vorstand, im Gespräch mit dieser Zeitung. Nun fehlten 1000 Euro monatlich, auf die der Ortsverein der Arbeiterwohlfahrt dringend angewiesen sei. „Wir strampeln“, beschreibt Biegel die bisherige Finanzlage. „Aber das hat bislang funktioniert.“

Mitgliedsbeiträge reichten nicht aus: Awo-Vorsitzende sorgt sich um Mietkosten

Nicht alle städtischen Zuschüsse seien nun gestrichen, erklärte Rathaussprecher Marc Eickelmann auf Anfrage dieser Zeitung. Eine „wirkungsorientierte Förderung“ sei aber an konkrete Angebote im Sinne der Sozial- und Gesundheitsplanung des Rhein-Sieg-Kreises gebunden. Die ist, so Eickelmann weiter, auch Grundlage für die Auswahl der Stadtteile, in denen es derartige Zentren geben solle: In bestimmten Stadt- und Ortsteilen wurde eine besondere Notwendigkeit der Unterstützung festgestellt.

Vor allem um die Miete sorgt sich die Awo-Vorsitzende Biegel. Die werde ebenso wenig über Projektgelder finanziert wie Möbel oder Personal. Trotz der inzwischen 600 Mitglieder reichten die Mitgliedsbeiträge nicht aus. Um die Lücke zu schließen, ist sie auf die Suche nach Unterstützern gegangen. Vorläufige Zusagen habe sie für etwa die Hälfte des Betrags, berichtet sie.

Vertrag der Awo mit der Stadt Troisdorf lief seit Januar 2022

Zum 1. Januar 2022 war ein Vertrag zwischen der Awo Oberlar und der Stadt Troisdorf über die Trägerschaft für ein Stadtteilzentrum und die Begegnungsstätte in Kraft getreten. Den Aufbau solcher Zentren hatte nach der Kommunalwahl 2020 der Sozialausschuss auf Antrag der SPD beschlossen. Auch das Vergabeverfahren sei im Fachausschuss beschlossen worden, erklärte Marc Eickelmann.

Im vergangenen Jahr sei die Awo aufgefordert worden, sich an einem neuen Interessenbekundungsverfahren zu beteiligen – zu ihrem Erstaunen, wie Biegel sagt. Schließlich sei ja die Awo schon Träger gewesen. Die Hoffnung, durch ein schnelles Einreichen der Unterlagen noch vor der Wahl im September eine Entscheidung zu ihren Gunsten herbeizuführen, habe sich aber nicht erfüllt.

Oberlarer Awo-Vertreter sehen sich nicht fair behandelt

Stattdessen folgte in der Sitzung des Sozialausschusses eine Mehrheit der Mitglieder dem Verwaltungsvorschlag. Kritik üben die Awo-Verantwortlichen am Verfahren, das der Abstimmung voranging: Bei der Verteilung der Punkte für einzelne Kriterien sehen sie sich nicht fair bewertet. So sei unter anderem die Lage der Awo an der Sieglarer Straße besser, die Räume, einschließlich der Toiletten barrierefrei. Die Kirchengemeinde habe in ihrer Bewerbung Angebote in Planung, die es, so Biegel, bei ihnen schon lange gebe.

„Für mich hat das ein Geschmäckle“, sagt Udo Schumpe. Es habe keine sachlich-fachliche Debatte gegeben; wichtige inhaltliche Fragen seien erst im nicht-öffentlichen Teil der Sitzung erörtert, die Entscheidung aber schon in öffentlicher Sitzung getroffen worden. „Es war einfach ungerecht“, klagt auch Birgit Biegel. 

Wir haben etwas zu bieten und Kapazitäten, um neue Angebote zu machen.
Michael Lunkenheimer, Pfarrer der Friedenskirchengemeinde

Ins Detail geht der SPD-Fraktionsvorsitzende René Wirtz, der zur Sitzung des Ausschusses eine „kritische Analyse der Verwaltungsempfehlung“ aufstellte. Er sieht gleich mehrere „Bewertungsfehler“, zum Beispiel im Grad der Vernetzung der beiden Bewerber und den Plänen für deren Ausbau. Für zentrale Herausforderungen in Oberlar sieht Wirtz keine adäquaten Angebote der Kirchengemeinde. Angesichts des hohen Anteils von Menschen mit Migrationshintergrund in Oberlar befürworte er auch eine weltanschaulich neutrale Trägerschaft, so Wirtz.

In Kooperation mit der Stadt unterhalte die Friedenskirchengemeinde seit Jahrzehnten eine Begegnungsstätte, sagte Pfarrer Michael Lunkenheimer im Gespräch mit dieser Zeitung. Diese sei vor zwei Jahren noch erweitert worden. Es gebe im Martin-Luther-Haus „ein vielfältiges offenes Begegnungsangebot“, die Gemeinde habe „etwas zu bieten und Kapazitäten, um neue Angebote zu machen“.

Kirche setzt auf weitere Zusammenarbeit in Oberlar

„Eine schwierige Situation“ sei nun entstanden, so der Geistliche weiter. Die Gemeinde habe aber bislang an vielen Punkten sehr gut mit der Awo zusammengearbeitet und wolle das weiterhin tun. Die Hände seien ausgestreckt; „wir sehen, was das für ein wichtiger sozialer Träger in Oberlar ist“. In eine Konkurrenz mit der Awo wolle sich die Gemeinde nicht drängen lassen, aber auch die Kirche müsse sich Gedanken um die Finanzierung ihrer Räumlichkeiten machen. 

Vor einer ungewissen Zukunft steht unterdessen auch der Ortsverein Troisdorf-Mitte der Arbeiterwohlfahrt: Seit dem 1. Januar bekommt der Verein keinen städtischen Zuschuss mehr; neben den monatlich 1000 Euro für Personal- und Sachkosten trug die Stadt auch die Mietkosten der Begegnungsstätte am Wilhelm-Hamacher-Platz. Der Mietvertrag laufe zum 31. Mai aus, sagt die Vorsitzende Gabi Jaax. „Wir hoffen, dass wir einen Anschlussvertrag kriegen.“ 

Wir können noch eine Weile durchhalten. Aber irgendwann wird's eng.
Gabi Jaax, Awo Vorsitzende in Troisdorf-Mitte

Seitens der Kirchengemeinde gebe es das Angebot, ins Johanneshaus als Stadtteilzentrum umzuziehen. Dann müsste die Awo aber das Programm kürzen und habe kein „offenes Haus“ mehr, sagt Jaax. Bislang öffne die Begegnungsstätte an mehr als 30 Stunden pro Woche, „wir haben jeden Tag Programm“. Wo man bei einem Umzug kürzen solle, wisse sie nicht, so Gabi Jaax. „Wir finden das alles wichtig.“

Eine Weile könnten sie noch durchhalten, erklärte die Awo-Vorsitzende. Mit der Kleiderstube nebenan erwirtschafte man ja auch Einnahmen. „Aber irgendwann wird's eng.“